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Sonntag, 5. Februar 2012




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„Das sind wirklich super Jungs und Mädchen“

Die Streetworker gehen dorthin, wo die Jugendlichen sich treffen. Foto: TAH

Holzminden (24.10.09). Sie hängen an Bushaltestellen ab, belagern Bänke im Stadtpark, klopfen Sprüche und greifen zur Flasche. Über „die Jugend von heute“ schütteln die einen den Kopf. Und die anderen machen sich Sorgen. Denn es hat schon Beschwerden gegeben. Und den ein oder anderen Polizeieinsatz. In Holzminden, in Eschershausen, in Bevern. „Das sind wirklich super Jungs und Mädchen“ sagen dagegen Diana Fiedler und Sebastian Riegel. Die beiden müssen es wissen. Als staatlich anerkannte Sozialarbeiter und Sozialpädagogen sind sie auf der Straße unterwegs, um mit den Jugendlichen Kontakt zu knüpfen, die von den herkömmlichen Einrichtungen der Jugendhilfe nicht (mehr) erreicht werden. Streetworker sind die beiden, unter dem Dach der STEP, dem Sucht- und Jugendhilfeträger in Holzminden, tätig. Finanziert wird ihr Einsatz vom Landkreis, von der Stadt Holzminden und den Samtgemeinden Bevern und Eschershausen. Seit gut einem Jahr sind sie auf der Straße, knüpfen Kontakte – und hoffen, auf ihre ersten Erfolge aufbauen zu können.
Zwei halbe Stellen
Zwei halbe Stellen leisten sich die Kommunen im Landkreis Holzminden, „um die Jugendlichen da abzuholen, wo sie sind“, wie es Sebastian Riegel formuliert. Im Eschershäuser Stadtpark zum Beispiel. Pöbeleien hat es da bereits gegeben. Und auch schon Sachbeschädigungen. „Man glaubt ja, die Jugendlichen wollen das“, erklärt Diana Fiedler. Sie hat andere Erfahrungen mit den Heranwachsenden gemacht, mancher erst zehn, zwölf Jahre alt. In Gesprächen hat sie von der Ratlosigkeit erfahren, von der Perspektivlosigkeit, von der Angst vor der Zukunft zu Beginn oder mitten in der Pubertät.
„Die Jugendlichen reagieren überwiegend positiv auf das Angebot der Mobilen Jugendarbeit“, berichten die beiden Streetworker. „Toll, dass es hier so etwas gibt. Das hört man ja sonst nur aus Großstädten“, bekommen die Streetworker zu hören. Zuhören ist ihre wichtigste Aufgabe, Vertrauen gewinnen, die Jugendlichen für sinnvolle Freizeitangebote zu interessieren, ihr Ziel. „Oftmals fehlt es den Jugendlichen an Motivation und manchmal auch an Erfahrung und Unterstützung, selbst Freizeitmöglichkeiten für sich zu erschließen oder eine Gruppe zur aktiven Freizeitgestaltung selbst zu organisieren“, erklären Diana Fiedler und Sebastian Riegel, die auf die Wünsche der jungen Leute eingehen, mit ihnen kicken. „Wir finden es klasse, dass es Leute gibt, die mit uns Fußball spielen. Besonders im Winter wissen wir nicht, wo wir hingehen“, haben die Jugendlichen den Streetworkern bestätigt, „Sport zu machen ist besser als hier nur rumzuhängen.“
„Nicht alle Jugendlichen, die das Angebot der Streetworker nutzen, haben familiäre, schulische oder Alkoholprobleme“, das ist den Streetworkern ganz wichtig zu betonen. „Schließlich geht es vordringlich um Prävention. Wir dürfen und müssen nicht warten, bis das Kind in der Brunnen gefallen ist.“
Damit es erst gar nicht zur Krise kommt, machen die Streetworker Kontaktangebote, geben auch ihre Diensthandy-Nummer an die Jugendlichen weiter. Greifen Ideen auf und knüpfen Kontakte und bieten, wenn nötig, Hilfe an. Dabei arbeiten die Streetworker mit sämtlichen Akteuren der Jugendhilfe zusammen, allen voran mit der offenen Jugendhilfe vor Ort sowie der Stadt- und Kreisjugendpflege. Darüber hinaus sind sie vernetzt mit den Schulen, dem Jugendamt, der Jugendgerichtshilfe und der Bewährungshilfe und auch mit der Polizei.
Wie wichtig die Arbeit der Streetworker ist, wird immer dann deutlich, wenn die Gespräche intensiver werden, tiefer gehen. Wenn sich ein Mädchen der Sozialpädagogin Diana Fiedler anvertraut und von sexuellen Übergriffen berichtet. Wenn über familiäre und schulische Konflikte gesprochen wird, wenn Berufsfindung, Arbeitslosigkeit, aber auch der Alkohol- oder Drogenkonsum thematisiert wird. Dann sind die Streetworker Rettungsanker, die erste Hilfe anbieten und bei Bedarf weitere Hilfe vermitteln.
Der Wunsch: ein Bauwagen
Neben den eher kurzfristigen Aktionen verfolgen die Streetworker eine Projektidee, die sie mit den Jugendlichen verwirklichen wollen: ein Bauwagen als alternative Anlaufstelle, als eigener Treffpunkt. Im nächsten Jahr könnte diese Idee umgesetzt werden – wenn das Modellprojekt Mobile Jugendarbeit fortgeführt wird. Denn noch, muss Klaus Biemelt, Leiter der Holzmindener Suchtberatungsstelle STEP, unter deren Dach die Streetworker geschlüpft sind, einräumen, „ist die Sache nicht in trockenen Tüchern.“ Noch sind in den Haushaltsplanberatungen die Entscheidungen für eine weitere Bezuschussung des Projektes nicht gefallen. „All die aufgebauten guten Kontakte zu zahlreichen Jugendgruppen in Holzminden, Bevern und Eschershausen würden bei einer Beendigung des Modellprojektes abrupt abbrechen. Die Jugendlichen verlassen sich auf uns, haben durch uns zum Teil erst (wieder) die Möglichkeit einer sinnvollen Freizeitgestaltung gewonnen“, erklären Diana Fiedler und Sebastian Riegel. Ein Abbruch der Beziehungen wäre aus Sicht der Streetworker fatal.
Sie wünschen sich vielmehr eine Ausweitung des Projektes, möchten es innerhalb der Jugendhilfe des Landkreises fest verorten und das Jugendhilfesystem mit einer aufsuchenden Arbeit komplett machen. „Aber um das zu erreichen, sind wir darauf angewiesen, dass sich auch weitere Samtgemeinden am Modellprojekt beteiligen und ihren Nutzen daraus ziehen.“ (bs)

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