Zum Inhaltsbereich springen
Donnerstag, 17. Mai 2012




TAH bei Facebook TAH RSS Feeds

Die Kernkraft ist kein Auslaufmodell

Dr. Wolfgang Wiesenack.

Holzminden/Halden (18.03.06). Die Diskussion um die Nutzung der Atomkraft ist wieder voll entbrannt. Sind deutsche Atomreaktoren noch sicher und soll dem Iran die Urananreicherung erlaubt werden? Wie sicher kann der Atommüll gelagert werden? Antworten auf diese Fragen hat der TAH bei Dr. Dieter Wiesenack gesucht. Der Projektleiter des Instituts für Energietechnik in Halden (Südnorwegen) ist gebürtiger Holzmindener. Wiesenack untersucht für mehr als 20 Länder weltweit die Reaktorsicherheit und erprobt neue Kernbrennstoffe.

TAH: Umweltminister Gabriel sagt, die älteren der deutschen Kernkraftwerke entsprächen nicht mehr den heutigen Sicherheitsbestimmungen, würden also nicht mehr genehmigt. Er hat angekündigt, diese Anlagen jetzt stärker zu kontrollieren. Geht von deutschen Kernreaktoren tatsächlich eine Gefahr aus?
Wiesenack: Alle deutschen Reaktoren entsprechen den geltenden Sicherheitsstandards und werden nach gleichen Maßstäben überwacht und kontrolliert. Es ist daher nicht gerechtfertigt, einen Unterschied aufgrund des Alters zu machen. Sicherheit ist auch nicht nur eine Frage des technischen Zustands, sondern hängt ebenfalls und wesentlich von der Erfahrung der Betriebsmannschaft ab. Die Reaktoren Three-Mile-Island (Harrisburg) und Tschernobyl waren noch nicht lange in Betrieb, als die bekannten schweren Störfälle bei ihnen eintraten. Im Falle von Tschernobyl war mangelhaftes Sicherheitsdenken ein ursächlicher Grund dafür, dass der Reaktor in einen unkontrollierbaren Zustand geriet und zerstört wurde. Im Gegensatz dazu liefert die langjährige Erfahrung der Betriebsmannschaften deutscher Kernkraftwerke einen wesentlichen Beitrag zur Gesamtsicherheit der Anlagen.
TAH: Während Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie mittelfristig festgeschrieben hat, werden rund um Deutschland die Planungen für neue Atomkraftwerke wieder aufgenommen. Wie sicher sind diese Reaktoren?
Wiesenack: In Auftrag gegeben ist ein Reaktor in Finnland, Olkiluoto 3, und geplant wird ein Reaktor in Frankreich am Standort Flamanville in der Normandie. Beide sind vom Typ EPR (European Pressurised Water Reactor), der eine deutsch-französische Entwicklung auf der Grundlage der deutschen Konvoi-Reaktoren und des französischen N4-Reaktortyps ist. Schon die Konvoi-Reaktoren gehören zu den sichersten der Welt. Das zeigt sich auch in der ausgezeichneten Betriebssicherheit dieser Anlagen, von denen das Kernkraftwerk Grohnde mehrfacher Weltmeister in der jährlichen Stromerzeugung ist. Beim EPR ist der Auslegungsstörfall noch unwahrscheinlicher als bei bestehenden Kernkraftwerken, und die Folgen werden durch die Sicherheitstechnik auf die Anlage selbst begrenzt.
TAH: Wie sicher kann die friedliche Nutzung von Kernkraft überhaupt sein? Ist sie, wie Gabriel glaubt, ein Auslaufmodell, oder eine Zukunftstechnologie?
Wiesenack: Was die Sicherheit betrifft, hält die Erzeugung von Energie aus Kernkraft für friedliche Zwecke jedem Vergleich mit anderen Arten der Energieerzeugung stand. Davon kann sich jeder selbst ein Bild machen, wenn man Zeitungsberichte zum Beispiel über Unglücke bei der Kohle- oder Erdölförderung liest. In Ländern wie China und der Ukraine verlieren jedes Jahr mehrere tausend Bergleute ihr Leben - das erzeugt nur noch einen standardisierten kleinen Artikel, dem wir vor lauter Abstumpfung kaum noch Beachtung schenken. Auch westliche Länder mit wesentlich besserer Sicherheit sind in diesem Bereich von Unglücken nicht verschont, wie das Grubenunglück in den USA im Januar gezeigt hat. Die Kernkraft ist deshalb schon aus Gründen ihrer überlegenen Sicherheit kein Auslaufmodell, aber auch wegen ihrer weitgehenden Emissionsfreiheit und ihres geringen Platzbedarfs und der damit verbundenen Schonung der Natur. Die weltweite Entwicklung der Nutzung der Kernkraft zeigt klar, dass eine deutliche Mehrheit nicht der Meinung ist, sie sei ein Auslaufmodell.
TAH: Und wie sicher ist diese Zukunft, wenn schon jetzt absehbar ist, wann die Uranvorkommen erschöpft sind?
Wiesenack: In den siebziger Jahren wurde mir beim Studium der Kerntechnik beigebracht, dass die mit der damaligen Reaktortechnik nutzbaren Uranvorkommen bis zum Jahr 2000 erschöpft sein würden. Deshalb gelte es, so schnell wie möglich den Brutreaktor zu entwickeln. Wir wissen heute, dass diese Vorhersage nicht eingetroffen ist. Im Gegenteil, der Horizont bis zum Aufbrauchen der heute bekannten und geschätzten Vorräte hat sich von 25 auf über 100 Jahre erweitert. Das gilt, wenn weiterhin allein die heutige Reaktortechnologie eingesetzt wird, die das Uran nur zu etwa einem Prozent ausnutzt. Wir haben Zeit, andere Technologien, die das Uran zu 60 Prozent oder mehr ausnutzen, zu entwickeln und zur Anwendungsreife zu bringen. Das geschieht weltweit durch die so genannte „Generation IV”-Initiative. Die Brennstoffkosten machen nur fünf bis zehn Prozent der Gesamtkosten der Stromerzeugung aus Kernkraft aus, und bei einer höheren Ausnutzung des Urans können auch heute unwirtschaftliche Vorkommen verwertet werden. So reicht zum Beispiel das im Wasser der Weltmeere gelöste Uran für hunderttausend Jahre. Über Uranknappheit braucht man sich also nicht wirklich zu sorgen, wohl aber über die von Erdöl und Erdgas. Ein weiterer Vorteil ist die im Vergleich zu Öl und Gas sehr hohe Versorgungssicherheit, denn die größten Uranvorkommen liegen in politisch stabilen Regionen (zum Beispiel Kanada, Australien). Der deutsche Bedarf liegt bei rund 4.000 Tonnen Uran/Jahr, weshalb auch leicht ein nationaler, für viele Jahre reichender Vorrat angelegt werden könnte. Das reine Volumen einer solchen Menge ist nicht größer als das eines Wohnhauses.
TAH: Schließlich, welche Lösungsmöglichkeiten gibt es, das Endlagerproblem in den Griff zu bekommen? Und ist es überhaupt möglich, das stark radioaktiv strahlende Material sicher zu entsorgen?
Wiesenack: Bei der Entsorgung der radioaktiven Stoffe, die bei der Kernspaltung entstehen, werden heute zwei Möglichkeiten entwickelt: die direkte Endlagerung und der Weg über die Wiederaufarbeitung. Beide erfordern einen sicheren Einschluss in geologische Formationen, von denen bekannt ist, dass sie schon seit hundert Millionen Jahren oder länger existieren und noch weitere Millionen von Jahren ohne wesentliche Veränderung existieren werden. Die damit zusammenhängenden Fragen wurden und werden eingehend untersucht, und die Einrichtung eines Endlagers ist weniger ein Problem der technischen als der politischen Durchführbarkeit. Auch hier ist Finnland wieder beispielgebend. In einem vorbildlichen Prozess wurden geeignete Endlagerstätten erkundet und schließlich unter Einbeziehung der Bevölkerung ein Ort gewählt. Das finnische Endlager wird etwa 2020 fertig gestellt sein und dann Brennelemente zur direkten Endlagerung entgegennehmen.
TAH: Kommen wir zum Iran. Zwischen Iran und dem Rest der Welt ist ein Streit entbrannt um die Nutzung der Kernenergie. Der Iran behauptet, die Kernenergie nur friedlich nutzen zu wollen. Welche Gefahren bestehen, wenn diesem Staat die Uran-Anreicherung ermöglicht wird?
Wiesenack: Für die Mehrzahl der heutigen Kernkraftwerke wird ein Brennstoff eingesetzt, bei dem das spaltbare Uran-Isotop U-235 bis auf maximal fünf Prozent angereichert ist. Es ist nicht möglich, damit eine Atombombe zu bauen. Solches Reaktor-Uran ist auf dem Weltmarkt für friedliche Zwecke reichlich und sicher verfügbar, und Länder mit einer begrenzten Anzahl von Kernreaktoren sind nicht auf eigene Anreicherungsanlagen angewiesen. Wenn der Iran dennoch auf einer eigenen Anlage zur Urananreichung besteht, befürchtet der Rest der Welt, dass diese Anlage auch für höhere Anreicherungen und damit zur Produktion von Spaltstoff für eine Atombombe benutzt werden kann.
TAH: Wie eng ist überhaupt der Zusammenhang zwischen der zivilen Nutzung der Atomenergie und der Atombombe?
Wiesenack: Der in Kernreaktoren eingesetzte Brennstoff kann nicht direkt zum Bau von Atombomben verwendet werden. Der Atomwaffensperrvertrag verbietet eine Nutzung für militärische Zwecke, und die Unterzeichnerstaaten haben mit der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA Überwachungsmaßnahmen vereinbart, die einen Missbrauch für den Bau von Atomwaffen verhindern sollen. Dazu gehören regelmäßige Kontrollen, und in Ländern, die das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben, auch unangemeldete Kontrollen der Anlagen. Die internationale Politik ist gefragt, diese Vereinbarung und ihre Einhaltung in allen Ländern durchzusetzen, die die Kernenergie für friedliche Zwecke nutzen wollen.
TAH: Ist es möglich, mit Uranabfällen aus den Kernkraftwerken eine so genannte schmutzige Bombe zu bauen? Was versteht man genau darunter?
Wiesenack: Durch eine so genannte schmutzige Bombe sollen radioaktive Stoffe in einem dicht besiedelten Gebiet verteilt werden. Die Wirkung geht dabei nicht von der Sprengkraft aus, sondern zielt auf die Verbreitung von Angst und Schrecken und die langfristige Kontaminierung der Umgebung. Es sind verschiedene Quellen für die benötigte radioaktive Substanz denkbar. Abgebrannter Brennstoff aus Kernkraftwerken ist hier nicht unbedingt „erste Wahl”, denn er ist gut bewacht und damit nicht so leicht zu beschaffen, und er liegt in einer festen Form vor und ist daher nicht so einfach fein zu verteilen. Reine radioaktive Stoffe, wie sie zum Beispiel für medizinische Zwecke hergestellt werden, wären da „effektiver”. Letztendlich ist gefordert, mit radioaktiven Stoffen egal welcher Art und Herkunft besonders sorgfältig und verantwortlich umzugehen, um das Risiko einer Entwendung so gering wie möglich zu halten.
TAH: Herr Wiesenack, herzlichen Dank für das Gespräch (bs).

zurück
nach oben
Täglicher Anzeiger Holzminden

© Täglicher Anzeiger Holzminden