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Donnerstag, 17. Mai 2012




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"Das fetzt" bei Schülern: Sägen statt zappen

"Ich glaub, ich steh im Wald": Manchen Schülern steht bei ihrem ersten Kontakt mit dem Jugendwaldheim Stadtoldendorf das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Fernab der Zivilisation, so scheint es, werden sie mitten im Wald an großen Wohnhütten abgeladen. Ihr neues Zuhause für die nächsten zwei Wochen, gemeinsam mit der ganzen Schulklasse, wirkt erschütternd: Kein Fernseher weit und breit! Kein Fußball gucken, kein Big Brother. Horror, wie soll man das nur zwei Wochen aushalten? Und dann in Gruppenräumen schlafen, tagsüber körperlich arbeiten, sogar Küchendienst machen echt krass.

So entgeistert manche Schüler - vor allem aus Großstädten - im ersten Moment auch wirken: Schon am zweiten Tag ist der Schrecken oft vergessen. Fernsehen wird überflüssig, denn es gibt genug zu erleben, mitten im Wald, am Fuße der Homburg. Zwar müssen die Schüler auch tüchtig mit anpacken, manche Forstarbeiten erledigen (unter Anleitung), dafür gibt es aber Unterkunft und Verpflegung "für lau". Und kräftig Hunger kriegen die meisten, wenn sie den ganzen Tag lang an der frischen Luft im Wald unterwegs sind.
Und nach ein paar Tagen klingen die Sprüche der 14- und 15-Jährigen auch schon anders: Zur Homburg klettern? "Das fetzt!" Bäume beschneiden? "Det is cool"; Schilf aus dem Waldteich entfernen? "Doa können wa richtig rummatschen". Bei den Schüler der achten Klassen aus Klaußnitz bei Chemnitz, die diese Woche in Stadtoldendorf sind, mischt sich sächsischer Dialekt unter die Jugendsprache. Die ausgelassene, fröhliche Stimmung unter den Schülern aber spricht schon für sich. Und die Klassen wachsen mehr zusammen. Abends gemeinsam kickern, Tischtennis spielen oder einfach nur quatschen, das ist für viele eine neue Erfahrung.
Auch toll: Keine Eltern da, die einem Vorschriften machen können. Nur zwei Betreuungslehrer, und ein paar nette Forstwirte. Diese Waldarbeiter können nicht nur viel erzählen, was in der Natur so vor sich geht zwischen Pflanzen und Tieren, sie können das auch zeigen. Spuren von Tieren zum Beispiel oder Verbiss, wenn Tiere junge Pflanzen anknabbern oder sich an der Baumrinde zu schaffen machen. Das ist oft spannender als Biologie-Unterricht.
"Wenn die Schüler wissen, warum sie etwas machen sollen, dann tun sie es meist auch", ist der Eindruck von Dietmar Knirsch. Als Forstmeister nimmt er die Jugendlichen zur Arbeit mit in den Wald. Rückewege frei machen, Äste entfernen, Sämlinge einsammeln, um jungen Bäumen Platz zu machen, gehört dabei zu den Aufgaben. Interessant ist für den Forstwirt, wie unterschiedlich Schüler auf die Aufgaben im Wald reagieren.
"Stadtkinder sind oft schwieriger", meint Knirsch. Viele Städter hätten von Bäumen und Tieren selten etwas gehört noch gesehen, wollten auch lieber Fast Food essen als die gute Hausmannskost aus der Waldheim-Küche. Extra-Würste aber gibt es im Jugendwaldheim nicht, auch wenn sich die Küche schon oft nach Vorlieben der Schüler richtet.
Unterschiede sind auch beim Tatendrang der Schüler zu spüren: "Sonderschüler zum Beispiel packen gerne mit an, man muss ihnen nur viel erklären", hat Knirsch im Laufe der Jahre gemerkt: "Gymnasiasten wollen zwar auch viel erklärt haben, aber nur, damit sie während dieser Zeit nicht arbeiten müssen."
Auf neue Art lernen auch Lehrer ihre Schüler kennen. "Viele, die vorher große Reden schwingen, kriegen in der Praxis nichts auf die Reihe", entdeckt zum Beispiel Lehrer Schaller an seinen Klaußnitzer Schülern "Andere, denen man sonst nicht viel zutraut, kommen hier im Wald sehr gut zurecht."
Über dem ganzen Geschehen wacht Waldheimleiter Kurt Hapke. Beim dem Forstoberinspektor laufen die Fäden zusammen, welche Schülergruppen wann wo welche Arbeiten mit welchem Förster erledigen. Er hält engen Kontakt zum Lehrer, schaut, dass die Arbeit ordentlich gemacht wird und die Wohnhütten nicht zu sehr leiden. "Was langfristig vom Waldheim hängen bleibt, ist die Stimmung hier", schätzt Leiter Hapke. Auch wenn es manchmal anstrengend ist. Besonders für die Lehrer. Sie müssen nicht nur ihre Schüler im Zaum halten, sondern selber mit anpacken. "Aber das schafft Vertrauen zu den Schülern", ist sich Hapke sicher. "Später in der Schule haben es die Lehrer oft leichter, mit den Schülern umzugehen." Wenn der Tag des Abschieds näher rückt, sind die Schüler meist stolz darauf, was sie erreicht haben, meint Hapke. Richtig schwer falle ihnen der Abschied vom Jugendwaldheim dann aber nicht: "Viele freuen sich doch wieder auf ihren Fernseher." (nig)

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