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Sonntag, 5. Februar 2012




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Bis nach Berlin und noch ein kleines Stück weiter…

Wasser bis zum Horizont! Die Etappen auf dem Kanal wollten scheinbar kein Ende nehmen. Foto: Kusak

Holzminden (21.08.10). Das Ruderlager in Zernsdorf, das der Ruder-Club Holzminden jedes Jahr in den Sommerferien veranstaltet, ist schon fast Tradition. Dieses Jahr konnten die Holzmindener Ruderer das zehnjährige Fahrtenjubiläum feiern. Doch das war nicht das Besondere an dieser Fahrt. Es lag vielmehr darain, dass zwei unerschrockene Ruderer, oder besser gesagt ein Ruderer und eine Ruderin, die Anfahrt mit dem Boot bewältigten! Olga Maul und Dennis Kusak erzählen. Das Projekt entstand bereits vor zwei Jahren aus einer „Bierlaune“ heraus. Einer der Zernsdorfer fragte, ob die Holzmindener im nächsten Jahr nicht mit dem Boot anreisen wollten. Zuerst gab es großes Gelächter und man fragte sich, ob es denn überhaupt einen direkten Wasserweg von Holzminden bis Zernsdorf gibt.
Uwe Arste, einer der Hauptorganisatoren des Ruderlagers, wollte es schließlich genau wissen und präsentierte im letzten Jahr eine ausgearbeitete Route. Die Gesamtstrecke beträgt über 500 Kilometer, 400 davon sind nur stehendes Gewässer ohne jede Strömung!
Im Frühjahr dieses Jahres, als die Anmeldungen für das Ruderlager 2010 ausgegeben wurden, meldeten sich Olga Maul und Dennis Kusak und behaupteten: „Wir rudern dieses Jahr nach Zernsdorf!“ Das wollte anfangs niemand glauben, doch schnell begannen die konkreten Planungen.
Beide fingen an, für die Fahrt zu trainieren und regelmäßig lange Strecken zu rudern. Im Juni, einen Monat vor der Abfahrt, wurde es dann ernst. Langsam wurde beiden bewusst, was sie sich vorgenommen hatten. Die einzelnen Etappen mussten detailliert geplant werden. Übernachtungsmöglichkeiten in Bootshäusern und auf Zeltplätzen wurden reserviert und Hindernisse auf der Strecke, wie Schleusen und Wehre, mit Hilfe von Gewässerkarten exakt herausgearbeitet.
Auch die Auswahl des Bootes wurde nicht dem Zufall überlassen. Es musste leicht sein, damit man es auch zu zweit aus dem Wasser heben kann, und gleichzeitig robust, denn ein Schaden am Boot würde im Zweifel das Ende der Fahrt bedeuten. Nach einigen Probefahrten entschieden sich Olga und Dennis für die „Aller“, einen gesteuerten Gig-Doppelzweier mit einem stabilen Rumpf aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Ein Problem blieb jedoch: Sie hatten keinen Steuermann. Sie improvisierten und konstruierten das Steuer der „Aller“ so um, dass es von einem Ruderplatz aus mit dem Fuß bedient werden konnte.
Mitte Juli gab es schließlich kein Zurück mehr. Das Boot wurde am frühen Morgen am Holzmindener Steg zu Wasser gelassen und mit dem Gepäck, verstaut in wasserdichten Taschen, beladen. Um 7.30 Uhr legten die beiden Abenteurer ab und begaben sich, weserabwärts mit Kurs Hameln, auf die bisher wohl größte Herausforderung ihres Lebens. Bei gutem Wetter kamen sie zügig voran und hatten bereits am frühen Nachmittag das Etappenziel am Ruderverein Weser-Hameln erreicht. Das Boot lief gut, und die selbstgebaute Steueranlage funktionierte einwandfrei. Lediglich die Rollsitze erwiesen sich als äußerst unbequem.
Am zweiten Tag stand mit 70 Kilometern die längste Etappe der Tour an. Ein letztes Mal mit Hilfe der Weserströmung sollte das eigentlich kein Problem darstellen. Doch ein bisweilen stürmischer Gegenwind machte die Fahrt zu einer echten Qual. Darüber halfen weder die abwechslungsreiche Landschaft, noch die Passage der Porta-Westfalica hinweg. Völlig erschöpft erreichten sie Minden.
Tag drei war die erste Etappe auf dem Mittellandkanal. Der Kanal wird in Minden mit einem Aquädukt über die Weser geführt. Um ihn zu erreichen, musste das Boot erstmals umgetragen werden. Auf dem mitgebrachten Bootswagen zogen und schoben sie das Boot mit aller Kraft einen steilen Schotterweg hinauf zum Kanal.
„Wer das gebaut hat, hat noch nie ein Ruderboot gesehen!“ fluchten beide in ihrem abendlichen Tagebuchbericht, den sie täglich an ihre Kameraden nach Holzminden schickten. Nach den ersten Kilometern auf dem Mittellandkanal waren Olga und Dennis sehr zufrieden. Es ging gut voran.
Doch die große Hitze und zunehmender Wellengang durch die Berufsschifffahrt machten die Bedingungen immer schwieriger. Erst nach zehn Stunden im Boot erreichten sie das Tagesziel in Stöcken.
Die nächsten drei Tage wurden sie von der Monotonie des Mittellandkanals begleitet. Die Fahrt führte sie über Peine und Wolfsburg bis nach Haldensleben.
Am siebten und letzten Tag auf dem Mittellandkanal wartete das größte Hindernis der gesamten Reise: Die Trogstrecke über die Elbe. Dieses 2,5 Kilometer lange Teilstück darf von Sportbooten nur mit einer Sondergenehmigung befahren werden, die vom Wasser- und Schifffahrtsamt, trotz intensiver Bemühungen vor der Abreise, leider nicht ausgestellt wurde. So musste das Boot samt Gepäck über die gesamte Distanz auf dem Landweg mit dem kleinen Bootswagen transportiert werden. Das Einsetzen des Bootes am Ende der Trogstrecke war besonders kniffelig. Es musste über eine sehr hohe Uferkante ins Wasser gelassen werden. Gut, dass dort ein Helfer zur Stelle war, der sich auch in weiterer Hinsicht als absoluter Glücksfall erwies. Es war nämlich der Schleusenwärter der Schleuse Hohenwarte, ein paar Kilometer weiter. Auch diese Schleuse, mit einem beeindruckenden Hub von 19 Metern, ist normalerweise für Sportboote gesperrt. Der freundliche Schleusenwärter hatte jedoch ein Einsehen und machte eine Ausnahme. Zusammen mit den großen Frachtschiffen durften sie in die gigantische Schleuse einfahren und ersparten sich so ein weiteres quälendes Umtragen.
Geschafft! Der Mittellandkanal lag hinter ihnen. Mittlerweile zehrten die Strapazen der vergangenen Tage an den Kräften und vor allen Dingen am „Sitzfleisch“. Jede Minute auf den harten Rollsitzen bereitete Schmerzen, und auch die Hände machten sich bei jedem Ruderschlag bemerkbar. Nur die Landschaft bot wieder mehr Abwechselung. Über den Elbe-Havel-Kanal nahmen sie am achten Tag Kurs auf den Plauer See.
An Tag neun ruderten sie bis Ketzin. Da es auf diesem Stück keine feste Übernachtungsmöglichkeit gab, mussten sie sich einen geeigneten Ort suchen, um ihr Zelt aufzuschlagen. Bereits unterwegs wurden sie auf das heranziehende Unwetter aufmerksam gemacht. Kurzfristig entschieden sie sich, die Etappe vorzeitig zu beenden. Bei Gewitter, Sturmböen und heftigem Regen mussten sie eine schlaflose Nacht im Zelt ausharren. An Erholung war nicht zu denken.
„Endlich Berlin!“ hieß es am zehnten Tag. Die Gewässer bei Berlin teilen sich in viele Kanäle und Seen. Die Gewässerkarte lag daher immer griffbereit, denn nichts wäre nach den Anstrengungen der vergangenen Tage schlimmer gewesen, als nach einigen Kilometern zu merken, dass man falsch abgebogen ist und wieder zurück muss.
Ohne sich zu verfahren, kamen sie bei ihrem Übernachtungsort, der Rudergesellschaft „Wiking“, an. Euphorie machte sich breit, denn zwischen ihnen und dem lang ersehnten Ziel, Zernsdorf, lagen nur noch 30 Kilometer.
Am nächsten Tag ließen sie sich Zeit und frühstückten ausgiebig, bevor sie ins Boot stiegen. Die letzten Kräfte wurden mobilisiert. Sie hatten sogar so viel Energie, dass sie „ihre Aller“ mit einem Rennboot verwechselten und auf der berühmten Regattastrecke in Berlin-Grünau die 2.000-Meter-Distanz ruderten, wenn auch die erzielte Zeit sicher nicht für die Weltspitze gereicht hat.
Nach einem letzen Umtragen an der Schleuse „Neue Mühle“ ruderten Olga und Dennis die finalen zwei Kilometer auf der Dahme. Schon von weitem konnten sie ihre Freunde und Vereinskameraden, mit einem großen Transparent in der Hand, sehen und hören.
Überglücklich legten Olga Maul und Dennis Kusak nach elf Tagen und 524 geruderten Kilometern am Steg in Zernsdorf an und konnten ihren „Siegerpokal“ von den applaudierenden Fans in Empfang nehmen. Sie hatten das geschafft, was ihnen anfangs niemand zugetraut hatte. Das Ruderlager 2010 in Zernsdorf konnte beginnen!
Weitere Bilder von der Fahrt, die genaue Route und das Fahrtentagebuch kann sich jeder Interessierte unter www.rc-holzminden.de ansehen.

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