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Sonntag, 5. Februar 2012




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Adolf Hitler – beinahe Bürgermeister von Stadtoldendorf?

Adolf Hitler im Jahr 1931 mit dem braunschweigischen NSDAP-Minister Anton Franzen. Foto: Bundesarchiv

Stadtoldendorf (24.07.2010). Wenn es nicht ein solch schreckliches und mit unglaublich viel Leid verbundenes Ende genommen hätte, könnte man es heute als Provinzposse abtun. Leider war es der Auftakt für die Schreckens- und Terrorherrschaft der Nazis, die in der gesamten Welt über 55 Millionen Menschen das Leben kostete und in die Menschheit in den Krieg stürzte. Und fast hätte Stadtoldendorf bei diesem Auftakt eine Rolle gespielt. Als Hitler und die Nazis Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre im Deutschen Reich immer stärker wurden, gab es für die Braunhemden noch ein bürokratisches Problem auf dem Weg zur Macht zu lösen. Hitler war staatenlos, er hatte keinen deutschen Pass. Und um Reichspräsident oder Reichskanzler zu werden, musste man Deutscher sein.
Hitler, der sich kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs in Österreich vor dem Wehrdienst gedrückt hatte und nach Deutschland geflohen war, trat dort in die Kaiserliche Armee ein. Nach Ende des Krieges blieb er in München und wurde „Berufspolitiker“. Nach dem misslungenen Hitler-Putsch und seiner kurzen Haftstrafe, gab er 1925 seine österreichische Staatsbürgerschaft zurück und war seitdem staatenlos. Das setzte die Leitung der Hitler-Partei NSDAP vor die Aufgabe, Hitler auf irgendeine Art und Weise die deutsche Staatsbürgerschaft zu besorgen.
Der klassische Weg blieb Hitler verborgen, denn ein etwaiger Antrag auf Einbürgerung hätte von dem Parlament der Länder, dem Länderrat in Berlin, abgelehnt werden können. Als Anfang der 30er Jahre Hitlers Einbürgerungsversuche in der Öffentlichkeit bekannt wurden, kündigte die SPD an, in der Länderkammer gegen einen deutschen Staatsbürger Hitler zu stimmen. Somit kam nur der zweite Weg infrage, mit dem man in der Weimarer Republik zum deutschen Staatsbürger werden konnte. Man musste zum Berufsbeamten ernannt werden. Als erstes Land im damaligen Deutschen Reich kamen die Nazis 1930 in Thüringen an die Macht. Der dortige Innenminister Frick ernannte Hitler zum Gendarmeriekommandant von Hildburghausen und überreichte Hitler die Ernennungsurkunde. Einige Tage nach der Übergabe kamen Hitler allerdings Bedenken. Eine solche „subalterne Position ist nichts für den Führer“. Frick und Hitler zerrissen die Ernennungspapiere und beendeten diese thüringische Posse. Allerdings gaben thüringische Beamten im Januar 1932 der Presse einen Tipp, die genüsslich über den „Polizeichef Hitler“ berichteten.
Als nächstes Land wurde der Freistaat Braunschweig von den Nazis „erobert“. Zusammen mit der DVP und der DNVP bildete die NSDAP 1931 in Braunschweig die Landesregierung. Die Landeshauptstadt blieb übrigens weiter von der SPD regiert. Im September des Jahres bekam die Einbürgerungsgeschichte Hitler eine neue Dynamik. Den Nazis wurde bewusst, dass Hitler für die Reichspräsidentenwahl im März 1932 unbedingt einen deutschen Pass benötigte. Und ohne Hitlers deutschen Pass wollten sie nicht seine Kandidatur bekanntgeben.
Am 8. September 1931 stand auf der Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung in Stadtoldendorf die Wiederwahl von Bürgermeister Röder (SPD). Röder, der 1929 für zwei Jahre gewählt wurde, bekam für seinen Antrag allerdings keine Mehrheit. Bürgerliche und Nationalsozialisten sowie – als Zünglein an der Waage – ein Kommunist stimmen gegen ihn und die SPD-Vertreter. Damit endete Röders Amtszeit am 30. November. Eine Woche später wurde Dietrich Klagges (NSDAP) zum Innenminister von Braunschweig ernannt. Er hatte sich die Einbürgerung Hitlers persönlich auf die Fahnen geschrieben. Der Nachfolger Röders hätte nach der damaligen Gesetzeslage von Innenministerium ernannt werden müssen, doch Klagges ließ die Sache Stadtoldendorf zunächst liegen. Ministerpräsident Werner Küchenthal, zwar kein Mitglied der NSDAP, aber der braunen Sache als willfähriger Gehilfe zu Diensten, hatte nämlich einen Vorschlag parat.
Während Klagges überlegte, Hitler eine Stelle am „Forschungsinstitut für Erziehungswissenschaften“ zu geben, schlug Ministerpräsident Küchenthal vor, ihn zum kommissarischen Bürgermeister von Stadtoldendorf zu ernennen. In Stadtoldendorf selbst wurde von den  Überlegungen in der braunschweigischen Staatsregierung nichts bekannt. Zwar spekulierte der Tägliche Anzeiger damals über mögliche Nachfolger, konnte aber bis Weihnachten keine Namen nennen. Zwischendurch hatte Röder noch Widerspruch gegen seine misslungene Wiederwahl eingelegt, die aber von der Regierung in Braunschweig abgelehnt wurde.
Küchenthal führte Gespräche mit Vertretern der im Landtag vertretenen Parteien über eine mögliche Ernennung Hitlers zum Bürgermeister von Stadtoldendorf. Als ihm mehrere Landtagsabgeordnete signalisierten, dass sie einer solche Ernennung nicht zustimmen würden, war das Thema „Hitler in Stadtoldendorf“ erledigt. Innenminister Klagges ernannte einen altgedienten Nazi-Parteigenossen zum neuen Bürgermeister von Stadtoldendorf. Am 28. Januar 1932 wurde Otto Pieperbeck (NSDAP) aus Düren zum neuen Bürgermeister von Stadtoldendorf berufen. Pieperbeck war schon Anfang der 20er Jahre als rechtsradikaler Aktivist aufgefallen und 1930 als aktiver Nazi aus der Stadtverwaltung Düren entlassen worden. Er blieb bis 1933 Bürgermeister in der Homburgstadt.
Die Nazis suchten weiterhin nach einer Möglichkeit, Hitler zum Deutschen zu machen.  Josef Goebbels schaltete sich in die „Staatsangehörigkeitsfrage“ ein. Am 4. Februar erteilte die NSDAP-Führung in Berlin Klagges direkt den Auftrag, Adolf Hitler zum Professor an der TH Braunschweig zu ernennen. Damit sollte dann die Einbürgerung möglich werden. Doch gegen diesen Plan regte sich in Braunschweig Widerstand. Man werde das verhindern, hieß es aus den Reihen der Hochschule. Und auch die für die Ernennung notwendige Bereitstellung einer Stelle im Haushaltsplan schien durch das Nein der Hochschule in Gefahr. So kam die Landesregierung auf eine neue Idee. Hitler sollte Regierungsrat an der braunschweigischen Gesandtschaft in Berlin werden. Als dieser Plan von der Mehrheit der Regierung in Braunschweig gebilligt wurde, traute sich Goebbels an die Öffentlichkeit. Am 22. Februar 1932 verkündet er die Kandidatur Hitlers für die Wahl zum Reichspräsidenten – kurz vor Ablauf der Nominierungsfrist. Einen Tag später billigte die Regierungskoaliton von DVP, DNVP und NSDAP offiziell die Planstelle für Hitler in Berlin. Am 25. Februar 1932 wurde er zum Regierungsrat ernannt und damit Bürger des Freistaats Braunschweig. Im gleichen Augenblick erhielt er die deutsche Staatsangehörigkeit.
Zwar verlor Hitler am 13. März 1932 die Wahl gegen Paul von Hindenburg, doch hatte er damals dennoch gewonnen. Durch die Einbürgerung per Beamtengesetz war er Deutscher geworden. Dadurch gab es auch keine bürokratische Möglichkeit mehr, den Nazi-Terror zu stoppen. Die Stelle in Berlin hatte Hitler übrigens niemals angetreten. Er ließ sich auf unbestimmte Zeit beurlauben und kurz nach seiner Ernennung zum Reichskanzler vom Dienstposten in Berlin befreien. Bis heute steht in den Geschichtsbüchern, dass der Freistaat Braunschweig Hitler den Weg offiziell nach Deutschland geöffnet hatte. Glücklicherweise ist dieses Schicksal Stadtoldendorf erspart geblieben. (fhm)

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