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Montag, 2. März 2015




Die Eversteiner setzen auf die Staufer – und verlieren Land und Leben

Auf Knien bittet Kaiser Friedrich I. Barbarossa Herzog Heinrich den Löwen 1176 um Unterstützung für seinen Feldzug nach Italien. Doch der Welfen-Fürst lehnt ab – und legt damit den Grundstein für seinen eigenen Untergang. Die Welfen selbst überleben allerdings die Staufer.

(27.11.2010). An den Füßen wird Graf Konrad von Everstein in Braunschweig im Jahr 1256 aufgehängt. Drei unendlich lange Tage dauert es, bis der Tod den Adeligen von den unglaublichen Schmerzen und Qualen erlöst. Seinen Eid gegen den Landesherrn hat Graf Konrad gebrochen und sich gegen die Herrschaft der Welfen gestellt. Dafür muss er teuer bezahlen. Der Tod des Grafen läutet nicht nur den Niedergang der Eversteiner ein, er passiert zeitgleich zum Ende der Staufer, mit denen sich die Eversteiner verbündet haben. 1250 stirbt Kaiser Friedrich II., vier Jahre später sein Sohn Konrad IV. als letzter staufischer Herrscher mit der deutschen Krone. Konradin als letzter aus dem bedeutenden Herrschergeschlecht der Staufer wird als 16-Jähriger 1268 auf dem Marktplatz von Neapel geköpft.
Die Staufer sind das beherrschende Geschlecht des 12. und 13. Jahrhunderts. Nachdem 1137 mit Konrad III. Erstmals ein Vertreter der schwäbischen Herzöge zum deutschen König gekrönt wird, geben die Staufer die Macht für über 100 Jahre nicht mehr her. Friedrich Barbarossa, Philipp von Schwaben, Heinrich VI. und Friedrich II. sind die bekanntesten Vertreter dieses Herrschergeschlechts. Sie alle führen das Heilige Römische Reich, das damals von Dänemark bis Sizilien reicht, sind aber auf die Hilfe der regionalen Fürsten angewiesen. Denn im Gegensatz zu den absoluten Königreichen des Mittelalters wie England, Frankreich, Polen und Rußland, ist der deutsche Kaiser vom Wohlwollen der Fürsten abhängig. Und die nutzen dann diese Verbindung, um selbst mehr Macht, Einfluss und Besitz zu erringen.
Die größten Gegenspieler der Staufer im damaligen Reich sind die Welfen. Heinrich der Löwe und seine Familie, denen Sachsen und Bayern gehört, kämpfen immer wieder gegen die Staufer an. Im Weserbergland etablieren sich zu dieser Zeit die Eversteiner als die führende Adelsfamilie der Region. Viele Dörfer und Ländereien gehören der Familie, die auf zwei Burgen zwischen Bevern und Negenborn ihren Stammsitz hat. Unter anderem Holzminden, Polle, Ottenstein, Grohnde, Ohsen, Hämelschenburg, Aerzen, Hastenbeck, Hameln, Brakel, Wormeln, Lügde und Rodersen. Die Eversteiner beobachten mit Interesse das Wachsen der staufischen Macht und die Konflikte mit den Staufern. Schon früh merken sie, dass es für sie einträglich sein könnte, wenn sie die Könige aus Süddeutschland unterstützen.
Die staufischen Könige wissen die Hilfe gegen die Welfen und die Arbeit im Norden zu schätzen. Kaiser Friedrich Barbarossa, der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts regiert, zählt Graf Albrecht II. Everstein zu seinem Gefolge. Als für die verwitwete Königin von Spanien Richenza ein neuer Mann gesucht wird, hält Barbarossa den Eversteiner geeignet. Deren Sohn, Graf Albrecht III., darf sogar eine Tochter aus dem Haus der Wittelsbacher heiraten. Dieses Adelsgeschlecht bekommt von Barbarossa Bayern übereignet, nachdem er es Heinrich dem Löwen weggenommen hat. Auf lange Sicht bekommt den Eversteinern die Parteinahme für die Staufer aber nicht. Vor Ort im Weserbergland sind die Welfen stärker. Sie sind die beherrschende Kraft zwischen Braunschweig Göttingen und Holzminden. Die grausame Hinrichtung von Graf Konrad ist nur der Anfang. 1285 vertreiben die Welfen die Eversteiner von ihrer Stammburg. 1413 geht nach dem Tod des letzten Eversteiners der gesamte Besitz in die Hände der Welfen über.
Die Zeit der Staufer gehört zu den faszinierendsten Epochen der deutschen und europäischen Geschichte. In dieser Zeit gibt es epochemachende Errungenschaften in Kunst, Kultur, Wissenschaft, Recht, Wirtschaft und Religion. Es ist die Zeit, in der Hildegard von Bingen, Wolfram von Eschenbach, Walter von der Vogelweide und Albertus Magnus wirken. Besonders in der Kunst werden Werke geschaffen, die in Europa absolut einmalig sind. Und dabei spielt eine ganz besondere Rolle, dass die Staufer eine untrennbare Verbindung mit Italien eingegangen sind. Aus heutiger Sicht gibt es drei Regionen, die man als staufische Machtzentren bezeichnen kann. Barbarossa und seine Nachfolger sind im Norden des Reiches auf treue Vasallen wie die Eversteiner angewiesen. In der Rhein-Neckar-Region (ihrem Stammland) und Hessen üben sie ihre Macht direkt aus.
Während es Barbarossa immer wieder nach Norditalien zieht, wird für seinen Enkel Friedrich II. Süditalien sogar zur eigentlichen Heimat. Friedrich ist für das 13. Jahrhundert eine außergewöhnliche und beeindruckende Persönlichkeit. Er spricht mehrere Sprachen, lernt viel von Muslimen und respektiert ihre Kultur, ist wissenschaftlich interessiert, schreibt Bücher und wird von seinen Zeitgenossen als „stupor mundi“ (Das Staunen der Welt) bezeichnet.
Aus den drei staufischen Zentralregionen Rhein-Neckar, Lombardei und Sizilien gehen im Hochmittelalter über 100 Jahre lang entscheidende Innovationen für Wirtschaft. Politik, Kunst und Kultur aus. Das ist das Haupthema der zweiten großen Staufer-Ausstellung, die nach 1980 in Deutschland zu sehen ist, und über 500 einmalige Objekte zeigt. Die sehenswerte Schau „Die Staufer und Italien. Drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa“ ist bis zum 20. Februar 2011 in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen. Träger der Mittelalterausstellung sind die Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen. Zu den Wissenschaftlern, die für die Grundkonzeption der Ausstellung verantwortlich sind, zählen die Heidelberger Professoren Bernd Schneidmüller und Stefan Weinfurter, die zu den Gestaltern der aktuellen TV-Serie „Die Deutschen II“ gehören.
Zu sehen sind auf den insgesamt 2.300 Quadratmetern Ausstellungsfläche einmalige Schätze der staufischen Geschichte, darunter Goldschmiedearbeiten, Skulpturen, Textilien, Elfenbeinschnitzereien, Bildhandschriften, Urkunden und Münzen, die erstmals in Deutschland gezeigt werden. Die Internationalen Leihgaben kommen unter anderem aus New York, Bologna, Capua, Florenz, Mailand, Neapel, Palermo, Rom, dem Vatikan und Wien. Zur Ausstellung ist im Konrad Theiss Verlag (ISBN 978-3-8062-2366-8) der zweibändige Ausstellungskatalog  „Die Staufer und Italien“ erschienen. Auf 800 Seiten mit rund 900 meist farbigen Abbildungen werden im Essayband der Aufstieg der Familie der Staufer und ihre glanzvolle Machtentwicklung, das Leben der Herrscherfamilie, Bildung, Reisen, Wohn- und Lebensräume und Themen wie Kulturtransfer und religiöse Welten behandelt. Im Objektband werden die hochkarätigen Exponate der Ausstellung dargestellt. Lesenswert ist auch ein drittes Buch, das (ebenfalls im Theiss-Verlag) zur Ausstellung erschienen ist. „Verwandlungen des Stauferreiches“ dokumentiert eine wissenschaftliche Tagung im Vorfeld der Ausstellung, bei der 100 der renommiertesten Experten aus Europa und den USA den aktuellsten Forschungsstand zu den Staufern zusammengetragen haben. Der Band, der von Bernd Schneidmüller herausgegeben wird, stellt die wissenschaftlichen Beiträge in verständlicher Sprache vor (ISBN 978-3-8062-2365-3). Weitere Informationen zur Staufer-Ausstellung sind unter www.staufer2010.de zu finden. (fhm)

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