Holzen (05.02.2011). An den 10. Mai 1956 erinnert sich Herbert Schlotter noch ganz genau. Er weiß, mit wem er diesen Tag verbracht hat, was es zu essen gab und welche Witze erzählt wurden. Für den heute 80-Jährigen war es ein ganz besonderes Datum – und im Nachhinein gehört es eigentlich in die Geschichtsbücher der Region. Denn vor 55 Jahren legten Schlotter und 14 weitere junge Männer ihre Hauerprüfung im Asphalt-Bergbau im Hils ab. Sie waren damit quasi die „Letzten ihrer Art“, denn Hauerprüfungen hat es danach im „Stollen Gustav“ und „Schacht Herzog Wilhelm“ nicht mehr gegeben.
Am 9. Januar 1956 begann der 15-wöchige Lehrgang. Gestandene Bergleute, die den Beruf bereits von der Pike auf gelernt hatten, wurden für diese Zusatzqualifikation“ – so würde man es heute wohl nennen – ausgewählt. Nach der Schicht mussten sie pro Woche mehrere Stunden abwechselnd im „Stollen Gustav“ (er gehörte zum Unternehmen Naturasphalt) oder im „Schacht Herzog Wilhelm“ (Deutsche Asphalt) büffeln und ihre praktischen Fertigkeiten beweisen. Die Obersteiger Alfred Wellmann und Josef Wax sowie Steiger Wilhelm Samse waren ihre Lehrmeister.
Da ging es um Begriffe wie Ausrichtung (die Anschlag- und Richtstrecke), Vorrichtung (Kopf-, Gruben- , und Wetterstrecke), um das sogenannte Grubengebäude (also das ganze unterirdische Feld) oder um die Abbauart (zum Beispiel den Feilerbruchbau, wobei ein Feiler zehn mal zehn Meter umfasst). Die künftigen Hauer lernten die unterschiedlichen Verfahren zum Grubenausbau kennen (es gibt den starren und den nachgiebigen Ausbau), mussten die Bergpolizei-Verordnung auswendig lernen, sich mit Sprengstoffen (Pulver-, Gestein- und Sicherheitssprengstoff) und Zündschnüren beschäftigen. Und ganz wichtig war das Wissen über die Wetterführung – wobei es im Bergbau nicht um Regen oder Sonnenschein geht, sondern um die gute oder gefährliche Zusammensetzung von Gasgemisch unter Tage.
Die 15 Lehrgangsteilnehmer waren wissbegierig und ehrgeizig, sie wollten die Prüfung unbedingt bestehen. Am 10. Mai um 7 Uhr traten sie alle „auf Herzog Wilhelm“ an. Mit Lampenfieber, denn neben den Obersteigern Wellmann und Wax reiste extra der strenge Bergrat Fehrling als Prüfer an. Als „Beobachter“ waren noch die Betriebsratsvorsitzenden Hermann Mevers und Herbert Klein dabei, erinnert sich Herbert Schlotter – seit 1950 selbst aktiv in der Gewerkschaft.
Und dann machte einer der Prüflinge einen entscheidenden „Fehler“. Er meldete sich und verkündete dem Bergrat: „Wir haben für 15 Uhr auf dem Roten Fuchs für uns alle ein Essen bestellt.“ Natürlich hatte Kurt Kowalski es nur gut gemeint, aber Fehrling verstand – zunächst – keinen Spaß. Er regte sich mächtig auf über so viel „Eigenmächtigkeit“. Schließlich wisse ja noch niemand, ob alle die Prüfung bestehen – und ob sie überhaupt bis 15 Uhr zu Ende sei.
Die Prüflinge wurden noch nervöser. An einen erinnert sich Herbert Schlotter besonders. Er konnte den Unterschied zwischen dem „Einfallen“ und „Streichen“ nicht richtig erklären. Da wurde der Bergrat laut und empfahl dem jungen Mann, einfach Wasser auf den Tisch zu kippen und ihn leicht anzuheben – „wo die Füssigkeit hinläuft, ist das Einfallen.“
Nach drei Stunden Theorie ging es in die Grube zum praktischen Teil. Dazu gehörte es, einen gebohrten Ort mit Sprengstoff zu besetzen oder im Ausbau den Unterschied zwischen deutschem und polnischen Türstock zu erklären.
Am Ende hatten alle bestanden – und es war noch keine 15 Uhr! Pünktlich konnte also im „Roten Fuchs“ eingekehrt werden. Es gab Erbsensuppe mit Würstchen und Bauchfleisch. „Dem Bergrat hat es auch gut geschmeckt, er ließ sich sogar zweimal Nachschlag geben“, hat Schlotter auch diesen Moment genau vor Augen. Nach dem Essen und dem ersten Steinhäger (der „Traditionsschnaps“ der Bergleute damals) wurde der Bergrat sogar ganz lustig. Jeder Anwesende sollte auf seinen Wunsch seinen Lebenslauf in nur zwei Sätzen vortragen. Da kam manch deftiges Gedicht und manch deftiger Witz aufs Tapet. Herbert Schlotter weiß sie alle noch – aber für eine Veröffentlichung im TAH sind sie nicht geeignet...
Der damals 25-Jährige hat aber auch genau gehört, dass Bergrat Fehrling an diesem Tag schon die bald darauf umgesetzte „Fusion“ der beiden Unternehmen andeutete. Bis 1957 arbeitete Schlotter im „Stollen Gustav“, danach bis 1961 im Schachtbetrieb „Herzog Wilhelm“. Er legte noch die Prüfung zum Spreng- und Bruchmeister ab. (rei)

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