"Wissen Sie, nach wem der Corvinusgang benannt ist?" Eine Zufallsumfrage in der Innenstadt Bodenwerders brachte kein Ergebnis. "Nein, keine Ahnung" oder "Irgendein wichtiger Mensch" lauteten viele Antworten. Anfragen im Pfarramt Bodenwerder, beim Ordnungsamt der Stadt, bei Dr. Christian Drömann als Abt des Klosters Amelungsborn und der Bibliothek des Landeskirchenamtes Hannover gaben Auskunft: Antonius Corvinus war der Reformator Niedersachsens, der in der Mitte des 16. Jahrhunderts entscheidend dazu beitrug, den neuen, evangelischen Glauben in den welfischen Ländern einzuführen.
Vor 500 Jahren, am 11. April 1501, kam Corvinus im westfälischen Warburg zur Welt. Zurzeit läuft im dortigen Museum eine Ausstellung über den Reformator, und an diesem Wochenende treffen sich dort Kirchengeschichtler aus Niedersachsen, Hessen und Westfalen, um das Werk dieses Mannes stärker in die Öffentlichkeit zu bringen.
In seiner Zeit galt Corvinus als einflussreicher und wichtiger Mann der Kirche. Mit Martin Luther und Philipp Melanchthon traf er sich persönlich, die drei schrieben sich regelmäßig. Als in Münster die Schreckensherrschaft der Täufer gewaltsam niedergeschlagen wurde, holte man Corvinus, um die Führer der Täufer zu vernehmen. Im Februar 1537 gehörte der Sohn aus einfachen Verhältnissen zusammen mit Fürsten, Herzögen und Grafen zu den Unterzeichnern der Schmalkaldischen Artikel, dem Bund der lutherischen Landesteile im Deutschen Reich. Wie kam ein Mann aus bürgerlichem Umfeld an die Seite der Herrscher seiner Zeit?
1519 trat der 18-Jährige als Novize ins Kloster Loccum ein, begann ein Studium in Leipzig und wurde schließlich Mönch im Zisterzienser-Kloster Riddagshausen. Dort setzte ihn im Jahr 1523 der Abt vor die Tür. Der eifrige Mönch hielt es mit der neuen Lehre Martin Luthers, und das missfiel dem Abt. Zusammen mit anderen Mönchen wurde Corvinus verjagt.
Danach verschwand die Spur des Eiferers für einige Jahre im Dunkel der Geschichte. Erst in Urkunden aus dem Jahr 1528 lesen wir wieder von ihm. Er hatte wohl in Hessen als Prediger gearbeitet und die Zeit genutzt, im Selbststudium seine theologischen Kenntnisse zu verbessern. In Goslar erkannte man das Talent des jungen Mannes, gab ihm eine Anstellung als Prediger und schickte ihn mit einer Delegation nach Wittenberg.
Dort lernte Corvinus Martin Luther kennen, der ihn als "gerecht urteilenden, friedlichen Mann" einschätzte. Ein Jahr später wurde er Pfarrer von Witzenhausen. In diesen Jahren entwickelte sich der "kleine Pfarrer" zum respektierten Theologen und Reformator. In der Zwischenzeit hatte er in Marburg weiterstudiert und seinen Magister gemacht. Corvinus schrieb Artikel zu aktuellen Themen, die als Flugschriften verbreitet wurden und wegen ihrer einfachen Sprache sehr beliebt waren.
Auch seine Gespräche mit den Führern der Täufer brachte er zu Papier, um andere Gläubige vor den Irrtümern des Täufertums zu bewahren. Er veröffentlichte 1535 die "Evangelienpostille" und 1537 die "Epistelpostille", die den inzwischen zum hessischen Hoftheologen aufgestiegenen Pfarrer in ganz Norddeutschland bekannt machten. Denn er schrieb nicht im gelehrten Latein, sondern in der Sprache des Volkes. Ihn konnte damals jeder verstehen. Nachdem er 1542 Generalsuperintendent von Lippe wurde, beauftragte ihn Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg mit der Reformation des Kalenberger Landes. Zusammen mit Johann Bugenhagen und Martin Görlitz reiste er durch die Lande, um vor Ort für die Durchsetzung der lutherischen Lehre zu sorgen. Schon vorher hatte er für Northeim eine Kirchenordnung geschrieben (1539) und die Reformation in Hameln vorangetrieben (1540). Am 26. Oktober 1542 kam der Reformator im Kloster Amelungsborn an, um eine Visitation durchzuführen. Zunächst beschäftigte er sich mit dem Schicksal der Bewohner des Klosters Kemnade. "Sie können im Kloster verbleiben, wenn sie die papistische Religion ablegen, Gottes Wort gern hören, die Sakramente empfangen und die neue Lehre nicht verspotten und davon schimpflich reden", so Corvinus. Nicht ganz so zufrieden wie mit dem Kloster Kemnade war Corvinus mit der Stadtpfarrei in Bodenwerder. Hier gab es keinen Pfarrer und keinen Kaplan. Denn für den Unterhalt der Stadtkirche sollte eigentlich das Kloster sorgen, das dieser Pflicht aber nicht nachkam.
Corvinus verhandelte mit dem Rat, predigte in der Gertrudis-Kapelle und schlug vor, dass ein Pastor nach Bodenwerder geschickt wurde, "der in gots worte geschickt und eines guten wandels sein soll". Die Stadt übernahm das Patronat über die Pfarrei, und mit Johannes Uthlo kommt 1543 der erste lutherische Pastor nach Bodenwerder. Antonius Corvinus, inzwischen Landessuperintendent der welfischen Länder, war in diesen Jahren auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Sein Schicksal wendete sich allerdings im Jahr 1548, als die Reichsstände das "Augsburger Interim" beschlossen. Alles sollte zunächst einmal bleiben, wie es war, keine weiteren Reformationen oder Gegenreformationen sollten stattfinden, lautete der Beschluss der Fürsten. Das hielt er für einen großen Fehler und veröffentlichte eine Gegenschrift. Als 140 Pfarrer sich auf einer Synode hinter ihren Landessuperintendenten stellten, war für den nachfolger der Herzogin Elisabeth, Herzog Erich II., das Maß voll. Herzog Erich, der in das Lager des katholischen Kaisers gewechselt war, ließ Corvinus verhaften und ins Verlies der Burg Kalenberg werfen. Drei Jahre lang muss der erste evangelische Märtyrer die Qualen der Haft ertragen. Zahlreiche Fürsten und Herzöge setzten sich zwar für seine Freilassung ein, doch erst als 1552 der Protest immer massiver wurde, gab Herzog Erich II. endlich nach. Corvinus kam frei, doch der Reformator war durch die dreijährige Kerkerhaft gezeichnet. Gefängnis und Krankheit ließen Corvinus in seinem Glauben nicht wanken. Kaum aus der Haft entlassen, setzte er sich an sein Pult und schrieb sein "Betbuch". Es war seine letzte irdische Arbeit, denn kurz danach legte er für immer den Federkiel aus der Hand. Am 5. April 1553 starb er an den Folgen der Haft in Hannover. Noch heute erinnert der Corvinusgang in Bodenwerder an diesen tapferen und tiefgläubigen Mann. Udo Krause, Chef des Ordnungsamtes in Bodenwerder: "Die offizielle Festlegung der Straßennamen erfolgte erst 1938. Allerdings gehe ich davon aus, dass der Name ‚Corvinusgang‘ sich seit dem Mittelalter eingebürgert hat." Man hat sich gern des Mannes erinnert, der sich für die neue Lehre so stark einsetzte.
Nur in "seiner" Kirche scheint die Erinnerung zu verblassen: Wie sonst ist es zu erklären, dass der 500. Geburtstag nur mit einer Ausstellung in seiner - katholischen - Geburtsstadt Warburg gewürdigt wird? (fhm)