Grave (15.04.06). Am Anfang ist das Wort. Ein Gespräch unter Kollegen bringt Pastor Kurt-Ulrich Blomberg auf den Weg. Schon lange überlegt der Hirte der evangelischen Kirchengemeinde Grave, wie man die Kirche neu gestalten kann. „Der sakrale Charakter muss stärker herauskommen“, ist sein Ziel. Die Neugestaltung des Gotteshauses in den 70er Jahren lässt den Innenraum sehr puristisch erscheinen. „Bei uns in der katholischen Kirche gibt es eine Kunstkirche, daraus kann man sich bedienen“, erzählt sein katholischer Kollege Michael Kreye. Am nächsten Tag spricht Blomberg mit Hasso von Poser, Kunstreferent der hannoverschen Landeskirche.
„Ich glaube, ich habe da etwas für sie“, macht von Poser dem Graver Pastor Hoffnung. In der kleinen Kapelle von Langenreder bei Hannover gibt es ein neues Kunstwerk von einem Künstler der Leipziger Schule. Michael Triegel heißt der Künstler, der im Stil und der Manier der alten Meister malt. Blomberg und der Graver Kirchenvorstand fahren nach Langreder und nehmen das Predella-Gemälde Triegels in Augenschein. Danach passiert alles sehr schnell. Pastor Blomberg, Kirchenvorstandsvorsitzende Angelika Hörling und die Vorstandsmitglieder sind sehr angetan. „Das wäre doch was für unsere Kirche“, heißt es.
Hasso von Poser und Pastor Blomberg sprechen mit Triegel. Ob er sich vorstellen könne, für die Kirche in Grave einen Altar zu malen. Er kann. „Ich möchte euren Altar gestalten“, sagt er den Kirchenvertretern. Aber zunächst muss die Finanzierung geklärt werden. Der Altar würde in der Ausführung als Flügelaltar samt Installation insgesamt 70.000 Euro kosten. Nadia von Grone hat schließlich die rettende Eingebung. Die frühere Synodalin der Landeskirche bringt das Förderprogramm Leader+ ins Spiel. Ein Werk von Triegel wäre eine Attraktion, in Kombination mit der Solarfähre und dem Weserradweg könnte das Besucher nach Grave locken. Leader+ sagt ja zu dem Antrag aus Grave und stellt die Hälfte des Geldes zur Verfügung, die andere Hälfte wird aus Eigenmitteln der Kirchengemeinde, des Landkreises, der Gemeinde Brevörde und der Landeskirche bestritten. „Ohne Leader+ wäre das aussichtslos gewesen“, sagt Pastor Blomberg.
Zusammen mit Michael Triegel wird der Entwurf für den neuen Altar besprochen. Es soll ein Altaraufsatz in Form eines zweiflügelig aufklappbaren Altarbildes werden. Die Außenflügel sollen sich auf den Text aus der Offenbarung des Johannes beziehen, der über dem Eingangsportal der Kirche zu lesen ist: cito veni domini jesu - komm schnell, Herr Jesus. Das Zentralbild soll die Geburt Jesu darstellen, die Innenflügel die Sakramente Taufe und Abendmahl. Dazu sollen alttestamentarische Entsprechungen dargestellt werden.
Im Oktober des vergangenen Jahres beginnt Michael Triegel mit dem Altar. Bis Pfingsten muss alles fertig sein, denn dann soll der neue Altar geweiht und der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Immer wieder spricht Triegel mit Pastor Blomberg und schickt Fotos über den Fortgang der Arbeit. Und er lädt den Kirchenvorstand ein, ihn in seinem Atelier zu besuchen. Sechs Mitglieder des Kirchenvorstandes nehmen die Einladung an und machen sich auf den Weg nach Leipzig. Dort hat Michael Triegel in einer alten Spinnerei sein Atelier. Pastor Blomberg, Angelika Hörling, Hermann Rose, Marlies Kohrs, Heike Jürgens und Anette Lindthorst-Gömann sind gespannt, als sie sich mit dem Transporter des Jugendzentrums Klex auf den Weg machen. Nach vier Stunden Fahrt ist es endlich soweit. Michael Triegel begrüßt die Delegation als Grave und führt sie zum Altar.
Der erste Eindruck ist überwältigend. Die Graver Kirchenvertreter sind sprachlos. Auf drei Stühlen steht das fast fertige Altarbild. Langsam gehen sie auf das Werk zu und und betrachten es ehrfürchtig. Die Geburt Jesu steht im Mittelpunkt, das linke Flügelbild zeigt die Taufe Jesu durch Johannes, das rechte das Letzte Abendmahl. Auf dem zugeklappten Altarbild ist das Jüngste Gericht zu sehen. Hieran arbeitet Triegel im Moment. „Das ist mein schönster Auftrag bisher“, bekennt der Künstler, der sich zwar an den alten Meistern orientiert, sie aber nicht kopiert.
„Ich bin überwältigt“, bekennt Hermann Rose, „so malen zu können ist eine wirkliche Gabe“. Auch Marlies Kohrs und Heike Jürgens sind begeistert. „Die Farben springen richtig ins Auge, einfach wunderbar.“ Angelika Hörling lobt die bildhafte Darstellung. „Was für Einzelheiten zu erkennen sind, ist einfach unglaublich.“ Kurt-Ulrich Blomberg und Annette Lindhorst-Gömann erkennen besondere Details. „Die Taufe Jesu am Jordan, aber das sieht doch aus wie Steinmühle im Hintergrund.“ Triegel klärt auf. „Es ist Steinmühle, sozusagen als lokale Geste in dem Werk.“ Nach dem ersten Eindruck sprechen die Graver Kirchenvertreter intensiv mit Michael Triegel.
Natürlich habe er zu Beginn einen konkreten Plan gehabt, die Skizzen hängen an der Atelierwand. Doch bestimmte Dinge ergeben sich während des Malens. So rückt ein toter Schwan ins Bild des jüngsten Gerichtes, gerade zu dem Zeitpunkt als in Deutschland der erste Schwan mit Vogelgrippe entdeckt wird. „Aber das hat nichts mit schwerwiegenden Interpretationen zu tun“, macht er klar.
„Es freut mich, wenn sie sagen: Das ist ein schönes Bild.“ Und für die Besucher ist Grave ist das Altarbild ein wunderschönes Bild. Auf der Rückfahrt von Leipzig nach Grave sind alle zufrieden. „Wir sind sehr froh, dass wir das gemacht haben und den Auftrag an Michael Triegel gegeben haben.“ Jetzt sind sie gespannt auf die Reaktionen der Menschen in Grave und Umgebung, wenn der Altar vorgestellt wird (fhm).