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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Die inneren Wunden, die sieht man nicht

Imad Sruor (22) hat nach der Flucht aus dem Libanon alles verloren. Auf dem Schiff gaben ihm die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes diesen Zettel als Ersatz für seinen Pass.

Kreis Holzminden (03.08.06). Völlig teilnahmslos sitzt Imad auf dem Krankenhausbett und starrt aus dem Fenster. Draußen fliegt ein Vogel vorbei, Autos hupen, ein paar Mädchen lachen laut. Ein normaler Nachmittag in Zyperns Hauptstadt Nikosia. In den dunklen Augen von Imad aber spiegeln sich nicht die kleinen Nichtigkeiten des Alltags, sondern andere Bilder, die ihm nicht aus dem Kopf wollen - Explosionen, verbrannte Menschen, zerbombte Häuser. Vor ein paar Stunden war er noch im Libanon, hatte sich tagelang in einem Keller versteckt, wurde von einer Granate beschossen und hat den Krieg so hautnah erlebt, dass er Verbrennungen davon getragen hat. Und nun sitzt er plötzlich auf einem sauberen Bett, die Klimaanlage läuft und auf der Straße spielen Kinder. Es sind zwei völlig verschiedene Welten, die nur 200 Kilometer voneinander entfernt sind. Äußerlich ist Imad dem Krieg entkommen, innerlich aber hält er ihn immer noch fest.
Imad Sruor (22) ist in Deutschland aufgewachsen, seine Eltern stammen aus dem Libanon. Die längste Zeit seines Lebens hat Imad in Holzminden verbracht, aber Libanon war immer Teil seines Lebens. In den Ferien besuchte er seine Großeltern in dem kleinen Dorf an der Grenze zu Israel. Dort lernte er, dass es ein Leben gibt, das sich von dem in der beschaulichen deutschen Kleinstadt unterscheidet. „Du musst eine Waffe tragen”, hatten ihm die libanesischen Cousins und deren Freunde beigebracht, „um dein Haus verteidigen zu können.” Imad hatte mit den Schultern gezuckt: „Wozu? Dazu ist die Polizei da.” Das Gelächter der anderen Jungs über seine „deutsche” Antwort klingt ihm noch heute in den Ohren.
Im Südlibanon war der Krieg immer eine latente Gefahr. „Der Krieg läuft im Libanon schon viel länger, nicht erst seit ein paar Tagen. Wenn du im Südlibanon lebst, hörst du immer mal wieder Schüsse”, sagt Imad. Er hat für ein Jahr dort gelebt, bis der Krieg aus dem Versteck gekommen ist und die Menschen, die er nicht tötet, vor sich her treibt.
Seit Kriegsausbruch am 12. Juli 2006 hatte Imad sich mit Verwandten und Nachbarn in einem Keller verschanzt. „Wir waren 40 Leute. Alte, schwangere Frauen, Kinder, auch Verletzte. Es gab keine Ärzte, niemand traute sich rein in das Gebiet. Wenn wir etwas zu essen brauchten, sind wir über die Straße gerannt und haben Läden aufgebrochen, deren Besitzer geflüchtet waren. Um genug Wasser zu bekommen, haben wir Schläuche aus den anderen Häusern zu uns rüber gelegt.” Sie hatten jedes Zeitgefühl verloren.
Darum kann Imad sich auch nicht mehr daran erinnern, wann seine Flucht begann. Einer der Deutsch-Libanesen aus dem Dorf bekam einen Anruf von der UN, die nur wenige Kilometer entfernt einen Posten hat. Es gebe ein Schiff, das von Tyros aus die eingeschlossenen Deutschen nach Zypern evakuieren würde. Die UN versprach, am verabredeten Tag um 10 Uhr am Dorfausgang zu warten. Pünktlich fanden sich die Flüchtlinge ein. „Mehr als 25 Autos standen da. Ich saß mit meinen Cousins mit meiner Tante und meinem Onkel in einem Auto.” Die Jungs auf der Rückbank sind 9, 13 und 15 Jahre, die kleine Cousine erst 8 Monate alt. Sie alle warteten auf das UN-Auto, das nicht kam. „Länger konnten wir nicht mehr bleiben. Die Helikopter über uns waren ein sicheres Zeichen, dass man bald auf uns schießen würde.”
Von dem Dorf in die Hafenstadt Tyros braucht man normalerweise nur 15 Minuten. Doch die Hauptverbindungsstraße lag schon mehrfach unter Beschuss und war nur schwer zu passieren.
Der kleine Treck mühte sich langsam vorwärts. Dann kam der Knall. „Eigentlich habe ich ihn gar nicht wirklich gehört. Es war nur, als ob man taub wird. Von der Druckwelle waren alle im Auto ohnmächtig geworden. Nur ich nicht. Als ich mich umsah, dachte ich erst, alle wären tot, nur ich wäre der einzige Überlebende. Dann habe ich einfach nur noch reagiert. Die Türen waren blockiert, also habe ich so lange mit meinen Schultern dagegen geschlagen, bis sie aufgingen. Dann habe ich als erstes die Kinder heraus gezerrt und sie an den Straßenrand gebracht.” Alle bis auf die kleine Mariam hatten schlimme Verbrennungen erlitten. Imad hielt den nächsten Wagen an, der schon mit acht Leuten besetzt war, und bat den Fahrer, die Verletzten ins Krankenhaus nach Tyros zu bringen.
Für seinen Onkel gab es keine Hilfe mehr, er wurde von der Granate tödlich getroffen. Imad blieb zurück, um die Papiere und das Gepäck zu holen, doch vor seinen Augen ging der Wagen in Flammen auf. „Als ich vor dem Auto stand, hörte ich die nächsten Schüsse, vielleicht vom Meer aus oder aus einem Helikopter. Ich bin in das Bananenfeld neben der Straße gesprungen. Genau an der Stelle, wo ich vorher gestanden hatte, schlug die Granate ein.” Imad lief soweit er konnte. „Als die Kinder noch bei mir waren, habe ich mich stark gefühlt, damit ich ihnen helfen kann. Doch als sie in Sicherheit waren, kam die Angst. Ich wurde immer schwächer, ich wollte laufen, aber meine Beine bewegten sich kaum. Ich bin gegangen wie in Zeitlupe. Es kam mir vor, als hätte ich einen ganzen Monat an dieser Stelle gestanden.” Ein anderes Auto nahm ihn schließlich mit nach Tyros und lieferte ihn im Krankenhaus ab. Dort erkundigte er sich nach seiner Familie und meldete sich bei der Sammelstelle, um auf das Schiff nach Zypern zu kommen.
Die „Princessa Marissa” war das erste Schiff überhaupt, das während der Evakuierungsaktion im südlibanesischen Tyros Flüchtlinge an Bord nahm. Die anderen Schiffe, die zwischen dem Libanon und Zypern pendelten, fuhren von Beirut ab. Normalerweise ist die „Princessa” eine Luxusfähre, die Platz für bis zu 1.200 Passagiere hat. Die deutsche Regierung hatte sie gechartert, um ihre Landsleute in Sicherheit zu bringen. Als das Schiff am Dienstag, dem 25. Juli 2006, in den frühen Morgenstunden am zyprischen Hafen Larnaka anlegte, waren nur knapp 250 Menschen an Bord. Warum nur so wenige sich für die Evakuierung gemeldet hatten, bleibt Spekulation.
Vielleicht war die Nachricht über die Rettungsaktion nicht bis zu ihnen gedrungen, vielleicht haben sie es nicht rechtzeitig bis zur Abfahrt geschafft, vielleicht aber haben sie bei ihrer Flucht aus den Dörfern nicht so viel Glück gehabt wie Imad und seine Familie. „An der Straße sah man alles: Klamotten und Schuhe mit Blut dran. Wer da lang fährt, wird erschossen. Ich habe ein Auto gesehen mit drei Menschen drin, die waren verbrannt, richtig verkohlt. Wenn man in das Krankenhaus kommt, sieht man die ganzen Verletzten - Leute, die haben keine Arme mehr oder keine Beine. Ich habe ein Kind gesehen, das war nur ein paar Monate alt und hat als einziges überlebt von seiner Familie - es hatte unter den Toten gelegen.”
Jeder einzelne der rund 40.000 Flüchtlinge, die in den vergangenen zwei Wochen per Schiff aus dem Libanon nach Zypern entkommen konnten, hat eine Zeit voller Angst hinter sich. Die meisten von ihnen waren im Urlaub bei ihren Familien im Libanon, als der Krieg ausbrach. In Sammellagern warteten sie auf freie Plätze auf einem der vielen Schiffe. Fregatten, Luxusliner oder Katamarane - alles, was schwimmen kann, wird zur Rettung eingesetzt. Bis zu zehn Stunden kann die Überfahrt nach Zypern dauern. Wenn sie endlich an Land gehen, sind sie glücklich und traurig zugleich. Die meisten von ihnen haben ihre Verwandten und Freunde zurück lassen müssen und sorgen sich darüber, ob sie sie jemals wieder sehen werden. „In den elf Tagen, die ich den Krieg dort erlebt habe, sind mehr als 400 Leute gestorben” erzählt Imad. „Wie können in elf Tagen so viele Menschen sterben?”
Gleich vom Schiff aus wurden Imad und seine Familie mit der Ambulanz ins Krankenhaus nach Nikosia transportiert. Der neunjährige Mahmoud muss wegen seiner schweren Verletzungen künstlich beatmet werden, die anderen Jungs haben ebenfalls Verbrennungen erlitten. Ihre Haut ist mit Glas- und Metallsplittern übersät. Alle stehen noch unter Schock. Imad hat von den Ärzten, die ihn auf dem Schiff behandelt haben, eine kurze Notiz bekommen: „Knalltrauma, Brandverletzungen”. Im Krankenhaus sitzt er bewegungslos auf dem Bett und es scheint, dass ihn die Erinnerungen nicht loslassen wollen. Er wartet geduldig auf die Weiterreise, was um ihn herum geschieht, interessiert ihn kaum. Er trägt noch die Sachen am Leib, mit denen er sich auf die Flucht begeben hat. Alles andere ist verbrannt. Statt eines Passes hat er einen kleinen Zettel der Deutschen Botschaft in der Tasche. Auf die eine Seite ist ein Bundesadler gestempelt, auf der anderen steht eine Nummer. Das ist das Ticket, mit dem er wieder zurück nach Hause, nach Deutschland reisen darf. Nur 36 Stunden nach ihrer Ankunft in Zypern wurde die Familie Sruor mit einem ADAC-Rettungsflieger nach Berlin gebracht.
Imad wird seine zweite Heimat im Libanon lange nicht wieder sehen. „Jetzt habe ich schon so viele Freunde und Verwandte dort verloren. Aber was soll ich machen? Ich muss erstmal nach vorne schauen, ich kann nicht immer nur daran denken. Ich fühle Schmerzen, aber nicht äußerlich. Diese Wunden hier, die man sieht, das sind äußere Verletzungen, das ist gar nichts. Aber die Wunden, die ein Mensch in sich hat, die kennt keiner.” (cips)

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