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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Unsere Bäckerei am Markt

Ilse Hammermeister kann sich noch genau erinnern.

Holzminden (23.12.06). Für meine Eltern gehörten die Tage vor Weihnachten zu den arbeitsreichsten im Jahr, für mich aber waren sie die aufregendsten und spannendsten. Es roch schon ganz anders, wenn ich morgens erwachte; nicht nur nach köstlichem Brot, sondern auch nach Zwetschen,- Streusel- und Zuckerkuchen. Die vielen Frauen aus Holzminden und Mühlenberg waren da, die den Teig in großen Schüsseln mitbrachten, den mein Vater dann zu Kuchen formen und ausbacken musste. Um den Kuchenbelag zuzubereiten, teilten sich die Frauen eine einzige Feuerstelle bei uns in der Küche und mussten odendrein noch aufpassen, dass die Flamme nicht erlosch. Nein, diese Frauen standen nicht schick angezogen vor einem Elektro-Luxus-Herd. Sie trugen geflickte Kleider mit ordentlichen Schürzen davor. Die Haare waren nicht dauergewellt, sie waren züchtig nach hinten gekämmt. Aber diese Familienmütter waren nicht allein. Alle Sorgen und Freuden trugen sie gemeinsam. Sie redeten unaufhörlich, lachten und weinten. Thema Nr. 1 waren die vielen Krankheiten, die speziell Frauen auszuhalten hatten. Eine von ihnen beschrieb die Leiden, und eine andere sagte dann: „Das hatte ich auch schon einmal”. Zum Arzt ging man sehr selten, dafür gab es viele Hausmittel; Kartoffelumschläge bei Halsschmerzen zum Beispiel. Dramatisch für mich wurde es, wenn empfohlen wurde, gelbsuchtkranken ahnungslosen Kindern lebende Schlafläuse von Schäfer Schütte unter den Pudding zu mixen. Ich hatte zwar nie Gelbsucht, aber vorsichtshalber rührte ich jeglichen Pudding zehnmal um, bevor ich ihn aß.
Thema Nr. 2 waren die Ehemänner. Obwohl sich fast niemand zu jener Zeit scheiden ließ, waren die Ehen auch damals nicht ganz einfach. Die Worte Emanzipation und Selbstverwirklichung waren nicht bekannt und eine berufstätige Mutter eine Seltenheit. Aber diese Frauen verstanden es mit weiblicher List, das Zusammenleben zu meistern. Wenn sie denn ihren Willen durchsetzen wollten, kochten sie erst einmal das Lieblingsgericht der Ehemänner. Dann wurde meine Neugier noch stärker, denn plötzlich guckten sie sich vorsichtig um, ob auch kein Kind in der Nähe sei und fingen an zu flüstern und zu wispern. Alles blieb mir völlig unverständlich und schleierhaft. Die Zeit war absolut verschwiegen. Die braven Frauen von damals fielen heute beim Anblick eines einzigen Playboy-Magazines reihenweise in Ohnmacht. Ab und zu kam mein Vater in die Küche. Erschreckt warf er die Arme in die Höhe und meinte: „Nichts ist so schlimm wie so viele Frauensleute im Hause!” Die Küchenbäckerinnen lachten ihn dann einfach aus; sie waren schließlich in der Mehrzahl. Was zählte da schon ein einziger Mann! Das konnte ich nicht gut leiden und stellte mich solidarisch neben meinen Vater. Bis heute kommen mir die Frauen in ihrer Weiblichkeit nicht schwach vor.
Thema Nr. 3 waren die Kinder. Während Ehemänner in der Beurteilung eher nicht so gut wegkamen, waren aber ihre Kinder durchweg die reinsten Wunderkinder mit allerbesten Eigenschaften. Gute Mütter rührten und kochten da in unserer Küche.
Nebenbei bimmelte unaufhörlich die Ladenklingel, und meine flinke Mutter lief hin und her und verbreitete ihre Herzensgüte.
Nachmittags, wenn es in unserer Bäckerei etwas ruhiger wurde, kam der Kirchgang mit meinem Vater. Es waren nicht die Geschenke, die mir Weihnachten am Wichtigsten waren, nein es war der Gottesdienst in der schönen Lutherkirche. Nach der vielen Arbeit meines Vaters - er war seit 2 Uhr nachts auf den Beinen - raffte er sich noch zum Kirchgang auf, weil er wohl wusste, wie wichtig er für mich war. Zunächst musste er sich fein anziehen. Das war für ihn eine Tortour. Irgendwie kam der Haushalt in einem Geschäft zu kurz. Meine Mutter und unser Hausmädchen (das gab es damals noch) suchten die Dinge zusammen, die mein Vater überstreifte. Bei seinem einzigen dunklen Anzug wurden noch schnell ein paar Flecke mit schwarzem Kaffee herausgebürtstet. Endlich guckte mein Vater liebevoll auf mich herab, gab mir seine Hand und sagte: „Nun komm kleines Fräulein.”
Wir eilten in die Kirche. Sie war voll besetzt. Ganz hinten bekamen wir gerade noch Plätze. Feierlich war alles rundherum, Kerzen brannten und in der Mitte leuchtete der Weihnachtsstern. Leises Murmeln, gedämpftes Gehuste und Geschurre von Schuhen waren zu hören. Mein erschöpfter Vater sank auf die Kirchbank, tätschelte meine Hand und riet mir: „So, nun pass mal gut auf.” Seine Augen fielen zu und er fing an, etwas schräg zu sitzen. Ich versuchte ihn zu stützen. Wenn mich das auch ein wenig genierte, war es doch so schön, dass er bei mir war. Der Chor fing an zu singen. Ich hörte die reinen Stimmen, die Singenden konnte ich nicht erkennen. Und da ich ein kleines Mädchen mit viel Fantasie war, dachte ich, es seien die Engel. Ja, ich habe sie sogar gesehen. In weißen, langen Gewändern schwebten sie an den bunten Kirchenfenstern vorbei. Die Weihnachtsgeschichte wurde vorgelesen, und ich war glücklich und fühlte mich geborgen. Die Welt war heil. Als wir nach dem Gottesdienst aus der Kirche traten, war es dunkel geworden. Dicke, weiße, pludrige Schneeflocken fielen vom Himmel, Sterne funkelten. Mein Vater und ich liefen unserem nahegelegenen Haus entgegen. Als wir in die Küche kamen, rief mein Vater laut: „Wir sind da.” Die Tür zum Wohnzimmer war abgeschlossen. Dahinter begannen nun geheimnisvolle Dinge. Ich hörte meine Mutter ein Fenster aufreißen und laut den Weihnachtsmann bitten: „Hier sind artige Kinder, die sich über Geschenke freuen.” Ein Stöhnen folgte, als seien die Pakete viel zu schwer, die durch das Fenster gereicht wurden. Zuletzt tat meine Mutter so, als ob der Weihnachtsbaum durch die schmale Fensteröffnung geschoben wurde. „Vorsicht, Vorsicht,” rief sie und verursachte ein heftiges Poltern und Rumoren. Ich überlegte dabei, wie es möglich sei, den geschmückten Weihnachtsbaum durch das Fenster zu bekommen, ohne das alle Kugeln abfielen. „Der Weihnachtsmann kann eben auch schwierige Dinge”, glaubte ich schließlich.
Die Wohnzimmertür wurde geöffnet. Ach war das hell und freundlich! Der Tannenbaum war bunt und lustig geschmückt mit brennenden Kerzen. Die begehrte Puppenstube stand wirklich da und ein dickes Bilderbuch lag daneben.
Mein Vater warf sich auf das Sofa und durfte nun endlich einschlafen. Meine Mutter nahm mich liebevoll in den Arm und wünschte „Frohe Weihnachten”.

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