Holzminden (02.12.06). Manchmal ist sie greifbar. Die Angst, so wie damals, auf dem Haarmannplatz. Als ich Zeuge wurde einer Schlägerei. Deshalb bin ich jetzt hier. „Angst ist unser allerwichtigstes Warnsystem“, sagt Steffi Turano. „Es ist ganz wichtig, Angst ernst zu nehmen“. Und Panik zu vermeiden. „Panik macht kampfunfähig“, sagt die Frau, die sich mit Kampfsportarten auskennt. „Panik kommt, wenn man nicht mehr ausatmet“. Deshalb lernen wir das richtige Atmen an diesem Abend. Das Zuschlagen. Das Sich-Selbst-Behaupten. Und nehmen zwei Stunden später das gute Gefühl mit, sich wehren zu können, wenn es nötig ist. Wir, das sind zwölf Frauen und Mädchen im Alter zwischen elf und 50 Jahren, die sich gemeldet haben für den Kurs „Selbstverteidigung/-behauptung für Mädchen und Frauen“. Gleich zu Beginn hantiert Steffi Turano, unsere Trainerin, mit eineinhalb Zentimeter dicken Holzbrettern. „Echt massiv“, sagt sie. „Die schlagen Sie jetzt durch“. „Wie nett“, entfährt es meiner Nachbarin, die das Fichtenholz, wie wir alle, skeptisch beäugt. „Sie gehen kaputt, wenn man es will. Draufhauen tut weh, durchhauen nicht“, versichert die Fachfrau, die aus Northeim kommt, für die Volkshochschule arbeitet und Frauen fit macht für den Konfliktfall.
Das Frauenbüro des Landkreises hat Steffi Turano nach Holzminden eingeladen, bietet den Kurs im Rahmen der Aktionstage „Nein zu Gewalt an Frauen“ an, „denn es ist noch nicht in allen Köpfen angekommen, dass man einschreitet und sich nicht umdreht und wegsieht, wenn man von Gewalt erfährt“, erklärt die Frauenbeauftragte des Landkreises, Sigrun Brünig. Verschiedene Veranstaltungen bietet das Frauenbüro im Rahmen der Aktionstage an. Und eben auch diesen Selbstverteidigungskurs.
Aber ein massives, dickes Brett durchschlagen? Im Kopf sperrt sich etwas dagegen. Sagt, dass das unmöglich ist. Und doch knie ich mich hin, balle die Faust, konzentriere mich, atme aus, schlage zu. Unglaublich! Das Brett, zerbrochen. Die Hand, o.k.. „Das sind die Hormone“, erklärt die schlanke, drahtige Frau. Diese Hormone machen schmerzunempfindlich - allerdings auch den Angreifer. „Wenn ich mich entscheide, mich zu wehren, dann muss ich das Brett durchhauen“, umschreibt es Steffi Turano bildlich.
Wen Do heißt das, was sie uns vermittelt. „Diese Techniken werden von Frauen an Frauen weitergegeben“. Wen Do kommt aus Kanada, ist eine effektive Zusammenfassung aller Kampfsportarten Vor allen Dingen geben sie den Frauen mehr Sicherheit.
Jede, die an diesem Abend mit in dem Raum in der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Holzminden sitzt, weiß von Situationen zu berichten, die Angst machen. Meine Nachbarin links neben mir erzählt von einem dunklen Parkplatz. Und von zwei Männern, die auf sie zukamen. „Alles, was ich nicht will, ist nicht in Ordnung. Situationen, die einem unangenehm sind, muss man stoppen, damit es nicht weitergeht“, stärkt Steffi Turano uns den Rücken. „Ich muss überlegen, was ich will und das unmissverständlich sagen“.
Zur Waffe werden kann dabei auch das Unerwartete. Meine Nachbarin rechts neben mir erinnert sich an eine Situation im Auto. Als der Mann neben ihr aufdringlich wurde. „Tun Sie das Unerwartete. Räumen Sie das Handschuhfach aus. Schmeißen Sie die Sachen aus dem Fenster“, empfiehlt Steffi Turano. Aus der Opferrolle kommen ist wichtig. Und dann greift sie tief in die Wen Do-Trickkiste. Tritte, Schläge und die effektivsten Kniffe, um sich aus Notlagen zu befreien. Innerhalb von zwei Stunden gelingt es ihr, uns Frauen das Gefühl zu geben, nicht so hilflos zu sein, wie man sich manchmal fühlt. „Im Prinzip können Sie sich jetzt verteidigen, wenn Sie wollen“, sagt sie. Und diesmal glauben wir es ihr alle.







