Kreis Holzminden (23.04.2002). Der Streuobstanbau hat im Landkreis Holzminden seit Jahrhunderten Tradition. Besonders in den wärmebegünstigten Kalkgebieten, entlang der Weser, in der Rühler Schweiz und im Großraum Stadtoldendorf waren Apfel- sowie Kirschwiesen und Weiden sehr weit verbreitet. Auch heute noch bilden diese Streuobstwiesen für viele Gemeinden ein charakteristisches Landschaftselement.
Ihre direkte wirtschaftliche Bedeutung haben diese Flächen nicht zuletzt aufgrund mangelnder Absatzmöglichkeiten bereits vor Jahrzehnten verloren. Der Wert der Hochstämme als landschaftsprägende Elemente, zum Beispiel für den Tourismus und die Erholung in der Landschaft, lässt sich nicht bilanzieren und bringt dem Flächeneigner kein Einkommen. Entsprechend viele Obstwiesen wurden in der Vergangenheit gerodet und werden nicht mehr genutzt.
Strukturell stehen Streuobstwiesen zwischen Laubwäldern und offenen Grünflächen. Sie weisen daher eine große Vielfalt von Kleinbiotopen auf. In einem dichten Mosaik finden sich sonnige- und beschattete Bereiche, Todholz, Laubansammlungen, Baumhöhlen, versaumte- und mehr oder minder intensiv genutzte Grünlandflächen. Da Streuobstwiesen nur unter Schwierigkeiten mit modernem landwirtschaftlichen Gerät befahren werden können, sind sie vielfach ungedüngt. Neben ihrem Strukturreichtum ist dies sicher einer der Hauptgründe, weshalb Streuobstwiesen zu den artenreichsten Lebensräumen unserer Landschaft zählen.
Da die Obstbäume in der Vergangenheit einen hohen Wert darstellten, der durch Weidevieh nicht gefährdet werden sollte wurden die Obstwiesen traditionell als zweischürige Wiesen genutzt. Die erste Mahd diente der Heuerzeugung, während die zweite, wegen der schwierigen Trocknung im Halbschatten der Bäume, vor Ort aufgereutert wurde. Die Streu wurde dann im Winter direkt von den Reutern in die Ställe gebracht. Ob nun diese Nutzung als Einstreu oder der locker über die Wiesen verstreute Bestand der Bäume zum Namen Streuobstwiesen führte, ist bis heute nicht geklärt.
Durch eine derartige Wiesennutzung mit zweimaliger Mahd stellen sich auf den meisten Standorten Glatthaferwiesen ein. Da Streuobstwiesen in der Regel nicht oder nur geringfügig gedüngt wurden, sind diese Wiesen besonders artenreich. So umfasst ihr floristisches Arteninventar neben dem zumeist vorherschenden Glatthafer beispielsweise Arten wie Wiesen- Schwingel, Acker- Witwenblume, Wiesensalbei, Bocksbart, Herbstzeitlose, Odermennig, Weiden- Alant oder Taubnesseln.
Bedingt durch die besonders günstigen Wasser- und Nährstoffverhältnisse durch Fallobst Laubstreu und Beschattung, finden sich im Traufbereich der Bäume häufig Nährstoff liebende Arten wie Taub- und Brennessel, Knolliger Kälberkropf, oder Knäulgras.
Heute sind die meisten großflächigen Obstwiesen im Landkreis Holzminden beweidet. Sofern diese Nutzung nicht zu intensiv betrieben wird, stellt sich auch auf Obstweiden eine artenreiche Vegetation ein. Speziell Trockenhängen in sonnenexponierten Lagen sind besonders artenreich. Hier kommen vor allem konkurrenzschwache Arten wie Orchideen, Wohlriechende Schlüsselblume, Zittergras, Frühlings-Segge oder Rauhes Veilchen vor. Der Tritt der Tiere reißt die Narbe der Weide immer wieder auf, so dass sogar Arten wie das Mäuseschwänzchen der Ackerwachtelweizen oder der Ackergelbstern, früher charakteristisch für Äcker, Rückzugsgebiete in beweideten Obstwiesen finden.
Auch viele der Tiere, die sich in Streuobstwiesen ansiedeln, sind nicht fest an diesen Lebensraum gebunden, sondern nutzen diesen oft als Ausweichort oder Rückzugsmöglichkeit, da viele ihrer natürlichen Biotope in der Landschaft selten geworden sind. Aufgrund des breiten Spektrums ökologischer Nischen können in einer extensiv genutzten Streuobstwiese über 3.000 verschiedene Tierarten nachgewiesen werden. Diese enorme Artenzahl sinkt jedoch rapide mit der Intensität der Nutzung.
Gegenüber einer Obstplantage liegt die Artenzahl der Spinnen auf einer Streuobstwiese um 85 Prozent höher, die Individuenzahl steigt um das Dreifache. Ähnlich verhält es sich mit anderen Artengruppen, so kommen in Streuobstwiesen fünfmal mehr Hautflügler- (Fliegen, Wespen, Ameisen) und sechzehnmal mehr Bienenarten (bis zu 70) als in intensiv genutzten Obstkulturen vor. Einige Schmetterligsarten wie die Ordensbänder, der Trauermantel oder der noch recht häufige Admiral können sich an Streuobstwiesen geradezu berauschen: Vergorenes Obst stellt für sie eine besondere Delikatesse dar, für welche sie auch weite Anflüge in Kauf nehmen.
Finden sich in der Wiese absterbende Bäume und Ameisenburgen, so bietet sich für Wendehals, Grün- und Grauspecht ein idealer Lebensraum. Baumhöhlen in besonders alten Bäumen bieten Brutplätze für bedrohte Arten wie Steinkauz, Hohltaube, Gartenrotschwanz oder Mittelspecht.
Sind innerhalb einer Obstwiese noch keine Höhlenbäume vorhanden, so kann durch geeignete Nisthilfen der aktuelle Wohnungsnotstand für einzelne Arten behoben werden. Allerdings ist hier eine entsprechende Bandbreite verschiedener Kästen für verschiedene Arten vorzuhalten. Neben dem Aspekt des Brut- und Nahrungshabitats stellen Obstwiesen auch wichtige Ansitz- oder Singwarten für Vögel, so etwa für Raubwürger, Baumpieper, und verschiedene Eulen und Greifvögel.
Auch Säugetiere sind in Streuobstwiesen besonders artenreich vertreten: Bilche wie der Siebenschläfer oder der Gartenschläfer nutzen vorhandene Baumhöhlen und Nistkästen zur Aufzucht ihrer Jungen. Die Haselmaus, die ebenfalls den Schläfern zuzurechnen ist, baut hingegen ein kugelförmiges Nest aus Stroh in ungemähten Hochstaudenfluren und Gebüschzonen.
Für Fledermäuse wie der Große Abendsegler, die Breitflügel- und Rauhhautfledermaus, das Braune Langohr oder Bechsteinfledermaus nutzen Ostwiesen häufig sowohl als Nahrungshabitat als auch als Quartier.
Die Listen der Bewohner und Besucher der Streuobstwiesen und ihrer Präferenzen ließen sich angesichts ihrer enormen Artenvielfalt noch nahezu beliebig erweitern. Um diese wertvollen Lebensraum möglichst häufig zu erhalten, gilt es, neben der Schaffung von lukrativen Absatzmöglichkeiten für das Obst Wege zu finden, wie der Aspekt der Landschaftsgestaltung und Tourismusförderung durch die Obstwiesen dem Bewirtschafter honoriert werden kann.