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Die Schiffe entstehen auf der Werft im Partykeller

Ein amerikanischer Clipper aus dem 18. Jahrhundert ist ebenfalls auf der Ludewig-Werft entstanden. Foto: fhm

Lüchtringen (06.03.2010). Als Bauingenieur war Jürgen Ludewig aus Lüchtringen großräumiges Arbeiten gewohnt. Der Experte für Straßen-, Wasser- und Tiefbau hat während seiner Berufszeit kilometerlange Straßen gebaut oder große Kanalleitungen durch ganze Städte hindurch verlegt. Jetzt arbeitet der 64-jährige Ruheständler bevorzugt mit Pinzette, Messer, Feile und Pinsel. Und seine Baustelle befindet sich im eigenen Haus. Denn Jürgen Ludewig hat in seinem Partykeller eine eigene Werft, in der Segelschiffe gebaut werden. Ludewig ist Modellbauer mit Leib und Seele und hat sich auf große und originalgetreue Schiffsmodelle des 16. und 17. Jahrhunderts spezialisiert.
Acht Modelle im Maßstab von 1:78 bis 1:150 hat der Lüchtringer schon geschaffen, jetzt hat er mit seinem nächsten Projekt begonnen. Ein Modell des französischen Seglers „La Couronne“ wird gebaut. „Und das läuft bei mir genau so wie auf einer richtigen Werft.“ Zunächst wird eine Helling errichtet, dann findet die Kiellegung statt und weiter geht es mit dem Bau der Spanten. Vorlage für den Bau sind detaillierte Pläne der alten Segelschiffe, die man im Fachhandel kaufen kann. „Es ist eine zeitintensive und sehr genaue Arbeit, die schon bis zu acht Monate für ein Schiff in Anspruch nimmt.“ Die „Friesland“, ein 1663 in Holland errichtetes Segelschiff, ist sein aktuell fertiggestelltes Werk. 1.100 Arbeitsstunden hat Jürgen Ludewig in den Bau dieses Schiffes investiert. „Besonders im Winter bin ich oft im Keller, manchmal bis zu zehn Stunden am Tag.“
Vor 30 Jahren hat Ludewig die „Santa Maria“ von Christoph Kolumbus nachgebaut. Danach war erst einmal für 25 Jahre Ruhe. „Als ich vor drei Jahren in den Ruhestand ging, habe ich das Hobby wieder aufgenommen“, erzählt er. Die Arbeit an sich fasziniere ihn und bereite ihm großen Spaß. Es sei eine spannende Sache, an diesen Modellen zu arbeiten. Jeden Tag wachse das Schiff ein wenig mehr und entstehe so vor seinen Augen. „Und ist ein Schiff fertig, fällt diese Spannung weg. Dann möchte ich gleich mit dem nächsten Schiff beginnen.“ Wer sich die Schiffe von Jürgen Ludewig anschaut, der bewundert die exakte, originalgetreue, saubere und sehr detaillierte Bauweise. Selbst die Knoten der Taue, die Takelage oder die Verzierungen am Heck stimmen mit dem echten Schiff perfekt überein. „Da muss man schon einmal mit einer Pinzette die Knoten der Taue knüpfen.“
Für Jürgen Ludewig ist es mit dem Bauen von Schiffen nicht getan. Begleitend zu den Schiffen informiert er sich in Büchern und im Internet über die Schicksale der Schiffe, die Zeitumstände und auch, unter welchen Bedingungen die Matrosen damals zur See gefahren sind. „Man lernt bei jedem Schiff etwas Neues über die Geschichte und die Menschen.“ So hat er über acht Monate an der HMS Victory gearbeitet, dem Flaggschiff von Admiral Nelson, mit dem er 1805 den Sieg über Napoleons Flotte in der Schlacht von Trafalgar davontrug. Der „Rote Löwe“ ist ein Schiff des Kurfürstentums Brandenburg, das 1601 vom Rat der Stadt Königsberg dem großen Kurfürsten geschenkt wurde. Er setzte es als Wachschiff auf der Ostsee ein. „Am Schiff der Brandenburger“, zeigt Ludewig auf den Bug, „kann man sehr schön etwas über die Lebensumstände erfahren.“ Es gab keine sanitären Anlagen auf den Schiffen, und wer musste, ging ganz nach vorn ins „Gärtchen“. Hier musste dann auf einem Lattenrost die Notdurft ins Meer verrichtet werden. „Nicht jeder Matrose traf durch die Löcher ins Meer. Spätestens nach zwei Wochen auf hoher See muss das bestialisch gestunken haben“, vermutet der Lüchtringer schmunzelnd.
Zwei große Wünsche hat Jürgen Ludewig. Er möchte auf jeden Fall einmal die „Wappen von Hamburg“ bauen. „Ein schönes Schiff.“ Und er sucht Gleichgesinnte, mit denen er sich austauschen kann, gegebenenfalls auch beim Material (bevorzugtes Material ist Lindenholz) für die Schiffe. Auch wer sich für das Hobby „Modellbau“ interessiert, kann sich an Jürgen Ludewig wenden. „Es ist ein herrliches Hobby, das einfach viel Freude bereitet.“ Vielleicht lassen sich so noch weitere Menschen für den Bau von Schiffsmodellen begeistern. Jürgen Ludewig ist unter 05271/32919 oder per E-Mail ludewig.luechtringen@t-online.de zu erreichen. fhm

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