Höxter (03.03.2012). Es ist genau 70 Jahre her, dass die Höxteraner Juden aus ihrer Stadt deportiert und nach Riga, Theresienstadt oder Auschwitz verschleppt wurden. Dort wurden sie Opfer des Terrors und Massenmordes der Nazis. Sie wurden Teil der sechs Millionen Menschen, die durch den Holocaust ermordet wurden. Viele Jahre lang hatte man in Höxter sich mit diesem Kapitel der eigenen Geschichte nicht auseinandergesetzt. 1987 war es die damalige Friedensinitiative Höxter, die aus Anlass des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht 1988 erstmals eine Ausstellung zusammenstellte, die an die Höxteraner Juden und ihr Schicksal erinnerte.
Fritz Ostkämper gehörte damals zu den Initiatoren. Heute ist es das Forum Jacob Pins, das sich in ganz besonderer Weise um das jüdische Erbe Höxters und die Bewahrung der Geschichte kümmert. Zurzeit ist dort eine Ausstellung zu sehen, die sich mit der letzten Phase der Höxteraner Juden während der Nazi-Zeit beschäftigt – die Deportation und Ermordung in den Jahren 1941 bis 1945. Aus sehr vielen Quellen hat Ostkämper zusammen mit seinen Freunden der Pins-Gesellschaft die Exponate und Inhalte der Ausstellunng zusammengetragen. Alte Briefe, Fotos, Zeitungsanzeigen, Akten, persönliche Berichte und Protokolle sind ebenso verarbeitet worden wie die Studien von Ernst Würzburger und weitere Veröffentlichungen.
Das Besondere der Ausstellung ist die detaillierte und persönliche Darstellung der einzelnen Familien und Menschen, die deportiert und ermordet wurden. „Wir wollen den Opfern wieder ein Gesicht geben“, sagt Ostkämper. Genau das ist den Ausstellungsmachern in eindrucksvoller und auch zutiefst bedrückender Weise gelungen. Man erfährt von Schicksalen ganz normaler Menschen, die mitten im Leben standen, wie alle anderen Freud und Leid erlebten, im Beruf Erfolg hatten oder auch scheiterten. Man sieht sehr deutlich, dass es sich um typische Lebensgeschichten handelt, um Menschen wie Du und Ich. Allerdings nur bis zu dem Moment, wenn die Nazis diese Menschen verschleppen, foltern, quälen und in unsagbar grausamer Weise hinrichten.
Wenn man sich vorstellt, dass ganz normale Menschen auf einmal aus ihrem Leben gerissen werden und unter Umständen dann vegetieren müssen, die im wahrsten Wortsinne unglaublich sind, bekommt man eine geringe Ahnung davon, welches unendliche Leid diese Menschen erdulden mussten. 41 Höxteraner Juden werden durch die Ausstellung wieder in die Erinnerung zurückgeholt, 41 Menschen kehren nach Höxter und ins Bewusstsein der Menschen zurück. Auf Stoffbannern, Plakaten und Fototafeln werden ihre Geschichten erzählt.
Man erfährt, wie am 9. Dezember 1941 die ersten 20 Juden aus Höxter von der Gestapo offiziell beim Einwohnermeldeamt abgemeldet und nach Bielefeld transportiert wurden. Alle mussten zuvor eine detaillierte Vermögenserklärung abgeben, auf deren Grundlage ihr Besitz in die Hände des NS-Staates überging und danach an „deutsche Volksgenossen“ versteigert oder verkauft wurde. So riss sich beispielsweise der Ortsgruppenführer von Höxter das Auto von Dr. Frankenberg „unter den Nagel“ und setzte es schon nach wenigen Tagen vor einen Baum.
Am 13. Dezember kamen die ersten Höxteraner Juden im Ghetto Riga an. Sie wurden dort in Wohnungen untergebracht, die zuvor von lettischen Juden „geräumt“ worden waren: Die deutschen Nazi-Schergen hatten 27.500 Menschen aus ihren Wohnungen getrieben und in den umliegenden Wäldern erschossen. Die Höxteraner lebten wie 1.000 andere Juden aus Westfalen zu acht in einem Zimmer, erhielten fast nichts zu essen, mussten schwer arbeiten und wurden nacheinander „selektiert“. Zuerst wurden die nicht Arbeitsfähigen, Kranke, Kinder, alte Menschen in den Wäldern erschossen und in Massengräbern verscharrt. Hinrichtungen waren dazu an der Tagesordnung. Siegfried Simson aus Höxter wurde wegen „etwas Brot“ erschossen. Wer im Sommer 1943 noch lebte, wurde in KZs gebracht. Nur ein einziger aus dieser Gruppe, Gustav Uhlmann, überlebte diesen Terror.
Die zweite Gruppe der Höxteraner Juden, die aus fünf Personen bestand, wurde am 31. März 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert. Über sie gibt es kaum Nachrichten, sie sind wahrscheinlich alle in Treblinka oder Auschwitz ums Leben gekommen. Die dritte Gruppe aus Höxter wurde am 31. Juli 1942 in das „Altersghetto“ Theresienstadt gebracht. Sie waren im Durchschnitt 70 Jahre alt, die älteste von ihnen war die 90-jährige Pauline Leopold, die ebenfalls deportiert wurde. Unter den elenden und grausamen Bedingungen in Theresienstadt starben gleich fünf aus der Gruppe in den ersten Wochen. Acht weitere wurden wenige Monate später in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Die letzten Höxteraner Juden mussten dann nach Auschwitz. Dort wurden sie ermordet.
Die Reaktionen, die Ostkämpern von Besuchern der Ausstellung und Nachfahren der Höxteraner Juden bekommen hat, sind einerseits positiv, andererseits aber auch sehr aufwühlend und betroffen. Viele sind erschüttert durch die Schicksale, die diese Menschen erlitten haben. „Diese Menschen lebten zuvor mitten unter uns und wurden herausgerissen und dann brutal ermordet“, sagt Ostkämper. Er habe zudem auch viel Dankbarkeit gespürt, so der Organisator der Ausstellung. Noch bis Ende März ist diese Ausstellung zu sehen, danach kann sie, so Ostkämper, ausgeliehen werden und woanders gezeigt werden. „Wir würden uns besonders freuen, wenn vielleicht in Holzminden Interesse an dieser Ausstellung herrschen würde.“
Wer sich für die Ausstellung im Pins-Forum interessiert, kann sie sich im Forum Jacob Pins, Westerbachstraße 32 in Höxter anschauen. Außerdem ist auf der Homepage des Pins-Forum die Ausstellung sehr gut dokumentiert. Der Besuch der Ausstellung sollte für Schulklassen, auch außerhalb Höxters, Pflicht sein. Für Fritz Ostkämper geht die Arbeit nach Ende der Ausstellugn weiter. Er möchte das Schicksal der jüdischen Menschen aufarbeiten und darstellen, die in den Dörfern rund um Höxter gelebt haben. (fhm)

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