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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Die Bücherliste der Bibliothek offenbart die Weltsicht

Werner Jahns (links) und Klaus Kieckbusch mit den stenografischen Berichten der Nationalversammlung von 1848.

Holzminden (01.10.05). Vergil, Caesar, Cicero - diese Autoren erwartet man, wenn man eine Schulbibliothek betritt. Besonders wenn es sich um die Historische Bibliothek des Campe-Gymnasiums Holzminden handelt. Werke über römische und griechische Geschichte, deutsche Klassiker und die Kritiken des Philosophen Immanuel Kant. Aufgereiht nach dem Alphabet und Themengebieten warten sie auf wissensdurstige Schüler. Plötzlich stutzt der Betrachter. Naturwissenschaftliche Werke von Brehm, Humboldt, Linné und Buffon stehen in den Vitrinen. Sehr ungewöhnlich für eine Schulbibliothek des 19. Jahrhunderts.

„Das ist wirklich ungewöhnlich“, bestätigen Klaus Kieckbusch und Werner Jahns den Eindruck. „Aber nicht für das Campe-Gymnasium. Denn das Holzmindener Gymnasium war schon von Anfang an auch naturwissenschaftlich ausgerichtet. Und das zeigt sich besonders an der Bibliothek.“ Die beiden ehemaligen Lehrer des Campe-Gymnasiums und aktiven Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins betreuen seit Monaten die neu eingerichtete Historische Bibliothek im Schloss Bevern. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine historische Abteilung der Bibliothek des Campe-Gymnasiums, die schon eine wechselvolle Geschichte erlebt hat.
Ihren Anfang nahm die Bibliothek in der Klosterschule Amelungsborn. Auch aus dieser Zeit finden sich noch Werke in der Bibliothek. Als die Stadt- und Klosterschule dann in Holzminden ins Leben gerufen wurde, erlebte die Bibliothek durch den ersten Rektor, Friedrich-Wilhelm Richter, und die angekaufte Bibliothek des Wolfenbüttler Hofrats Jacob Burckhardt einen schnellen und gelehrten Zuwachs. Besonders Richter hat sich als ein wahrer Wohltäter erwiesen. Die Arbeit dieses Mannes sei heute noch beim Campe zu spüren. Denn der Theologe, der aus dem Umfeld des deutschen Aufklärers Christian Wolff stammte - Richter gehörte wahrscheinlich zu den Schülern diesen Philosophen - setzte sich von Anfang an für die Stärkung der so genannten „Realien“ ein. „So wurden damals die Naturwissenschaften bezeichnet“, erläutert Kieckbusch. Durch Schüler und Lehrer, die als Zeichen des Dankes ihrem „Campe“ Bücher stifteten, kamen weitere Werke hinzu. 1949 wurde der Großteil der älteren Werke, besonders die Sammlung Burckhardt, nach Hannover in die Landesbibliothek verfrachtet.
Das was hier geblieben ist und dank der Initiative damaliger Lehrer um 1985 von der Landesbibliothek zurück nach Holzminden geschickt wurde, ist in vieler Hinsicht einmalig. Es sind Bücher, die manchmal auch eine Geschichte erzählen. Zusammen mit Klaus Kieckbusch und Werner Jahns macht der TAH einen Streifzug durch die Bibliothek. Alle Bücher stammen aus der Zeit vor 1875. Immerhin noch 17 Titel aus der 1569 gegründeten Klosterschule Amelungsborn. Ein ganz besonderes Werk hat Kieckbusch in eine besondere Schutzhülle gepackt. Das Buch selbst stammt aus dem Jahr 1603 und enthält eine Aufzählung damaliger Herrscher- und Fürstengeschlechter. Doch der Einband rührt aus der Zeit vor Johannes Gutenberg her. Ein Pergament, auf dem ein Mönch Bibeltexte handschriftlich festgehalten hatte, diente im 17. Jahrhundert als Einband.
Und auch der TAH spiegelt sich in diesem Kabinett der bibliophilen und literarischen Kostbarkeiten wider. Die „Holzmindener Unterhaltungen“ aus dem Jahr 1798 sind direkter Vorläufer des Täglichen Anzeigers. Die einzige gedruckte Fassung dieser ersten Holzmindener Zeitungen findet man in der Historischen Bibliothek, die jetzt im grünen Kabinett des Schlosses Bevern eine Heimstatt gefunden hat.
Klaus Kieckbusch lächelt, als er ein Buch mit einer handschriftlichen Eintragung aufschlägt. „Manch großer Dichter hat klein angefangen“, schmunzelt er. In einem Buch aus dem Jahr 1819, das August Raabe gehörte, findet man mit kindlicher Schrift die Initialen „W.R.“. Da hat Wilhelm Raabe seine ersten schriftstellerischen Versuche im Buch seines Großvaters hinterlassen, so Jahns.
Eine Bibliothek offenbart eine Weltsicht. So tauchen ab dem Jahr 1860 viele Werke von Hoffmann von Fallersleben auf. „Der damalige Rektor pflegte wohl einen Austausch mit dem Bibliothekar von Corvey“, so Jahns.
Und eine weitere Besonderheit zeigt sich bei den literarischen Werken des 19. Jahrhunderts. „Frühe englische und französische Bücher findet man beim Campe“, so Kieckbusch. In einer Zeit, in der die meisten Gymnasien in Deutschland als aktuellsten Dichter nach den römischen und griechischen Klassikern Goethe und Schiller zuließen, öffnete sich das Campe für europäische Literatur. „Damals waren das Werke der Moderne“, macht Klaus Kieckbusch klar.
Eine Bibliothek ist manchmal ein Aufbewahrungsort für Bücher, manchmal ein Ausstattungsstück zur Zierde und manchmal Materie gewordener Geist, der sich durch die Jahrhunderte fortsetzt. Die Historische Bibliothek des Campe ist in jeder Hinsicht eine ganz besondere Bibliothek.
Sie ist der Beweis für den fortschrittlichen Geist des Campe, ein Ort der Bildung und Literatur und ein Schatzkästlein voll wunderbarer Anekdoten und Histörchen, die mit den Büchern verbunden sind. Wer sich auch einmal auf einen Streifzug durch die Historische Bibliothek in Bevern machen will, der findet montags ab 16.30 Uhr in Klaus Kieckbusch und Werner Jahns zwei kundige und gelehrte Führer (fhm).

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