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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Boffzen stellt sich immer wieder den Herausforderungen

Boffzen (03.12.05). Kommunales Leben kann nur funktionieren, wenn die Bürger sich verantwortlich fühlen und sich für die Belange ihres Ortes einsetzen. „Boffzen hat mehrfach gezeigt, dass es an solchem Engagement nicht fehlt.” Dieses große Lob richtet Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff an die Bürger von Boffzen. Die Wesergemeinde feiert im Jahr 2006 das 1.150-jährige Jubiläum. Extra zum Jubiläum ist jetzt die Chronik der Gemeinde Boffzen erschienen, zu der Wulff das Vorwort verfasst hat. Das große Lob, das der Ministerpräsident ausspricht, ist keine Schmeichelei. Denn wer die lesenswerte Chronik in die Hand nimmt, der lernt die bemerkenswerte Geschichte Boffzens kennen.

 

 

r Geschichte steht Corvey. In Urkunden des von Kaiser Ludwig dem Frommen gegründeten Klosters wird von Schenkungen in „Boffeshus” gesprochen. Da es sich nicht um Stiftungs- oder Gründungsurkunden handelt, wird es den Ort schon davor gegeben haben. Allerdings ist die erste schriftliche Erwähnung im Jahr 856 der gute Grund, um das Jubiläum des Ortes zu feiern. Dass schon vor der Zeit der Karolinger Menschen in Boffzen lebten, beweisen die zahlreichen archäologischen Funde, die auch in der Chronik dargestellt werden.
Das bekannte Boffzer Ritter- und Ministerialengeschlecht derer von Boffessen taucht erstmals Ende des 12. Jahrhunderts in den Urkunden auf. Die von Boffessen gehörten zu den begüterten Grundherren. Sie besaßen Höfe und Ländereien in Maygadessen bei Godelheim, in Bosseborn und in Höxter. Der bekannteste von ihnen ist Konrad von Boffessen, der am fünften Kreuzzug gegen die „Ungläubigen” im Heiligen Land teilnahm. Im 15. Jahrhundert erlebte das Adelsgeschlecht den sozialen Abstieg. Ritter waren nicht mehr gefragt in einer Zeit, in der sich Feuerwaffen und das Landsknechtswesen etablierten. Die Spur der Familie von Boffessen verliert sich schließlich im 18. Jahrhundert.
Im Mittelalter war Boffzen ein landwirtschaftlich geprägter Ort. Die Mehrzahl der Bauern gehörte zu der Gruppe der schollengebundenen Hintersassen, die mit Abgaben an den Grundherren und unentgeltlichen Arbeitsdiensten belastet waren. Lehensrechtlich unterstanden die Menschen in Boffzen den Corveyer Äbten, allerdings macht Björn Lohnert, der Autor der historischen Abhandlungen in der Chronik, deutlich, dass ab dem 14. Jahrhundert Boffzen immer mehr unter den Einfluss der Welfen geriet.
Während der Reformation bekamen die Menschen an der Weser auch die Auswirkungen der Glaubenskriege in Deutschland zu spüren. Richtig schlimm wurde es aber während des Dreißigjährigen Krieges. Immer wieder streiften Söldnerheere durch den Weserraum und verwüsteten die Städte. Oftmals retteten sich die Menschen aus Boffzen ins nahegelegene Höxter und suchten dort hinter den Stadtmauern Schutz. Doch im Jahr 1634 nützten auch die Stadtmauern von Höxter nichts mehr. Kaiserliche Truppen erstürmten die Stadt und mordeten, plünderten und vergewaltigten mit grausamer Brutalität. Auch danach waren Höxter und auch Boffzen immer wieder Schauplätze von schlimmen Kämpfen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde Boffzen durch die Streitigkeiten im Herzogtum Braunschweig und im Siebenjährigen Krieg immer wieder in Mitleidenschaft gezogen.
Im Zeitalter der Industrialisierung erlebte der Weserort einen Aufschwung. Lebten 1821 etwa 920 Menschen im Ort, so waren es 1848 schon 1.136 und 1871 1.368 Menschen. Die Glashütte, die Anbindung an das Eisenbahnnetz und die fortlaufende Verbesserung der Produktionstechniken brachten auch den Menschen an der Weser neue Möglichkeiten.
Der Chronik gelingt es immer wieder, die Ereignisse in Boffzen in den richtigen Zusammenhang mit den geschichtlichen Ereignissen in Deutschland und Europa zu setzen. Nicht nur deshalb ist dieses Buch lesenswert. Es arbeitet auch die dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte in offener, ehrlicher und mahnender Weise auf. Björn Lohnert schildert die Machtergreifung der Nazis und widmet sich besonders dem aus Boffzen stammenden damaligen Kreisleiter August Knop.
In Erinnerung gerufen werden die Schikanen, Verfolgungen und Ermordungen der jüdischen Bürger Boffzens, die zum großen Teil den Terror der Nazizeit nicht überlebten und in den Konzentrationslagern und Ghettos ermordet wurden. Auch das Thema Zwangsarbeit wird ausführlich behandelt. Die Zeit der Bundesrepublik und das Leben in Boffzen bis zum Jahr 2004 ist Bestandteil des letzten Teils der historischen Abhandlung.
Die zweite Hälfte des 264 Seiten starken Buches ist den „Einzelchroniken” vorbehalten. Die Entwicklung der Einwohnerzahlen (Autor ist Björn Lohnert), die Geschichte der Religionsgemeinschaften (Christiane Nadjé-Wirth), die Boffzer Vereine und Vereinigungen (Birgit Grottke), die Geschichte der Feuerwehr und die Patenschaften (Bernd Kaussow), der Themenkomplex Schule und Kindergarten (Christina Becker/Christiane Nadjé-Wirth), die wichtige Eisenbahngeschichte (Ulrich Ammermann), die Glashütten, Handel, Handwerk und Gärtnereien (Björn Lohnert), die Pottaschesiedereien (Günter und Björn Lohnert), Gaststätten und Fremdenverkehr (Ute Lehne/Björn Lohnert) und die Landwirtschaft (Christina Becker) sind die Themengebiete der Einzelchroniken.
Ein wunderbares Kapitel in der Chronik sind die Boffzer Anekdoten, die Carola Pietsch zusammengestellt und aufgeschrieben hat. Nette Geschichten von Schützenfesten, die Revolution in Boffzen, herrliche Gedichte in Plattdeutsch, Zahnbehandlung um die Jahrhundertwende, der Mörder von Boffzen und Lausbubengeschichten finden sich dort. Das Kapitel „Boffzen in der Dichtung” und „Impressionen der 1.100-Jahrfeier” schließen das gelungene Werk ab.
Wer die „Chronik der Gemeinde Boffzen” liest, der merkt sehr schnell, dass die Menschen an der Weser immer wieder zum Spielball der Ereignisse in der Geschichte wurden. Sie mussten vieles erdulden und haben furchtbare Zeiten erlebt. Aber dennoch haben sie sich immer wieder den Herausforderungen gestellt und angepackt, wenn es von Nöten war. In diesem Sinne trifft das Lob des Ministerpräsidenten genau den richtigen Ton. Das Engagement ist bewundernswert. Wer die Chronik liest, wird dem zustimmen können (fhm).

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