Holzminden (03.07.2010). Ich war zum vierten Mal in Gambia, dem kleinsten Land in Westafrika. „Smiling Coast of West Africa“, nennt der Präsident sein Land. Es ist von Senegal umschlossen und hat die schönste Küste am Atlantischen Ozean, vergleichbar mit der Südküste Sri Lankas.
Gambia hat rund 1,7 Millionen Einwohner, die Hälfte davon unter 30 Jahre, wie überall in Afrika. Banjul, die Hauptstadt, ist klein und macht keinen guten Eindruck. 1965 wurde Gambia unabhängig von England, daher die Amtssprache Englisch. Weitere Sprachen sind: Mandinka, Wolof, Fulbe und 20 weitere afrikanische Sprachen. Ein großer Teil der Kinder geht nicht zur Schule, da die Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können. Dieses System haben sie von den Engländern übernommen. Es gibt eine sehr kleine Oberschicht und die große Armut.
Von 1994 bis 2006 habe ich in Bremen gelebt und in dieser Zeit Maria aus Gambia kennengelernt. Durch sie bin ich nach Gambia gekommen und habe immer bei ihrer Familie gewohnt. Seit der Vater vor gut zwei Jahren verstarb, verwaltet die Mutter den Compound (das Grundstück). Hier leben noch vier Töchter im Alter von 15 bis 28 Jahren, zwei Enkelkinder und Musa, der 36-jährige Sohn. Als junger Heranwachsender war Musa ein begnadeter Fußballer und hatte eine internationale Karriere vor sich. In einem Freundschaftsspiel zog er sich einen sehr komplizierten Fußknöchelbruch zu. Nach diesem Spiel sollte er eigentlich nach Europa, aber der Traum war nun vorbei. Wenn ich mit Musa unterwegs war, hörte ich mindestens alle fünf Minuten: „Abbedy Sally“ (sein Fußball-Spitzname), hey, wie geht es dir, alles in Ordnung? Musa hat Großhandelskaufmann gelernt, ist aber ohne Arbeit. Jeder, der Arbeit hat, vermittelt zuerst seine Verwandten.
Seine Mutter war lange als Lehrerin tätig, inzwischen ist sie Bürgermeisterin ihres größeren Dorfes, rund 20 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, und hat in zwei Jahren Erstaunliches umgesetzt. Das Dorf liegt an der Hauptverkehrsstrecke von Banjul an den Atlantik. Der Lastwagen-Verkehr nutzt die Strecke weiter bis nach Guinea.
Bei meinem letzten längeren Aufenthalt habe ich sehr viel erlebt – Positives wie auch Negatives. Am Puls der Zeit! Das pralle Leben!
Viele von uns in Europa haben die zum Teil drastischen Veränderungen hier wahrgenommen. Doch im Vergleich zu Afrika geht es uns sehr gut. Die erste Mahlzeit gab es im Compound gegen 14.30 Uhr zum Lunch (Mittagessen). Eine große Schüssel Reis mit wenig darüber, meistens zwei Fische in unterschiedlichen Zubereitungen. Gegen 20.30 Uhr gab es Aufgewärmtes vom Lunch, und wenn dann noch etwas übrig blieb, gab es dies am nächsten Morgen zum Frühstück. Etwa alle zehn Tage gab es Fleisch: Mehr Knochen, Sehnen, wenig Fleisch. Was ich noch gesehen habe, behalte ich besser für mich.
Nächtliche Messer-Attacke
Genau eine Woche nach meinem Abflug am 15. Mai wurde Musa spät abends auf dem Nachhauseweg hinterrücks angegriffen und mit einem Messer am Rücken stark verletzt. Der Täter konnte sofort gefasst werden und sitzt ein. Heute, nach sechs Wochen, ist keine Heilung eingetreten, die Wunde ist noch offen, und die Schmerzen sind vehement; er braucht absolute Ruhe und kann nur auf dem Bauch liegen. Wenn ich einen Zwei-Minuten-Anruf tätige, kann ich ihn kaum verstehen. Es sind die Schmerzen. Muss er zum Verbandswechsel ins Krankenhaus, muss er etwa zwei Kilometer zur Hauptsraße in der prallen Sonne laufen. Dann wird ein Sammel-Taxi angehalten, und mit mindestens 15 Mitfahrern geht es ins Krankenhaus nach Banjul. Zwischendurch muss er mehrmals das Taxi wechseln, weil die Strecken hier aufgeteilt sind. Natürlich immer in Begleitung eines Freundes, allein kann er das nicht managen – es ist ein Geschiebe und Gedränge in der Hitze. Zweimal war er stationär im Hospital. Der Arzt kann nicht röntgen, weil kein Gerät vorhanden ist.
Auf Anraten des Arztes war Musa nun vor einer Woche mit dem Busch-Taxi nach Dakar in den Senegal aufgebrochen. Er ging dort zur Untersuchung ins Krankenhaus. Die Strecke dauert sieben bis acht Stunden und ist höllisch – ich habe sie selbst vor drei Jahren erlitten! In Banjul muss er mit der Fähre über den großen, etwa drei Kilometer breiten Fluss Gambia setzen, wieder mit dem Taxi zur senegalesischen Grenze fahren, nach der Pass-Kontrolle das nächste Taxi nach Dakar suchen.
Ich habe keine Vorstellung, in welcher Verfassung er dort angekommen ist. Eine kurze Strecke ist asphaltiert, doch dann kommen die Schlaglöcher. Auf der Sandpiste ist es noch schlimmer. Hier wird im Slalom-Kurs den großen Schlaglöchern ausgewichen. Trotz dieser Straßenverhältnisse ist das Fahrtempo enorm. Bei meiner Fahrt standen zu beiden Seiten der Straße einzelne Häuser, einige Schafe trotteten zur gegenüber liegenden Seite. Das Tempo wurde nicht gedrosselt, ich sah uns schon mit dem Taxi und samt Schafen durch die Luft wirbeln und am Mangobaum zerschmettern! Adrenalin pur!
Zum Beispiel der Peugeot 406 hat eine zusätzliche Sitzreihe eingeschweißt bekommen. Beinfreiheit gibt es nicht mehr, und zu Dritt sitzt man in einer Reihe, der verbleibende Kofferraum ist natürlich pickepacke voll. Ich hatte damals großes Glück, dass keine dicke Afrikanerin in der Reihe saß. Das war meine „Rallye Dakar“ – und nie wieder!
Bislang habe ich Musa finanziell unterstützt, stoße jetzt aber an meine Grenzen. Ich habe mich dazu durchgerungen, um finanzielle Unterstützung für Musa zu bitten. Die gesamte Behandlung muss bar bezahlt werden, Versicherungen gibt es nicht. Zudem muss er seine tägliche Mahlzeit kaufen und sich ein paar neue Kleidungsstücke zulegen. Denn zusätzlich wurde Musas Haustür während eines Krankenhaus-Aufenthalts aufgebrochen und alles (!), zum Beispiel Kleidungsstücke, Schuhe, Fußballschuhe, Fernseher, zwei Stühle und Sachen von mir gestohlen. Er hat jetzt nur noch das, was er am Leib trug. Er bekommt von seiner Mutter nicht eine Mahlzeit am Tag, weil er nicht verheiratet ist und keine Arbeit hat.
Musa möchte den Compound verlassen, als erwachsener Mann für sich wohnen. Dies kann ich nur befürworten, denn als unverheirateter Mann wird er im Compound nicht akzeptiert.
Musa hat von mir eine Art Visa-Card für ein Konto, das ich von hier kontrolliere, und ich überweise von hier aus die Beträge auf das Konto. Die Überweisungsgebühren bei „Western Union“, eine globale Minuten-Überweisungsbank, werden somit von jeweils 26 auf 5,50 Euro pro Abhebung reduziert. Ich bitte die Leser des TAH um Spenden für eine adäquate Behandlung Musas in seiner Heimat. Alle Spenden kommen direkt und im vollen Umfang bei Musa an. Meine Bankverbindung lautet: Konto 632930463, Bankleitzahl 44010046, Vermerk: Hilfe für Musa.
Die letzte Meldung aus Gambia erreichte mich am 30. Juni: Die Ärzte in Dakar konnten die Verletzung diagnostizieren. Zurzeit befindet sich Musa in einer Klinik in Bakau zur weiteren Behandlung. Für wie lange ist unklar. Zwei Tage Krankenhaus-Aufenthalt kosten rund 100 Euro plus Medikamente.
Ich denke, es muss nicht immer nur für einen Tsunami, Hochwasser- oder Brandkatastrophe im großen Ausmaß gespendet werden. (Margrit Pons)

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