Holzminden (30.07.05). Immer mehr Menschen leiden in Deutschland an Demenz. „Diese Krankheit ist nicht aufzuhalten, wie können den Prozess nur verlangsamen”, berichtet Thomas Brünig, Leiter der Residenz zur „Weserbrücke”. Dort hat man seit dem Umzug vom Albert-Jeep-Heim in das Pflegeheim mitten in der Stadt gute Erfahrungen mit einer neuen Betreuungsform für Demenz-Kranke gemacht. „Wir haben eine Wohngruppe eingerichtet, in der 13 Demenz-Kranke betreut werden können. Zurzeit sind zehn Menschen dort untergebracht.
Schon vor dem Umzug im April 2003 fiel die Entscheidung, dass man eine solche Wohngruppe einrichten will. „Wir haben elf Mitarbeiter gefunden, die sich dazu bereit erklärt und eine gerontopsychiatrische Zusatzausbildung gemacht haben”, so Brünig. Die Mitarbeiter betreuen ihre Schützlinge im Drei-Schicht-System rund um die Uhr. Insgesamt leben im Seniorenheim 88 Menschen, 66 Angestellte kümmern sich um sie.
„Früher wurden Demenz-Kranke einfach weggeschlossen oder ruhiggestellt. Das kann es aber nicht sein, es sind Menschen, auch wenn sie die Orientierung verloren haben oder ihr Gehirn nicht mehr so arbeitet wie früher”, macht der Leiter deutlich. Deshalb habe man sich für den Betreuungsansatz der Validation entschlossen. Dabei geht man mit dem DemenzKranken so um, dass eine stressfreie und menschenwürdige Atmosphäre zwischen Betreuten und Betreuern entsteht. „Es sind schließlich Menschen”, so Brünig gegenüber dem TAH.
„Demenz-Kranke befinden sich geistig und emotional zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Da müssen wir sie ansprechen.” Der Betreuungsansatz liegt in der Biographie des Patienten. Einem früheren Schlosser versuchen wir durch handwerkliche Arbeit zu aktivieren. Eine Hausfrau hat die Möglichkeit, in der Küche der Wohngruppe tätig zu sein. Im gesamten Bereich der Wohngruppe hängen Bilder aus dem alten Holzminden. „Die Menschen erkennen sie und erinnern sich dann.”
Thomas Brünig schildert den typischen Tagesablauf. Die Patienten, die bis auf zwei Männer, alle in Einzelzimmern untergebracht sind, können ausschlafen. Danach wird unter Anleitung die Körperpflege vorgenommen. „Es ginge schneller, wenn unsere Pfleger sie waschen würden, aber es geht um das Training. Sie vergessen die Handgriffe und sollen die wieder lernen.” Dann geht es in die Wohnküche, wo die Bewohner ihr Frühstück selbst machen. Anschließend geht es entweder in die Stadt oder es gibt Beschäftigungen innerhalb der Gruppe. Besonders gern lassen sich die Dementen Geschichten aus dem alten Holzminden vorlesen. Pflicht ist jeden Morgen der TAH. „Wir lesen ihnen einzelne Nachrichten aus dem Landkreis vor, um sie zu aktivieren und ihnen eine Orientierung zu geben.” Demenzkranke, so Brünig, sind von einer großen Unruhe getrieben. „Die haben einen wahnsinnigen Kalorienverbrauch. Deshalb achten wir genau darauf, dass sie genug und richtig essen, auch wenn sie ihre Speisen selbst zubereiten.”
Die Patienten in der Holzmindener Wohngruppe sind zwischen 60 und 85 Jahre alt und stammen aus dem Kreis Holzminden. Die meisten von ihnen sind Mittel- oder Schwerstdemente. Demenz ende immer mit dem Tode, so Brünig. Wenn die Patienten bettlägrig werden, schreite der Verfall sehr schnell voran.
Nicht nur die Patienten stehen unter besonderer Obhut, auch die Mitarbeiter kommen regelmäßig zu Gesprächen und zum Erfahrungsaustausch zusammen. „Die Arbeit belastet sehr”, so der Leiter. „Es ist schlimm zu sehen, wenn die Welt eines Menschen immer kleiner wird, wie ein Mensch immer mehr verfällt.” Das Schlimmste sei, dass die Demenz-Kranken am Anfang spüren, dass mit ihnen etwas passiert. Sie bauen Schutzmechanismen auf, halten sich an dem fest, was sie noch kennen, noch einordnen können. Aber der Verfall geht immer weiter. „Die Erfahrungen, die wir mit unseren Dementen gemacht haben, sind positiv”, bilanziert Brünig. Medikamente können herabgesetzt, teilweise gestrichen werden. „Wir müssen immer daran denken: Es sind Menschen, um die wir uns kümmern müssen.” (fhm).