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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Ein- bis zweimal im Jahr wird es ernst

Jeder Handgriff will geübt sein, denn im Vollschutzanzug fällt er schwer.

Holzminden (19.05.07). „Das ist wie Sauna”. Holger Gronstedt quält sich aus dem CSA, dem Chemikalienschutzanzug. Der junge, durchtrainierte Feuerwehrmann ist schweißgebadet. 20 Minuten lang ist er wie ein Riesenmarshmallow auf dem Übungs-container herumgeklettert. Die Sicht eingeschränkt, die Kommunikation ohne Funkgerät fast unmöglich und die Ausrüstung so schwer, dass sie eines Bodybuilders würdig wäre: Zwölf Kilogramm wiegt das Atemschutzgerät, zehn Kilogramm der Vollschutzanzug. „Nur die Fittesten gehören zum Gefahrgutzug der Freiwilligen Feuerwehr Holzminden”, sagt Zugführer Holger Kleinod. „Und auch die sind nach dem Einsatz richtig fertig”. Durchschnittlich ein bis zwei Einsätze im Jahr kommen auf die 32 Männer des Gefahrgutzuges der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Holzminden zu. Sie sind die Einzigen im Kreis, die für einen Gift-Unfall umfassend ausgerüstet und intensiv geschult sind. „Wenn es einen größeren Unfall gibt im Kreis, rückt Holzminden aus”, erklärt der stellvertretende Ortsbrandmeister Michael Nolte.
Geübt wird regelmäßig dafür: Jeden zweiten Donnerstag im Monat ist Übungstag für die Jungs vom Gefahrgutzug. „Damit sie Routine bei der Arbeit bekommen”, so Holger Kleinod. Die ist wichtig, wenn bei einem Gift-Unfall im Umkreis von mindestens 50 Metern nur im Chemikalienschutzanzug gearbeitet werden darf. „Der Anzug ist eine zusätzliche Belastung. Das Gewicht des Atemschutzgerätes, der gasdichte Anzug, da bildet sich ein eigenes Mikroklima”, weiß Michael Nolte, „und die Trupps, zwei bis drei sind gleichzeitig im Einsatz, müssen alles, was sie brauchen, selbst zur Einsatzstelle schleppen”. Höchstens 20 Minuten bleiben den astronautenmäßig verkleideten Feuerwehrleuten, um Lecks zu dichten oder Flüssigkeiten umzufüllen. Dann ist die Luft in der Pressluftflasche aufgebraucht, dann muss der Trupp aus der Gefahrenzone geholt werden. „Die Luft muss ja auch noch reichen, um den Mann sauber zu machen”. Die Dekontamination auch der eigenen Leute ist eine weitere Aufgabe, die der Gefahrgutzug leisten muss.
Das Herzstück des Trupps ist der Abrollbehälter Umweltschutz. Der rote Kasten hat es in sich: 1.000 Teile finden hier ihren Platz. Von der eigenen Stromversorgung über Auffangwannen für die verschiedensten Chemikalien bis hin zu Pumpen findet sich so ziemlich alles in den Fächern, was im Notfall gebraucht wird. Messgeräte zur Identifizierung von Stoffgruppen, Prüfröhrchen für die am häufigsten auftretenden Stoffe, alles ist vorhanden, mit allem müssen die Feuerwehrleute aber auch umgehen können. Im ELW, dem Einsatzleitwagen, laufen die Fäden zusammen, von dort kommen die Informationen, was sich hinter den Kennziffern auf den Gefahrgutzetteln und Schildern verbergen könnte. „Manchmal ist es problematisch, herauszufinden, was sich in den Behältern befindet”, bestätigt Ortsbrandmeister Manfred Stahlmann, erinnert an den Eisenbahnunfall in Bad Münder. „Dort waren auch unsere Vollschutzanzüge im Einsatz”. Über 16 CSA verfügt die Wehr der Stadt. Weitere warten in der Feuerwehrtechnischen Zentrale des Landkreises auf einen Einsatz. „Wenn das nicht reicht, dann leihen wir uns Vollschutzanzüge von den Wehren aus der Nachbarschaft”.
Die sind in Sachen Gefahrgut eng zusammengerückt. Es gibt einen Arbeitskreis, der von Göttingen über Osterode bis nach Northeim und Einbeck reicht. Auch die Tatort- und Ermittlungsgruppe der Polizei arbeitet eng mit der Wehr zusammen. Und die Gefahrgutgruppe des THW Osterode gehört ebenfalls mit zum großen Team. „Seit drei bis vier Jahren stimmen wir uns regelmäßig ab”, erklärt Holger Kleinod. Als die ersten Vogelgrippe-Fälle in Deutschland auftraten, wurde eine Fortbildung durchgeführt. Und jetzt ist in Göttingen eine Veranstaltung zum Thema Biogasanlagen geplant.
Zur Theorie gehört auch
die Praxis. Und da hilft der
Übungscontainer, den die Feuerwehr Holzminden besitzt. „Der ist begehrt in Niedersachsen”, erklärt Michael Nolte stolz. An ihm lassen sich verschiedene Schadenslagen üben. Leckabdichtung zum Beispiel, wie an diesem Donnerstag. „Das Ziel ist es nicht, die Leckage abzudichten, sondern sie zu reduzieren, um das Material abpumpen zu können”, betont Holger Kleinod. „Schaden minimieren” steht über allem und: „die Einsatzstelle nicht unnötig vergrößern.”
Zur Einsatzstelle rückt der Gefahrgutzug gemeinsam aus. „Im Gegensatz zur üblichen Alarmierung fahren die Einsatzkräfte nicht direkt zur Einsatzstelle heraus”, erklärt Michael Nolte, „Es wird das Gerätehaus angefahren”. Nur mit der kompletten Ausrüstung macht sich der Trupp - aus gutem Grund - auf den Weg.
Der Abrollbehälter „Gefahrgut” wird dann vom Wechselladerfahrzeug Huckepack genommen. „Das Wechsellader-System hat sich bewährt”, versichert Manfred Stahlmann. Zwei Fahrzeuge, eines in rot (von der Feuerwehr) und eines in weiß (vom Bauhof), können Container und Mulden aufnehmen. Der weiße Bauhof-Lkw ist deshalb auch mit Blaulicht ausgestattet, erhält bei Alarm sofort ein Signal im Fahrerhaus.
Der letzte Alarm für die Gefahrgut-Truppe aus Holzminden ist noch gar nicht so lange her. Bei einer Spedition in der Bülte in Holzminden war es beim Umladen zu einem Unfall gekommen (der TAH berichtete). Die Männer vom Gefahrgutzug waren schnell vor Ort, arbeiten zielgerichtet, konnten schnell Entwarnung geben. Sie kannten sich hervorragend aus auf dem Gelände: „Erst drei Wochen vorher hatten wir dort geübt”, schmunzelt Manfred Stahlmann (bs).

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