Kreis Holzminden (30.05.09). Als Landesarchäologe Dr. Hans-Wilhelm Heine und sein Holzmindener Kollege Dr. Christian Leiber die ersten Bilder erblickten, waren sie restlos begeistert. „Spektakulär, einzigartig, einfach unglaublich“ waren die ersten Reaktionen der beiden Wissenschaftler. Das Projekt „Airborne Laserscanning im Weserbergland“ (der TAH berichtete am Donnerstag) hat Bilder vom Landkreis Holzminden hervorgebracht, die unter normalen Umständen niemals zu sehen wären. Bilder vom Boden und dem Gelände ohne Bäume, Sträucher und Pflanzen. „Wir sehen Dinge, die uns die Geschichte erklärbar machen, weil wir Zusammenhänge erblicken und dynamische Vorgänge bestimmen können.“ Und Dinge werden entdeckt, die vorher keiner wusste.
Beispiel Großer und Kleiner Everstein: Der Burgberg zwischen Bevern und Negenborn war der Platz der beiden Burgen der Eversteiner Grafen, die im 12. und 13. Jahrhundert eines der bedeutendsten deutschen Adelsgeschlechter waren. Die mit dem Laser gescannten Bilder von den Burgresten, zeigen die Aufschüttungen für die Befestigungen und die Ausmaße dieser Anlagen. „Man sieht, welch logistische Leistung der Bau dieser Burgen war“, macht Dr. Heine klar. Und die verschiedenen Linien auf dem Boden zeigen die Reste der früheren Wege. „Die Ausrichtung nach Dune gibt uns den Hinweis, dass dieses heute wüst gefallene Dorf wahrscheinlich größer war als vermutet und eng mit der Burg verbunden war. Und erstmals, so Dr. Leiber, lasse sich die Größe der Siedlung unterhalb der Burg erkennen. Beispiel Homburg: Die Reste der Siedlungen unterhalb der Burg zeigen die Bedeutung der Homburg. Auf den Modellbildern wird zum ersten Mal die Vorburg deutlich erkennbar, die es bei der Homburg gab. Das Areal, das mühsam per Hand und Fuß untersucht und begangen werden müsste, lässt sich jetzt aus der Luft darstellen. „Wir haben durch die Laserbilder aus der Luft auch schon archäologische Fundstätten erkannt und erste Ausgrabungen getätigt“, so Dr. Leiber.
Beispiel Hünenburg und Nienover: Bisher kannte man von der Hünenburg nur die Hauptanlage der Burg. Dass es ebenfalls wie bei der Homburg eine Vorburg gab, wird jetzt erstmals auf den Laser-Luftbildern deutlich. Auch die alten Wege zur Burg und zur Vorburg werden auf den Darstellungen wieder deutlich. Die Stadt Nienover, die teilweise unter der Leitung von Professor Dr. Hans-Georg Stephan ausgegraben wurde, wurde ebenfalls mit dem Laser gescannt. So ließ sich erstmals der Verlauf der alten Straße darstellen, für die es bisher nur Vermutungen, aber keine Beweise gab. „Die Archäologie macht sich die moderne Technik zunutze“, freute sich Dr. Heine über das vom Niedersächsischen Wissenschaftsministerium geförderte Projekt. Die Technik des Laserscannings ist nicht neu, wird aber in diesem großen Rahmen (Gebiet zwischen Solling, Vogler und Homburg sowie Dassel und Nienover) erstmals in Niedersachsen eingesetzt. 100.000 Hertz ist der Laserstrahl stark, mit dem der Hubschrauber aus 500 Metern Höhe den Boden abtastet. Gleichzeitig macht ein GPS-System die aktuelle Lage fest und in Verbindung mit einem speziellen Computerprogramm entsteht so eine dreidimensionale Darstellung des Geländes ohne störende Bäume oder Sträucher.
„Für uns hat die Auswertung gerade erst begonnen, erste Diplomarbeiten sind geplant und weitere Forschungen werden folgen“, freut sich Dr. Leiber. „Ich bin sicher, dass wir in nächster Zeit viele neue Erkenntnisse gewinnen können.“ Ziel dieser Arbeit sei nicht nur das Erkennen der Strukturen durch digitale Bodenmodelle. Durch die Darstellung der historischen Zusammenhänge kann die Verwertung etwa für archäologische Lehrpfade oder touristische Konzepte erfolgen. „Wir wollen die Erkenntnisse für den Landkreis nutzen“, so Dr. Leiber. (fhm)

© Täglicher Anzeiger Holzminden