Zum Inhaltsbereich springen
Donnerstag, 17. Mai 2012




TAH bei Facebook TAH RSS Feeds
Mit Metalldetektoren wurde das Gebiet am Harzhorn eingehend untersucht. Foto: Kreisarchäologie Northeim

(25.04.09) Mühsam marschierten 1.000 Legionäre mit ihrem Tross durch das morastige und waldreiche Harzvorland. Auf Befehl des römischen Kaisers Maximinius Thrax waren sie auf dem Rückweg von einer Strafexpedition. Germanien war um 235 nach Christus zwar keine römische Provinz, aber immer wieder überwanden germanische Stämme den römischen Grenzwall Limes zwischen Rhein und Donau und zogen plündernd durch römisches Gebiet. Neben klassischen römischen Fußsoldaten hatte Kaiser Maximinius auch persische Bogenschützen und maurische Speerwerfer für den Feldzug abkommandiert. Die Soldaten samt Verpflegungstruppen marschierten auf das Harzhorn im heutigen Landkreis Northeim zu. Dort könnten sie den Höhenzug über einen Pass erklimmen, um endlich wieder in Richtung Reichsgebiet zu gelangen. Doch noch waren die Männer hunderte von Kilometern von ihrem Ziel entfernt.
Auf dem Harzhorn prasselten plötzlich Speere und Pfeile auf die Vertreter des Imperiums nieder. Die Römer wurden von Germanen angegriffen. Mehrere Tage warteten die Krieger auf ihre Feinde, versorgten sich mit gebratenen Wildschweinen und lagen auf der Lauer, bis die Römer sich dem Höhenzug näherten. Die Legionäre wandten ihre erprobte Militärtaktik an. In geschlossener Formation wehrten sie den Angriff ab. Nicht nur mit Speeren und Pfeilen, sondern auch mit Torsionsgeschossen wehrten sie die Attacke zunächst ab. Doch der Druck der Angreifer ließ nicht nach. Der Weg in Richtung Mainz, damals unter dem Namen Mogontiacum eines der großen römischen Legionslager, wurde versperrt. Die Römer blieben dennoch Herr der Lage, mussten aber nach Norden in Richtung Leinetal ausweichen. Die Germanen errangen zwar keinen Sieg, konnten die Römer aber den Rückweg versperren.
Ungefähr so könnte sich vor knapp 1.800 Jahren eine Schlacht abgespielt haben, von der bis vor kurzem niemand etwas wusste. Denn eigentlich dachte man, dass nach der vernichtenden Niederlage der Römer im Teutoburger Wald das Kapitel „Römer in Germanien“ beendet war. Und in den schriftlichen Quellen des 3. nachchristlichen Jahrhunderts ist von einer Schlacht in dieser Gegend nirgendwo etwas vermerkt. Zwei Hobbyarchäologen haben den vergessenen Feldzug der Römer nach Südniedersachsen ans Licht der Öffentlichkeit gebracht.
Rolf Peter Dix und Winfried Schütte aus dem Landkreis Holzminden waren auf der Suche nach einer sagenhaften Burg am Harzhorn, 36 Kilometer südöstlich von Eschershausen. Dabei entdeckten sie ein Metallstück, das sie dem Mittelalter zuordneten. Erst später kam ihnen der Gedanke, dass es römischer Herkunft sein könnte. Northeims Kreisarchäologin Dr. Petra Lönne bestätigte den Verdacht der Heimatforscher und identifizierte das Metallstück als römische Speerspitze. Im Gelände entdeckte die Archäologin direkt unter der Erdoberfläche weitere römische Hinterlassenschaften. Schnell erkannte sie, dass etwas Großes zu erforschen war. Zusammen mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege wurde das Terrain am Harzhorn unter Ausschluss der Öffentlichkeit konsequent untersucht und teilweise schon ergraben.
Die Funde, so berichtete Dr. Petra Lönne, sind aufsehenerregend. Über 800 Stücke konnten die Wissenschaftler bisher bergen. Dazu gehörten Speer- und Pfeilspitzen, wie sie von römischen Legionären, persischen und maurischen Hilfstruppen der Römer benutzt wurden, Beschläge von Waffen, Hufschutz aus Eisen für Pferde, Torsionsgeschosse und Münzen wurden ebenfalls gefunden. Die Lage der Funde und die Häufigkeit der Stücke ließ die Archäologen fast exakt den Ablauf der Schlacht nachvollziehen. So konnte man die Stellungen der Römer und Germanen festlegen und sogar anhand der gefundenen Wildschweinknochen erkennen, wie sich die lauernden Angreifer verpflegten. Dass es etwa 1.000 Römer gewesen sein können, darauf deuten die Funde hin. So wurden viele Stücke von römischen Trosswagen und Pferdegeschirr gefunden. Münzfunde konnten neben wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden eine zeitliche Einordnung der Funde ermöglichen. Die Schlacht hat mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 230 und 250 nach Christus stattgefunden haben. Auf die Germanen deutet eine Speerspitze mit Messingeinlage hin, die nur von Germanen benutzt wurde. Übrigens benutzten die Germanen damals schon römische Waffen, die sie von Händlern aus dem Imperium Romanum kauften.
In der Mitte des 3. Jahrhunderts nach Christus war die einstige Herrlichkeit der römischen Herrschaft nicht mehr so unumstritten wie zu Zeiten des Kaisers Augustus (31 vor bis 14 nach Christus). Nach der Niederlage der Römer im Teutoburger Wald hatte sich das Imperium hinter die Rhein- und Donaugrenze zurückgezogen. Man trieb zwar Handel mit den Germanen und beherrschte fast ganz Europa, Kleinasien, den vorderen Orient und Nordafrika, hielt sich aber aus den innergermanischen Verhältnissen heraus. So dachte zumindest bisher die Geschichtswissenschaft.
Dass über 200 Jahre nach dem Sieg des Arminius über Varus eine so starke römische Einheit durch Norddeutschland zog, mehrere hundert Kilometer von den römischen Grenzlagern Xanten, Köln, Bonn Mainz, Koblenz oder Regensburg entfernt mitten im Feindesland, war für die Historiker eine echte Überraschung. Nach den Fundorten Kalkriese bei Osnabrück und Hedemünden ist Kalefeld erst der dritte Römerfundort in Norddeutschland. Die Forscher vermuten, dass diese Römer auf einer Strafexpedition unterwegs waren. 233 waren immer wieder Alemannen aus dem heutigen Baden-Württemberg und Bayern ins römische Reichsgebiet eingedrungen und hatten Städte und Dörfer überfallen und ausgeraubt. Kaiser Maximinius Thrax hatte 235 befohlen, dass die Römer das Treiben der Germanen nicht ungestraft hinnehmen sollten und nach Germanien marschieren sollten. Diese Straffeldzüge sind historisch belegt, waren aber nur im grenznahen Gebiet an Donau und Rhein vermutet worden.
Das römisch-germanische Schlachtfeld bei Kalefeld wird jetzt von Experten ausgegraben und wissenschaftlich untersucht. Nach einer Sondierungsgrabung soll jetzt eine groß angelegte Flächengrabung erfolgen, um weitere Erkenntnisse über die Schlacht am Harzhorn zu gewinnen. Die bisherigen Funde haben schon wichtige Erkenntnisse gebracht: Die Geschichte der Römer in Norddeutschland endete doch nicht mit dem Sieg des Arminius vor genau 2.000 Jahren. Und eine weitere Erkenntnis ist, dass man nicht nur den schriftlichen Quellen der Römer vertrauen kann. Denn über diese Schlacht findet sich nichts bei den römischen Geschichtsschreibern. Vielleicht fanden sie es nicht so vorteilhaft, von der Flucht ihrer Legionäre vor den Germanen zu berichten. (fhm)

zurück
nach oben
Täglicher Anzeiger Holzminden

© Täglicher Anzeiger Holzminden