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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Die Kernkraft als solche ist kein Auslaufmodell

Die Anlage in Fukushima nach der Explosion. Foto: dpa

Holzminden/Halden (19.03.2011). In Japan dauert der Wettlauf der Experten gegen die drohende Kernschmelze an, in Halden in Norwegen verfolgt ein Kerntechniker gebannt die Bemühungen. Dr. Wolfgang Wiesenack, gebürtiger Holzmindener, hat bis 2009 das OECD Halden Reactor Project geleitet und ist dort heute Forschungschef. Die norwegische Forschungseinrichtung beschäftigt sich mit Reaktorsicherheit und erprobt neue Kernbrennstoffe – für mehr als 20 Länder weltweit. Dr. Wolfgang Wiesenack ist Vorsitzender einer Expertengruppe zur Überprüfung von Sicherheitsstandards bei der OECD-NEA in Paris und gehört zum Beraterteam der amerikanischen Regierung bei Reaktor-Störfällen mit Sitz in Washington. Im Gespräch mit dem TAH bewertet er die Situation in Fukushima, die wieder aufbrandende Debatte um die Zukunft der Atomkraft in Deutschland und warnt vor Panikmache.
Vor fünf Jahren – der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel wollte die älteren deutschen Kernkraftwerke vom Netz nehmen, weil sie nicht mehr den Sicherheitsbestimmungen entsprächen – erklärten Sie im TAH-Interview, dass die Kernkraft kein Auslaufmodell ist und deutsche Reaktoren, auch durch die langjährige Erfahrung der Betriebsmannschaften, sehr sicher seien. Stehen Sie auch heute noch dazu?
Wiesenack: Das ist auch heute noch meine Meinung. In der Statistik für 2009 sind sechs deutsche Kernkraftwerke, darunter Grohnde, unter den zehn mit der weltweit höchsten Stromproduktion. Das erreicht man nur durch zuverlässigen und sicheren Betrieb. Wenn allerdings jede Betriebsstörung reflexartig in die unmittelbare Nähe eines Supergaus gestellt wird, entsteht natürlich in der Öffentlichkeit kein positives Bild der Kernenergie. Das ist von manchen so gewollt, entspricht aber nach meiner Auffassung nicht den Gegebenheiten.
Die Kernkraft als solche ist kein Auslaufmodell – das zeigen auch gegenwärtig die internationalen Reaktionen, die die Auswirkungen der Ereignisse in Japan auf die Zukunft der Kernenergie anders, deutlich zurückhaltender, beurteilen als das in Deutschland von politischer Seite der Fall ist.
Wie bewerten Sie aus rein fachlicher Sicht das von der deutschen Bundesregierung verhängte Moratorium und die Anweisung, die sieben ältesten Atomkraftwerke abzuschalten?
Wiesenack: Ich gehe davon aus, dass die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke nicht nur bei den regelmäßigen Prüfungen beurteilt wird, sondern dass eine Beurteilung auch insgesamt vorgenommen wurde, bevor man das Atomgesetz änderte und wieder längere Laufzeiten zuließ. Es ist schwer zu sehen, wie eine Neubeurteilung wesentlich anders ausfallen kann, aber die Ereignisse in Japan werden natürlich eine Rolle spielen beim Durchdenken möglicher Szenarien (wozu ein Tsunami wohl nicht gehört). Ein Moratorium zu beschließen ist das Vorrecht der Politik, und fachliche Argumente müssen dabei nicht das Entscheidende sein.
Kann Kernkraft nach der Katastrophe in Japan überhaupt noch eine Zukunft haben?
Wiesenack: Wie schon gesagt, international wird die Nutzung der Kernkraft nicht so kategorisch infrage gestellt wie in Deutschland. Es ist selbstverständlich, dass die Geschehnisse in Japan genauestens analysiert und in die Beurteilung der Sicherheit von bestehenden und geplanten Anlagen einfließen werden. Es gibt in anderen Ländern (nicht in Deutschland) mit den Fukushima-Reaktoren baugleiche Anlagen, die sicher dabei besonders, aber nicht nur sie, bezüglicher extremer Ereignisse analysiert werden.
Wer die Kernkraft auslaufen lassen will, sollte auch sagen, was stattdessen „einlaufen“ soll. Da werden Windkraft, Solar- und Bioenergie genannt. Aber da wird in der Regel nicht gesagt, in welchen Dimensionen das nötig ist und welche Auswirkungen es hat, Kernkraft und den ebenfalls unerwünschten Energieträger Kohle damit zu ersetzen. Es wird das Prinzip eines Pumpspeicherkraftwerkes erklärt, aber es wird nicht gezeigt, wie viele neue Stauseen angelegt werden müssten, um die „größte anzunehmende Flaute“ zu überbrücken und welche Eingriffe in die Natur das bedeutet. Da regt sich heute schon Widerstand bei Einzelprojekten wie dem Schluchsee im Schwarzwald im Herbst letzten Jahres. Da ist nicht zu sehen, wie im dicht besiedelten Deutschland nicht nur genügend geeignete Standorte gefunden, sondern auch gegen den Widerstand der Anwohner durchgesetzt werden sollen. Da wird auf Norwegen, das Land, in dem ich lebe, verwiesen und darauf, dass dort Windenergie in Pumpspeichern zwischengespeichert werden könne. Das bedeutet enorme Veränderungen über die Kapazität zur Eigenversorgung hinaus (Norwegen hat 5 Millionen Einwohner), und dagegen regt sich hier genauso Widerstand wie anderswo. Heute Morgen war die Überschrift in der überregionalen Tageszeitung „Aftenposten“: Winterpreise für den Strom im Sommer. (In Norwegen ist Strom im Winter wesentlich teurer als im Sommer.) Der Grund: verstärkter Stromexport hat den Füllstand der Stauseen auf ein historisch niedriges Niveau gebracht, und man nennt auch das Abschalten von sieben deutschen Kernkraftwerken, was zu noch stärkerem Export führen wird. Ein weiterer Artikel befasst sich mit einer Klage gegen die Stauseepegelschwankungen, die größer sind als nach EU-Regeln erlaubt. Das führt zu verstärkter Erosion und beeinträchtigt die Biotope im Übergang zwischen Wasser und Land. Norwegen als Lösung der deutschen Energieprobleme? Nicht nur meine Antwort darauf ist „nei takk“.
Dann wird das Problem in noch andere Länder exportiert mit dem Argument „irgendwo weht immer Wind“ und unterschlagen, dass diese kaum bereit sein werden, ihre Landschaft mit Windkraftwerken zu verbauen, um Strom für Deutschland zu erzeugen – ganz zu schweigen von den nötigen neuen Starkstromleitungen, die schon in Deutschland von Nord nach Süd nicht machbar sind. Auch Energie aus Biomasse ist in der Kritik mit den Auswirkungen auf die Umwelt und die Nahrungsproduktion.
Alles ist machbar, nur zu welchem Preis? Mein persönliches Fazit: man muss die Möglichkeiten aller Energieerzeugungsarten nutzen. Dazu gehören selbstverständlich in einem vernünftigen Maß die erneuerbaren Energien, aber auch die Kernenergie. Und man muss neue Strukturen sich organisch entwickeln lassen statt sie mit Gewalt durchzusetzen.
Was unterscheidet die Anlage in Fukushima von den deutschen Kernreaktoren?
Wiesenack: Ich bin kein Experte für Konstruktionsdetails der verschiedenen Anlagen, die weltweit errichtet worden sind. Generell lässt sich sagen, dass die Fukushima-Reaktoren, Anfang der 70er Jahre in Betrieb genommen, zur ersten Generation eines von General Electric entwickelten Reaktortyps gehören. Deutsche Anlagen sind Entwicklungen der deutschen Kraftwerkunion beziehungsweise der Siemens AG und müssen dementsprechend deutschen Sicherheitsanforderungen genügen. Insbesondere die letzten errichteten Reaktoren haben verstärkte Schutzhüllen gegen äußere Einwirkungen.
Welche Fehler sind in Japan gemacht worden?
Wiesenack: Ob und welche Fehler gemacht worden sind, wird eine spätere Analyse zeigen müssen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist viel zu wenig über den Ablauf der Ereignisse bekannt und darüber, welche Systeme noch funktionierten und welche nicht. Manches mag bei oberflächlicher Betrachtung merkwürdig erscheinen, zum Beispiel, dass die Mannschaft bei Reaktor 3 die gleiche Prozedur durchgeführt hat, die schon bei Reaktor 1 zu einer Knallgasexplosion führte. Dazu muss man wissen, dass die oberste Etage des Gebäudes so ausgelegt ist, dass sie einer Explosion keinen großen Widerstand leistet, um die darunter liegenden Gebäudeteile nicht zu belasten. Ein Nichtablassen des sich bildenden Wasserstoffs und die Möglichkeit der Explosion innerhalb des Sicherheitsbehälters sowie dessen Zerstörung hätte weit ernstere Folgen, weil damit eine wichtige Barriere gegen die Freisetzung radioaktiver Stoffe durchbrochen wäre. Die wichtigste Aufgabe der Mannschaft ist es, durch Kühlung das Versagen des Sicherheitsbehälters und möglichst auch des Reaktordruckbehälters zu verhindern.
Haben Sie eine solche Katastrophe überhaupt für möglich gehalten?
Wiesenack: Die Kombination von Erdbeben und Tsunami ist wohl den wenigsten gegenwärtig, die nicht in einem Land mit einem solchen Risiko wohnen. Die Möglichkeit einer Kernschmelze wird allerdings durchaus angenommen, und die Kühlung solcher Schmelzen ist ein Forschungsthema. Es sind auch Reaktoren in Betrieb (russische Anlagen vom Typ VVER der ersten Generation, RBMK vom Tschernobyl Typ) ohne einen dichten Sicherheitsbehälter. Im Falle eines Unfalls ist bei solchen Anlagen eher mit starker Freisetzung von Radioaktivität zu rechnen.
Ist Ihr Institut in das Katastrophen-Management in Japan mit eingebunden? Welche Hilfestellungen können Sie geben?
Wiesenack: Wir nehmen nicht am Katastrophen-Management in Japan teil, sind aber aktiv im norwegischen Bereitschaftsteam, das in solchen Fällen zusammenkommt und die Ereignisse verfolgt. Wir haben japanische Mitarbeiter, deren Angehörige im Erdbebengebiet leben, aber Gott sei Dank den Umständen entsprechend wohlauf sind.
Und was erwartet Japan nach dem Super-GAU?
Wiesenack: Die größere Katastrophe ist immer noch das Erdbeben und der Tsunami mit allen verheerenden Auswirkungen. Die betroffenen Kernkraftwerke sind noch nicht unter Kontrolle, aber die Zeit arbeitet auch für eine Begrenzung der Auswirkungen. Zum einen klingen die radioaktiven Isotope immer mehr ab – das wichtige Jod 131 hat eine Halbwertszeit von acht Tagen, und zum anderen wird die Nachzerfallswärme immer geringer. Kühlung ist aber weiterhin erstes Gebot. Die Bevölkerung gegen die Auswirkungen der freigesetzten Radioaktivität zu schützen ist möglich. Die Gefahr kommt dabei weniger aus der eingeatmeten Luft, sondern aus Lebensmitteln, in denen sich radioaktive Stoffe anreichern können und die deshalb genau überwacht werden müssen.
Die Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes sind gravierend. Der Industrie und der Bevölkerung fehlt der Strom aus den abgeschalteten Kernkraftwerken, die Infrastruktur in den betroffenen Gebieten ist zerstört, und die Versorgung der Bevölkerung dort ist schwierig. Japan wird eine enorme Wiederaufbauleistung erbringen müssen. Sicher wird auch die Nutzung der Kernenergie zur Debatte stehen, aber ich erwarte nach heutigem Stand nicht, dass die verbliebenen Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Die Schlussfolgerung für die Japaner kann durchaus sein, den Bau neuer Kernkraftwerke der Generation III+ voranzutreiben und so ältere so schnell wie möglich zu ersetzen.
Ist eine Kernschmelze überhaupt zu beherrschen. Wären Kernkraftwerke nachrüstbar?
Wiesenack: Die Sicherheitsphilosophie der neuesten Reaktorentwicklungen verlangt, dass die Auswirkungen eines Unglücks auf den Bereich der Anlage beschränkt bleiben. Dabei wird auch eine Kernschmelze als Möglichkeit angenommen. Der europäische Druckwasserreaktor (EPR), der zurzeit in Finnland und in Frankreich im Bau ist, hat eine Ausbreitungs- und Kühlfläche für den geschmolzenen Kern innerhalb des Sicherheitsbehälters, der radioaktive Stoffe zurückhält. Andere Entwicklungen stellen große Mengen Wasser bereit, die den Kern ohne Zuhilfenahme von Pumpen und ohne Eingreifen mindestens drei Tage lang kühlen können. Bei bestehenden Kernkraftwerken lässt sich die Redundanz der Sicherheitseinrichtungen verbessern, aber größere bauliche Eingriffe innerhalb des Sicherheitsbehälters dürften schwierig sein. Aus wirtschaftlichen Erwägungen kommt da ein Neubau (allerdings nicht in Deutschland) eher in Betracht.
In China und Russland wächst die Furcht. Gibt es auch für Europa eine Bedrohungslage?
Wiesenack: Durch die große Entfernung werden die radioaktiven Stoffe aus Japan sehr stark verdünnt nach Europa gelangen. Eine Bedrohung erwarte ich davon nicht. Radioaktivität ist leicht feststellbar, man wird geringe Spuren messen, und man wird wahrscheinlich große Überschriften in den Medien haben. Ich halte Panikmache für unverantwortlich und hoffe, dass hier sachlich informiert wird.
Zum Kauf von Jodtabletten oder Geigerzählern besteht kein Anlass. (bs)

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