Holzminden (02.07.2011). Seit nunmehr 20 Jahren engagieren sich aktive Bürgerinnen und Bürger aus dem Landkreis Holzminden, Menschen aus dem kleinen Land zwischen Polen und Russland mit unterschiedlichen Projekten zu helfen.
Das Land
Weißrussland, ehemals Teil der Sowjetunion, ist nach deren Auflösung seit 1991 ein selbstständiger Staat. In dem mit etwa 9,5 Millionen Einwohnern zählenden multi-ethnischen und multi-konfessionellen Land leben Vertreter von mehr als 100 Nationalitäten und vieler Religionen zusammen. Rund 81 Prozent der Bevölkerung sind indes Weißrussen. Die größte Minderheit mit elf Prozent Bevölkerungsanteil sind Russen, gefolgt von Polen und Ukrainern. Seit 1994 führt Präsident Alexander Lukaschenko das Land in einer totalitären Herrschaftsform, was nach den Demokratisierungsprozessen in den übrigen osteuropäischen Staaten zu einer weitgehenden Isolation in Europa geführt hat. In den besonderen Fokus geriet Weißrussland nach der Tschernobyl-Katastrophe im April 1986. Mehr als 25 Prozent der Fläche Weißrusslands, besonders im Süden und Osten des Landes, wurden durch den radioaktiven Niederschlag verstrahlt.
Der Anfang
Pastor Hinrich Drosselmeyer aus Heinsen hatte Ende der 1980er Jahre Verbindungen zur orthodoxen Gemeinde in Dzerzinsk, einer 30.000-Einwohner-Stadt, rund 40 Kilometer südlich der Hauptstadt Minsk gelegen. Auf dessen und der Initiative der TAH-Redakteurin Birgit Schneider gelang es, eine Klammer zwischen evangelischen und katholischen Kirchengemeinden im Landkreis, dem Diakonischen Werk, dem Deutschen Roten Kreuz, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, der Arbeiterwohlfahrt, dem Technischen Hilfswerk, dem Fachgymnasium Holzminden und dem Holzmindener Handwerk zu bilden, die sich in gemeinsamer Verantwortung für den Aufbau einer humanitären Hilfe für das so stark geschädigte Land stark machten. Mit großzügiger Unterstützung Holzmindener Unternehmen und großer Spendenbereitschaft der Bevölkerung wurden von 1991 bis 1997 insgesamt zehn Hilfsgütertransporte organisiert und durchgeführt.
Die Fortsetzung dieses Projektes scheiterte in der Folge an den zunehmend restriktiver gewordenen Grenz- und Zollbestimmungen der weißrussischen Administration einerseits, andererseits konnte der „Runde Tisch“ auch keine Garantie mehr dafür übernehmen, die gespendeten Hilfsgüter selbst an die Bedürftigen zu verteilen, was bis 1996 – wenn auch in eingeschränktem Maße – noch möglich war.
„Hilfe für Dzerzinsk zwischen
Notwendigkeit und Widerspruch“
„Hilfe für Dzerzinsk zwischen Notwendigkeit und Widerspruch“ – so überschrieb der TAH-Redakteur Thomas Specht seine Erlebnisse nach dem Hilfsgütertransport 1995 und traf damit den Kern der inhaltlichen Ausrichtung des „Runden Tisches“. Die begrenzten Möglichkeiten der vielbeschworenen „Hilfe zur Selbsthilfe“ auf Grund der unterschiedlichen Gesellschafts- und Organisationsstrukturen, der unterschiedlichen Mentalitäten und nicht zuletzt fehlender finanzieller Mittel waren die eine Seite. Andererseits sah man die Notwendigkeit, Hilfeleistungen für alte Menschen, Kranke und Bedürftige zu organisieren, wobei es den Organisatoren bewusst war, dass eine solche Hilfe nur punktuell möglich sein konnte. Was waren 150 Lebensmittelpakete, wenn 5.000 noch zu wenig waren?
Viel zu fremd blieben auch die vorgefundenen politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die trotz aller Herzlichkeit und Gastfreundschaft offenkundig wurden. Und dennoch: der nach wie vor aktive Runde Tisch hat nicht resignierend aufgegeben, sondern sich weiter nachhaltigen, Hilfe versprechenden Projekten zugewandt.
Projekte
In erster Linie wurde das Projekt „Medizinische Hilfe“ durch Dr. med. Cord Manegold, langjähriger Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Holzminden, vorangetrieben. Bereits 1993 konnten zwei weißrussische Ärzte auf Einladung des Runden Tisches am hiesigen Krankenhaus hospitieren, Untersuchungs- und Operationsmethoden kennenlernen und damit die hier erworbenen Kenntnisse zum Wohl der weißrussischen Patienten anwenden. Bis heute haben an dem „Medizinprogramm“ bereits 36 Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudenten erfolgreich und zum Nutzen für beide Seiten teilgenommen.
In den 90er Jahren zeigte es sich, dass es in der weißrussischen Administration Bestrebungen gab, privatwirtschaftliche Initiativen nicht a priori zu verhindern, in der Erkenntnis, dass gerade in den klein-strukturierten Unternehmen des produzierenden Gewerbes und der Landwirtschaft durchaus Entwicklungs- und Innovationspotenzial bestand, welches für die heimische Wirtschaft nur von Vorteil sein konnte. So wurden 1995 Gespräche mit selbstständigen Unternehmern geführt, mit dem Ergebnis, dass sich ein Kreis von 15 Unternehmern konstituierte.
Praktika in der Landwirtschaft und im Handwerk wurden im Anschluss im Landkreis durchgeführt und haben punktuell den Gedanken „Hilfe zur Selbsthilfe“ weiter geführt. Leider konnte dieses Projekt wegen politischer und administrativer Veränderungen auf weißrussischer Seite nicht fortgesetzt werden. Dies erneut zu beleben, wäre sicher eine neue Herausforderung für den Runden Tisch. Ebenso geriet ein Projekt mit einem weißrussischen SOS-Kinderdorf in Minsk ins Stocken.
Vereinsgründung 2001
Um den zahlreichen Spendern einen steuerlichen Vorteil zu ermöglichen und andererseits den bisher „lockeren“ Zusammenschluss engagierter Personen einen „rechtlichen“ Halt zu geben, erfolgte im Jahr 2001 die Gründung des gemeinnützigen Vereins „Runder Tisch – Hilfe für Weißrußland e. V.“ Zweck des Vereins ist die Förderung der Entwicklungshilfe und der Völkerverständigung, der insbesondere durch die Kontaktpflege zu und Kooperation mit medizinischen, pflegerischen, kulturellen, pädagogischen und wirtschaftlichen Einrichtungen in Weißrussland erreicht wird. Dazu gehört die Vermittlung und Durchführung beruflicher Praktika und Hospitationen, die Vermittlung von Unterricht in deutscher Sprache und die Kooperation mit anderen Fördervereinen mit ähnlichen Zielsetzungen in osteuropäischen Ländern. Zum ersten Vorsitzenden des Vereins wurde Dr. med. Cord Manegold gewählt. Ihm zur Seite stehen drei weitere Vorstandsmitglieder, die ebenso wie der Vorsitzende bis heute aktiv tätig sind: Wolfgang Riesenberg, Ingo Beuser und Dietrich Vogel.
Kultur
Den kulturellen Austausch zwischen Dzerzinsk und Holzminden spiegeln die bislang zweimal durchgeführten Kunstausstellungen in den Jahren 2004 und 2007 wider. Die von Vladimir Tscharbin geleitete Kunstschule wurde 1986 gegründet und ist wesentlicher Bestandteil des Künstlerausbildungssystems und des Künstlerlebens in Weißrussland. Diverse Arbeiten der Dzerzinsker Kunstschüler befinden sich in renommierten Museen und Gemäldegalerien in Moskau und Minsk, aber natürlich auch in zahlreichen Privatsammlungen in Europa. Auch hier ist an eine Fortsetzung des Künstleraustausches gedacht.
Ausblick
Wenngleich sich in Weißrussland das autoritäre Herrschaftssystem etabliert zu haben scheint, gibt es doch ein Bürgerengagement, das sich für eine demokratische, rechtsstaatliche und soziale Entwicklung einsetzt. So wird sich der Runde Tisch auch nach 20 Jahren weiterhin für die Verwirklichung seiner satzungsmäßigen Ziele einsetzen und trotz aller bestehenden Schwierigkeiten ein kleines Stück der Völkerverständigung mit gestalten. Im Juli werden erneut sechs junge Mediziner auf Einladung des Runden Tisches am Holzmindener Krankenhaus hospitieren. Ferner ist ein pädagogisches Projekt in Planung. Interessierte Bürgerinnen und Bürger sind herzlich eingeladen mitzuwirken und ihre Ideen in die weitere Arbeit des Runden Tisches einzubringen. Alle Vorstands- und Vereinsmitglieder stehen gerne für weitere Informationen zur Verfügung. Wer indes die Arbeit des gemeinnützigen Runden Tisches aber nicht nur ideell, sondern auch finanziell unterstützen möchte, kann dies über die Bankverbindung gerne tun: Sparkasse Weserbergland, Bankleitzahl 245 501 10, Kontonummer 4011557. (Dietrich Vogel)

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