Holzminden (10.04.2010). Elsa Stewen schreibt ihrer Enkelin in England, trifft einen englischen Kriegsveteranen und knüpft den Kontakt zum TAH. Lange hat Elsa Stewen geschwiegen, über den Zweiten Weltkrieg und ihre Kriegskind-Erlebnisse in Holzminden. Irgendwann in den 60er Jahren hat sie sie aufgeschrieben, aber nie veröffentlicht. Dann kam der Telefonanruf von ihrer Enkelin Carlotta. „Oma, kannst Du mir bitte Dein Diary aus dem Krieg schicken?“ fragte die Achtjährige, die mit ihren Eltern in London lebt und die Erinnerungen ihrer Oma für den Geschichtsunterricht brauchte. Elsa Stewen, die heute in Remagen lebt, kramte in ihren Erinnerungen, schickte den Bericht nach London – und suchte den Kontakt zum TAH. Jetzt, 65 Jahre nach dem Bombenangriff auf Holzminden, ist sie bereit, ihre Erlebnisse mit anderen zu teilen.
Die Kindheit im Krieg, der Bombennachmittag – Elsa Stewen hat nie vergessen können, was damals passierte. Sieben Jahre alt war Elsa, geborene Feldhege, als sie mit Mutter und Geschwistern unter Trümmern in der Bahnhofstraße 4 in Holzminden begraben wurde. Die 72-Jährige, die als Redakteurin bei der Recklinghäuser Zeitung gearbeitet hat, berichtet von Albträumen und Platzangst, dem Unbehagen bei Massenveranstaltungen und dem Blick nach Fluchtwegen. Von Ohmachtsanfällen ihrer Mutter immer dann, wenn ein schweres Gewitter aufzog oder Schicksalsschläge die Familie erschütterten. Und sie berichtet von den Migräneanfällen ihrer Schwester, die die Erlebnisse von damals weitgehend verdrängt hat. Doch auch versöhnliche Erlebnisse gehören zum Erfahrungsschatz der 72-Jährigen: Bei einem Besuch des Museums Of The Royal Hospital in London-Chelsea im Sommer 2007 traf sie zufällig George Ingram, einen über 80-jährigen Kriegs-Veteranen, der sehr gut deutsch sprach und ihr berichtete, dass er 1946 in einer kleinen deutschen Stadt stationiert war – in Holzminden. Ingram erinnerte sich an die zerstörte Stadt, an hungrige Mütter mit ihren Kindern und erzählte ihr: „Da waren zwei kleine Mädchen vor der Kaserne. Ich schenkte ihnen Schokolade. Sie aßen sie nicht sofort. Sie nahmen sie mit nach Hause. Zu ihrer Mutter“.
„Diese beiden Mädchen, das könnten meine Schwester Hannelore und ich gewesen sein“, berichtet Elsa Stewen verblüfft. „Meine ersten englischen Worte, die ich lernte, hießen, „have you chocolate, please?“ Oft seien sie zur Kaserne gegangen, hätten die Süßigkeiten, die ihnen ein netter Soldat gegeben habe, aber immer mit nach Hause genommen.
„Jetzt bin ich im Himmel“
Elsa Stewen erinnert sich an den Luftangriff auf Holzminden vor 65 Jahren
Es ist der dritte Ostertag, der 3. April 1945. So strahlend wie heute hat die Sonne in diesem Jahr bisher noch nie vom Himmel gelacht. Ich darf endlich die neuen weißen von Oma-Bevern gestrickten Kniestrümpfe anziehen! Mutti stellt gerade die ersten Schneeglöckchen aus dem Garten auf das Klavier im Herrenzimmer, da heulen die Sirenen. Mittags! Das ist neu!
Heute Nacht waren wir doch erst im Keller. Seit vielen Tagen schlafe ich schon im Trainingsanzug und mit dicken Strümpfen in meinem Bett. Jede und jede Nacht ist Fliegeralarm. Jede und jede Nacht werde ich von Mutti aus dem Schlaf gerüttelt – und ab in den Keller.
Gepackte Koffer mit Kleidung für uns drei Geschwister – Hannelore, Reinhard und mich – sind schon ganz lange im Keller. Auch Spielsachen und Babynahrung für meinen kleinen Bruder stehen in einem Regal neben einem großen Strohbett mit Decken darauf. Mein Schultornister und die Brottasche liegen immer bereit im Flur. Ich packe sie und das Körbchen mit den selbstgebastelten Ostereiern und renne mit den Hasselbrink-Kindern, die auch schon die Treppe von oben herunterstürmen, um die Wette die Kellerstiege hinunter. Mutter hat die Babyflasche mit der frischen Milch für Reinhard oben vergessen. Sie will noch einmal mit meiner Schwester in die Wohnung – da brüllt, kracht und birst es über, unter und um uns. Meine Mutter und Hannelore stürzen von der Treppe. Plötzlich sind wir alle in dichten Nebel gehüllt. Dann ist es stockdunkel. Es riecht nach Gas. Irgendeiner presst mir feuchten Kohl aus Einmachgläsern ins Gesicht. Ich japse nach Luft, kann nichts mehr denken, habe aber auch keine Angst. Der fürchterliche Krach, das Quietschen und Grollen über uns ist mit einem Schlag zuende. Lähmende Stille. Pechschwarze Nacht. Noch immer dringt mir dicker Staub in Nase, Mund, Augen und Ohren. Ich spüre Mutters Hand. Sie tastet sich bis an meinen Kopf. Ihre Stimme beruhigt mich: „Hab keine Angst. Ich passe auf euch auf!“
Ein Licht flammt irgendwo auf. Jemand versucht, eine Kerze anzuzünden. Es ist nutzlos. Es gibt keine Luft. Alle husten, prusten und keuchen nach Atem. Das ist grauenvoll! Frau Hasselbrink findet den Kellerausgang. Nach wenigen Schritten, ich kann sie hören, gibt sie auf. „Wir sind vollkommen zu“, sagt sie röchelnd.
„Klemens, wo ist denn der Klemens?“ schreit plötzlich Ingrid in die Dunkelheit. „Der ist nicht hier“, sagt ihre Mutter, „beruhige Dich!“ Ich weiß: der Student Klemens, der ein Zimmer unter dem Dach bewohnt, ist oben geblieben. Immer, wenn Fliegeralarm war, lachte er über uns „Kellergänger“ und sagte: „Ich gehe nicht mit. Die Bomben tun uns hier nichts, die werden alle über Hannover abgeladen.“ Jetzt wird mir unendlich schlecht. Ich kriege keine Luft mehr. Ich lege mich auf das Strohlager, fühle Muttis Hand und höre ihre Stimme: „Jetzt ist Elsa auch tot.“
Ein winziges Licht fällt direkt in meine Augen. „Jetzt bin ich im Himmel“, glaube ich, aber dann erkenne ich im Nebel Frau Hasselbrink. Sie spricht mit einem Unsichtbaren. Ihr Mund ist an ein kleines Rohr, das durch die Wand gebohrt ist, gepresst. „Haltet durch. Wir schaffen es. Das Loch haben wir gleich größer. Reicht uns zuerst die Kinder“, schreit eine Männerstimme von draußen, wie von ganz, ganz weit her. Ich lebe noch! Frau Hasselbrink hat mich auf eine Kartoffelkiste gelegt. Darum bekam ich so schnell wie möglich frische Luft. Neben mir regen sich auch meine Schwester, meine Mutter mit unserem Baby. Auch Heinz und Ingrid. Alle leben!
Heinz wird als erster durch das Loch gezwängt. Er ist das älteste Kind. Dann bin ich dran. Ich traue mich nicht, meine Augen zu öffnen, so sehr blendet mich das grelle Tageslicht. Was ich dann sehe, das ist erst recht die Hölle. Ringsherum Trümmer und zermalmte Mauerreste. Die Häuser gegenüber eingestürzt. Der Schuppen der Kohlenhandlung brennt lichterloh. Dazwischen Soldaten, Luftschutzhelfer und kreischende, verwundete und weinende Menschen. „Wir stehen auf dem Dach von unserem Haus“, sagt Heinz. Er grinst verwirrt, und sein völlig verschmutztes Gesicht ist eine Fratze.
Und wieder braust und dröhnt es über uns. Ein Soldat reißt mich auf den Schutt. Wie aus tausend Gewehren knallt es auf uns herab. Die Tiefflieger wollen das beenden, was die Jagdbomber begannen.
„Mein Kind, mein Kind, gebt mir sofort mein Kind zurück!“ schreit meine Mutter, die noch im verschütteten Keller steckt, sie ist wie von Sinnen. Dann ist alles vorüber. Niemand ist getroffen worden. Ich stolpere auf das Kellerloch zu. Ich stürze über einen Balken, falle mit der Stirn auf etwas Hölzernes, Glattes.
„Guck mal, das ist ja Klemens seine Krücke!“ Heinz ruft es gellend. Klemens durfte wegen seiner schweren Beinverletzung nach Hause und konnte weiter studieren. Er brauchte nicht mehr an die Front… Er ist tot!
Nachbarn geben meiner Mutter eine Kinderkarre auf drei Rädern. Da kauern meine kleinen Geschwister mit aufgerissenen Augen. Mutti sagt: „Komm!“ Wir wanken durch das Chaos und finden eine Bleibe bei Muttis Freundin in deren Haus am Rande der Stadt. Für meine Mutter ist alles unerträglich. Sie bricht zusammen.
Fliegerangriffe auf Holzminden
Aus der Chronik „Die Weser-Solling-Stadt Holzminden“
Mit Angst und Schrecken hatten zahlreiche Bewohner Holzmindens am 22. Oktober 1943 bei klarer Sicht zu nächtlicher Stunde am Himmel den blutroten Schein der von feindlichen Bombern schwer getroffenen und brennenden Stadt Kassel gesehen und sich noch immer der Hoffnung hingegeben, an Holzminden werde dieses Schicksal vorübergehen. Dieser Wunsch hatte sich auch jahrelang erfüllt. Da erfolgten am Nachmittag des 3. Aprils 1945 mehrere anglo-amerikanische Flugangriffe auf das Stadtgebiet (16 bis 18 Uhr).
Ein bedeckter Himmel verhütete zwar das Schlimmste. Ein Großteil der abgeworfenen Bomben, die ausgereicht hätten, die Stadt auszulöschen, fiel bei einem einsetzenden Gewitter in unbebautes Gelände, vor allem in der Nähe des Stadtparks. Die gezielt abgeworfenen Bomben aber richteten vor allem im Stadtzentrum und im Gebiet der Fürstenberger Straße erheblichen Schaden an. Rund 200 Menschen wurden ein Opfer des Bombardements, davon 40 in einem einzigen Luftschutzkeller. 34 Häuser mit 114 Wohnungen erlitten bei den acht Angriffswellen Totalschaden. 45 weitere wurden stark beschädigt. 400 Gebäude wurden leichter getroffen. Auch Rathaus und Landratsamt wurden erheblich beschädigt. Das „Logengebäude“ in der Bahnhofstraße (Hindenburgstraße), in dem die Kreisleitung residierte, brannte bis auf die Umfassungsmauern nieder. Das Bahnhofsgelände war ein Trümmerfeld. Züge brannten aus. Bahnbetriebswerk und Empfangsgebäude wurden getroffen.
Die Bergungs- und Löscharbeiten vollzogen sich unter erschwerten Bedingungen. Die Mannschaften mussten ständig mit neuen Angriffswellen rechnen. Trotzdem gelang es den einsatzbereiten Kräften, noch Menschenleben unter den Verschütteten zu retten und die Brände auf den Herd zu beschränken.
Das Gaupresseamt der NSDAP schloss seinen Bericht über den Angriff in der Heimatzeitung „Weserbergland“ vom 4. April 1945 mit folgendem Appell: „Die Gefallenen dieses Angriffs legen uns die heilige Verpflichtung auf, in einem unzerstörbaren Glauben und in vorbildlicher Pflichterfüllung zusammenzustehen und uns über die Trümmer unserer Wohnstätten hinaus zum kompromisslosen Kampf gegen jene zu bekennen, die über unsere kleine Stadt ein so schweres Unglück herbeiführten“.

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