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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Die Holzmindener Synagoge: Vor 70 Jahren verwüstet, vor 40 Jahren abgerissen

Paul Kretschmer fotografierte die Ruine Anfang 1968 kurz vor ihrem Abriss. Das Bild zeigt die Thoranische mit Aufgang.

Holzminden (08.11.08). Die Grundmauern mitsamt dem neugotischen Eingangsportal und zwei hochragenden Giebeln standen noch bis zum Frühjahr 1968 auf dem Hof des Anwesens Obere Bachstraße 53. Als die Firma Schwager den Schritt vom Einzelhandelsgeschäft zum Kaufhaus wagte, waren die Tage der bis dahin noch erhaltenen Mauern der Synagoge gezählt. Die ersten erfolgreichen vier Jahrzehnte des Kaufhausneubaus wurden in diesen Tagen gefeiert. Es ist wohl nicht falsch, auch an die Synagoge und an deren Reste zu erinnern, die man vor 40 Jahren abtrug. In diesen Tagen ist es zudem genau 70 Jahre her, dass das Gotteshaus der Holzmindener jüdischen Gemeinde geschändet und geplündert wurde. Es waren 16 jüdische Familienväter und eine Halbwaise, die sich zum „Kauf” von Plätzen verpflichteten, als ihr tatkräftiger Vorsteher Itzig Falkenstein, Kaufmann am Markt, um 1834 ein Grundstück für den Bau einer Synagoge suchte. Ein früher Betsaal in der Mittleren Straße wurde für die ansässigen Juden und auswärtige Schüler des Gymnasiums zu klein. Schließlich verkauften die Erben des christlichen Chirurgen Kraut der Gemeinde das kleine, noch erhaltene zweistöckige Haus, das bis zur „Arisierung” im Jahr 1942 zum Gemeinde- und Schulhaus wurde. Der Hof zwischen Oberer Bachstraße, Katzensprung und den Grundstücken der Neuen Straße bot zur Not den Platz für den geplanten Bau von gut zwölf mal zwölf Metern.

Das entstehende Gotteshaus war von den Straßen aus nicht zu sehen und wegen der beengten Lage offenbar leider auch nicht zu fotografieren. Ab 1837 kann gebaut worden sein. Den ersten Gottesdienst feierte die Gemeinde im Januar 1839. Den Namen des Baumeisters kennen wir nicht. Die Wände aus Bruchsteinen waren 60 Zentimeter stark, die Giebel „getreppt”, das Dach war mit Sandsteinen gedeckt. Der unbekannte Baumeister wählte für das hohe Eingangsportal und die je drei Fenster an der Süd- und Nordseite (neo)gotische Formen.

Hölzernes Maßwerk unterteilte alle Fenster, auch in den Rosetten in den Giebeln. Damals junge Holzmindener, die nach 1945 in der verwüsteten Synagoge gespielt hatten, berichteten von blau bemalten hölzernen Deckengewölben, die auf vier Pfeilern im Zentrum des Raumes und auf Kapitellen an den Außenwänden ruhten. Die Nische für den Thoraschrank ließ sich beim Abriss in der Ostwand, die nach Jerusalem zeigte, gut erkennen. Eine im Westteil, über dem Portal, eingebaute Empore bot Platz für die Frauen.

Der Bau kostete eigentlich mehr, als die kleine Gemeinde zunächst aufbrachte. Deswegen lag bis zur Übernahme durch einen „Arier” noch eine Hypothekenschuld auf dem Gebäude , die 1942 dazu beitrug, den geringen „Kauf”-Preis bis nahe an Null zu verringern. Das jedoch hinderte die Gläubigen rund 100 Jahre lang nicht an einer weitgehend ungestörten Benutzung ihres Bethauses. Gerson Stern, der in der Mittleren Straße geborene jüdische Schriftsteller, berichtet davon, wie nach dem Gottesdienst der Sabbat in der Familie gefeiert wurde. An die Mittlere Straße erinnert auch eine Passage in seinem Roman „Weg ohne Ende”.

Nach dem Zeugnis einer in Holzminden geborenen Jüdin konnten bis etwa 1936 die bis dahin verbliebenen Juden in ihrer Synagoge Gottesdienste feiern. Einige Auswanderungen hatten dann schon die Zahl der Gemeindemitglieder vermindert; es fehlte wohl auch ein Kantor oder Vorbeter. Der Tischlermeister Julius Koch, Sohn einer Jüdin und eines christlichen Vaters, und seine jüdische Frau Emma hatten seit längerem die Obhut über die Synagoge übernommen. Seine Tischlerei lag im Vorderhaus unter dem Dach.

In einem tiefen Sinne schrecklich wurden der 9. und der 10. November des Jahres 1938. Alle nationalsozialistischen Parteiorganisationen hatten sich, wie anderenorts auch, am Abend des 9. versammelt, um nach schon eingeübtem Ritus des Putschversuchs vom November 1923 in München zu gedenken. Hier waren sie in der Stadthalle zusammengekommen. Spät am Abend erreichte den Reichsminister Goebbels die Meldung vom Tod eines deutschen Botschafters, den Tage zuvor ein junger Jude in Paris durch Schüsse verletzt hatte. Goebbels organisierte auf dem Wege über die Parteikanäle spät in der Nacht den „Volkszorn”, so in der NS-Sprachregelung, der am 10. November zu einem wüsten, bis dahin kaum vorstellbaren Pogrom an jüdischen Deutschen führte.

Es hat sich bis heute nicht im einzelnen klären lassen, welche Rolle die Holzmindener SA- und auch SS-Mitglieder und ihre Anführer, der Ortsbauernführer sowie wohl auch Individuen, die einen Mob von Mitmachern bildeten, gespielt haben, welche in jüdische Wohnungen einbrachen, das letzte noch betriebene jüdische Handelsgeschäft in der Mittleren Straße verwüsteten, Menschen misshandelten und schließlich zu einem Teil verhafteten. Nachdem sie einmal dort eingebrochen waren, fiel ihnen auch die Synagoge zum Opfer. Was sich zerschlagen ließ, wurde zerschlagen, das Harmonium vor dem Portal zertrampelt. Was sich tragen ließ, wurde auf den Marktplatz geschleppt und dort verbrannt. Auf dem Markt ging ein zum Teil Jahrhunderte altes Kulturgut mit in Flammen auf (TAH am 11. November: „Krimskrams” aus dem „Judentempel”).

Die Synagoge selbst wurde nicht in Brand gesetzt: Das sollen Anlieger verhindert haben, die um ihre Häuser besorgt waren. SA-Männer und Frauen der NS-„Volkswohlfahrt” räumten im Laufe des Tages das verwüstete Textilgeschäft (Kugelmann) ganz aus. Schüler bekamen schulfrei und spielten ihrerseits vor dem Geschäft mit Wurfgeschossen „Volkszorn”. Auch wer, vielleicht entsetzt, an jenem Tag nur schwieg, blieb ungewollt Teil eines Volkes, das Schuld auf sich lud.

Im intakt gebliebenen Vorderhaus spielte sich wenige Monate später eine menschliche Tragödie ab: Die Gestapo verhörte die wenigen verbliebenen Juden im März 1939 wegen eines durch Zufall entdeckten Zettels, auf dem einige Witze über Göring und die Hitler-Regierung notiert waren. Wohl aus Angst, jemanden zu verraten, nahmen sich Julius und Emma Koch zwischen zwei Verhören oben auf dem Dachboden das Leben. Auch ihre Namen findet der Vorbeikommende auf dem Gedenkstein im Katzensprung.

Im Jahr 1942 sollte der „arische” Bewerber, Kaufmann Heinrich Wettig, das Synagogen-Grundstück Obere Straße 53 nach dem festen Wunsch der Kreisleitung der NSDAP zum möglichst niedrigen Preis erhalten. Statt einer konkret nicht mehr existierenden Holzmindener jüdischen Gemeinde legte die „Reichsvereinigung der Juden” gegen den Preis von 5.800 Reichsmark einen gewissen Widerspruch ein. Von der Summe waren noch 2.500 Reichsmark für den „notwendigen” Abriss der Synagoge und etwas über 3.000 Mark für die uralte Hypothek abzuziehen. Der Wille der Partei aber setzte sich durch. Wettig hatte schließlich per 19. Mai 1942 für das ganze Grundstück 143,18 Reichsmark auf einem Sperrkonto einzuzahlen. Der Abriss wurde ihm immer wieder erlassen („wegen des Krieges”), letztmalig bis zum „Juli 1945”! Allerdings untersagte ihm dann ein kommissarischer neuer Landrat genau diesen Abriss.

Wahrscheinlich war es die Druckwelle einer britischen Bombe, die am 3. April 1945 das Haus Kumlehn nahe am sogenannten Torhaus traf, welche das Dach der Synagoge beschädigte. 1948 folgte die Stadtverwaltung dem Anstoß einer Jüdin aus Breslau, Frau Ehrhardt, und ließ einige Kubikmeter Schutt aus dem Innenbereich der Synagoge entfernen. Alwin Schönbach, Besucher aus New York, mahnte die Stadt 1953, einem absehbaren Verfall vorzubeugen. Doch kümmerte sich niemand darum, dass das Dach und die Empore zusammenbrachen, bis Karl Nolte aus dem Wäschereibetrieb als neuer Besitzer die Reste des Daches abnahm.

Schließlich lief 1967 der Antrag der Firma Schwager beim städtischen Bauamt ein, die auf dem inzwischen angekauften Grundstücken das Kaufhaus und da, wo das Mauerwerk der Synagoge noch stand, einen kleinen Parkplatz bauen lassen wollte. Vor nunmehr 40 Jahren: Es scheint, dass sich zu dieser Zeit noch nicht genügend Energien zusammenbringen ließen, um mit dem Zeugnis jüdischer Kultur und jüdisch-christlicher Stadtgeschichte behutsamer umzugehen.

Ein Briefwechsel zu dieser Frage reicht von Januar 1967 bis Februar 1968. Die Stadtverwaltung, der Landesrabbiner Zvi Asaria, der niedersächsische Landeskonservator, das Staatsarchiv Wolfenbüttel und schließlich auch Herr Fredi Holzapfel hatten daran teil. Die Stadt Holzminden, so muss man es wohl sehen, hatte die mögliche wirtschaftliche Entwicklung im Auge. Der Landeskonservator wünschte offenbar den Erhalt eines Bauwerks „mit nicht unerheblicher kunstgeschichtlicher Bedeutung”. Die liegt in der außergewöhnlichen und auch außergewöhnlich frühen Verwendung gotischer Formen in einer niedersächsischen Synagoge; doch dies wurde erst in neuerer Zeit durch Forschungen der Universität Braunschweig noch stärker betont.

Der jüdische Landesverband hielt sich zurück, weil man nach der offiziellen Rückgabe eine materielle Entschädigung angenommen hatte, die einem Verkauf gleichkam. Herr Holzapfel, einziger Jude, der aus Palästina in die Geburtsstadt zurückgekehrt war, Sohn des letzten gewählten Gemeindevorstehers, resignierte leider, aber doch verständlicherweise vor der Frage, ob sich eine Erhaltung konkret durchsetzen ließe.

Stadtdirektor Kretschmer sagte schließlich zu, „das Sandsteinportal und einige Kapitelle” durch den Bauherrn sorgfältig ausbauen zu lassen und der Stadt zu übergeben. Nur an der südlichen Wand des Torhauses im Katzensprung sieht man heute das – ziemlich überraschende – Ergebnis dieses Bemühens.

Genaue Vergleiche mit den Fotos, die kurz vor dem Abriss im Frühjahr 1968 entstanden, und die Untersuchung der Sandsteinteile zeigten in den letzten Tagen, dass dort vier Einzelteile von verschiedenen Stellen des alten Gebäudes recht abwegig zusammengefügt wurden. Unten liegt, auf dem Kopf, ein Kapitell von einer Seitenwand. Auf diesen Kapitellen an den Innenwänden des Gebäudes ruhten vordem die hölzernen Gewölbe. Zwei kleinere Teile des einst sehr hohen Sandsteinportals, quasi eines von links und eines von rechts der Tür, jetzt aber aneinandergelehnt, stehen in der Mitte des Gebildes, das oben ein weiteres Kapitell in normaler Lage abschließt. Eine bereits lange Suche nach weiteren Bauteilen der alten Synagoge blieb ohne Erfolg (Kiekbusch).

 

Kieckbusch

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