Höxter (23.04.2011). Hier schaut soeben noch der Kölner Dom über den Rand, die Weser samt dem Niedersächsischen Wattenmeer ist mit zwei Tragegriffen versehen, und Playmobil-Figuren erinnern an die Gelehrsamkeit der mittelalterlichen Kloster-Skriptorien. 50 Koffer sind zurzeit im Barock-Saal des Schlosses Corvey zu sehen, 50 Koffer, die ganz besondere Geschichten erzählen. Es sind Museumskoffer, die regionale und überregionale bedeutende Kulturorte vorstellen. Verschiedene wichtige Kulturorte wurden von Studenten der Universität Paderborn in den Koffer gepackt.
Bis zum 22. Mai ist diese Ausstellung noch zu sehen, die von Studenten des Faches Kunst der Universität Paderborn im Rahmen eines Lehr- und Forschungsprojektes geschaffen wurden. Leiterin des Lehr- und Forschungsprojektes ist Professorin Dr. Jutta Ströter-Bender, die mit ihren Studenten künstlerisch-didaktische Unikate zum Thema Weltkulturerbe geschaffen hat. Dass diese Ausstellung nach Corvey geholt wurde, ist der Geschäftsführerin des Kulturkreises Höxter-Corvey, Dr. Claudia Konrad, zu verdanken, die den aktuellen Antrag Corveys auf Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO mit dieser Ausstellung verbindet und zudem die Bildungsarbeit des Kulturkreises Corvey verstärken will.
Jeder Koffer beschäftigt sich mit einem ganz bestimmten Thema des Welterbes, wobei das frühere Reichskloster Corvey mit seiner vielfältigen Geschichte im Mittelpunkt steht. So werden in einzelnen Koffern unter anderem das Leben und Wirken Hoffmann von Fallerslebens, der Heilige Vitus, das mittelalterliche Klosterleben und das Corveyer Skriptorium dargestellt. Auch Fürstenberger Porzellan ist mit einem Koffer vertreten. Dazu sind zahlreiche nationale und internationale Kultur- und Naturerbestätten vertreten, die den Besuchern Informationen zum Thema Welterbe geben sollen. Ziel dieser Ausstellung ist es, jeden Koffer als kleines Museum für sich zu erleben. Und jeder Besucher soll auch die Informationen sinnlich erfahren können. Die Besucher können die Gegenstände anfassen und betrachten, sogar neu im Koffer arrangieren, wenn sie es möchten.
Nachdem das Paderborner Museumskofferprojekt im vergangenen Jahr mit Ausstellungen im UNESCO-Hauptgebäude in Paris sowie beim Kulturhauptstadtjahr „Ruhr 2010“ internationale Beachtung fand, wird es jetzt in der Region gezeigt, wo es vor einigen Jahren entstanden ist. Die Vermittlung des Weltkulturerbes ist das Hauptziel dieser Ausstellung, die sich dem UNESCO-Welterbe verpflichtet fühlt. Die Liste des UNESCO-Welterbes umfasst derzeit 911 Denkmäler in 151 Ländern. Davon sind 704 als Kulturdenkmäler und 180 als Naturdenkmäler gelistet. Grundlage dieser international anerkannten Liste ist die Welterbekonvention, die 1972 in Paris auf der Generalkonferenz der UNESCO beschlossen wurde und 1975 in Kraft trat. Ziel dieser Konvention ist es, Teile des Kultur- und Naturerbes der Menschheit mit außergewöhnlicher Bedeutung zu erhalten und besonders zu schützen. Inzwischen haben 186 Staaten diese Konvention unterschrieben, darunter auch Deutschland.
Der Begriff „Kulturerbe“ geht auf den französischen Bischof Henri-Baptiste Grégoire zurück, der im 18. Jahrhundert erstmals dieses Wort benutzte und damit den Gedanken vom Erbe der Menschheit schuf. Die erste Kodifikation in Form eines internationalen Vertrages gab es 1954, als die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten beschlossen wurde. Bevor es aber zur Aufstellung der Liste des Weltkulturerbes kommen konnte, gab es eine Initialzündung. 1960 drohte der Bau des Assuan-Staudamms am Nil, die berühmten Tempel von Abu Simbel zu überschwemmen. Die UNESCO als Unterorganisation der Vereinten Nationen forderte die Rettung dieser einmaligen Denkmäler aus der Zeit der ägyptischen Pharaonen. Der Aufruf bewirkte, dass eine Spendensammlung gestartet wurde. Schließlich konnte der Tempel abgebaut und 180 Meter weiter an einer erhöhten Stelle wieder aufgebaut werden. Diese Maßnahme kostete 80 Millionen Dollar, wovon 50 Millionen durch Spenden nach dem Aufruf der UNESCO getragen wurden. Danach gab es immer wieder Initiativen, wie man wertvolles Kulturgut der Menschheit vor Zerstörung schützen kann.
Mit der Liste des Weltkulturerbes ist nun eine Institution vorhanden, die weltweit geachtet wird. In Deutschland gehört Corvey zu den Kandidaten, die vielleicht 2013 offiziell in diese außergewöhnliche Liste aufgenommen werden können. Das Antragsverfahren läuft. Wie die Pyramiden von Gizeh, der Salier-Dom zu Speyer (siehe Foto links), das Forum Romanum in Rom oder die Akropolis in Athen würde dann Corvey als einmaliges Zeugnis der Karolingerzeit zu dieser exklusiven und weltweit geachteten Liste gehören.
Wie bedeutend und wichtig die einzelnen Welterbestätten sind, kann man bei der Ausstellung der Museumskoffer erleben. Denn die Studenten, die gerade den didaktischen Aspekt ganz intensiv beachtet haben, wollten nicht nur die Welterbestätte an sich, sondern auch ihre Bedeutung und Wirkung darstellen. Deshalb gehören zu den Koffern auch immer Zeugnisse der Wirkungsgeschichte. Wer sich auf den Besuch der Koffer einlässt, begibt sich auf eine Reise zum Erbe der Menschheit. Diese Reise, die im Barocksaal des Schlosses Corvey zu sehen ist, lohnt sich auf jeden Fall. Die Ausstellung mit den Museumskoffern ist täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. (fhm)

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