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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Ein ganz besonderes Hobby: Das Mittelalter

Die Mittelaltergruppe „Castrum Everstein” in ihren originalgetreuen Kostümen.

(15.12.07). Die Ritter scheinen an diesem Tag besonders kampfeslustig: Mit lautstarkem Gebrüll gehen sie auf den Gegner los, schlagen mit Schwertern aufeinander ein und bewegen sich erstaunlich leichtfüßig in ihren schweren Kettenhemden. Diese martialische Kampfszene ist ein Spiel, genauer ein Schauspiel. Sie soll dem Zuschauer ein Bild davon geben, wie im Mittelalter gegen Angreifer gekämpft und das Land von gut gerüsteten Rittern verteidigt wurde. Unter den robusten Helmen, die das Gesicht kaum erkennen lassen, stecken Kolja Behrens und Christian Zehmke. Ihr Hobby ist das Mittelalter und es genügt ihnen nicht, sich in der Theorie mit der Zeit des 12. bis 14. Jahrhunderts zu beschäftigen: Sie wollen diese Epoche erleben. Deshalb schlüpfen sie in ihrer Freizeit in Kettenhemd und eiserne Handschuhe, um diese historischen Figuren lebendig zu machen und der Faszination Mittelalter nachzuspüren. Behrens und Zehmke sind nicht allein mit ihrer Begeisterung für Ritter und Edelherren, viele teilen ihre Leidenschaft: Deshalb gründete sich im März diesen Jahres auf der Stammburg der Eversteiner in Polle die Mittelaltergruppe „Castrum Everstein”, die 14 Mitglieder umfasst. Geschichte erleb- und greifbar machen, veranschaulichen unter welchen Umständen die Menschen im Mittelalter lebten und verdeutlichen, was die Faszination dieser besonderen Epoche ausmacht – das sind die erklärten Ziele der Gruppe „Castrum Everstein”.
„Wir möchten als Darsteller dieser Epoche einem interessierten Publikum das Thema Mittelalter nahebringen”, erklärt Andreas Busche, der zusammen mit Kolja Behrens maßgeblich zur Entstehung der Gruppe beitrug. Beide waren ohne es von einander von wissen, gleichermaßen vom „Virus Mittelalter” infiziert. Bei einer Aufführung der Laienspielgruppe Polle, die ein Stück mit historischem Hintergrund spielte, kamen sie ins Gespräch und merkten dem Gegenüber die Begeisterung für Geschichte und mittelalterliche Figuren schnell an – die Idee zur Gründung einer Mittelaltergruppe war geboren.
„Unser Einfall sprach sich schnell herum”, erinnern sich Busche und Behrens. Bald wurde klar, dass es Viele im Landkreis Holzminden und darüber hinaus gibt, die sich für mittel-alterliches Leben interessieren. Die Gruppe „Castrum Everstein” wuchs auf 14 aktive Mittelalterfans, im Mittelpunkt ihres Interesses steht das Herrschergeschlecht derer von Everstein. „Die meisten Mitglieder kommen aus Polle und Umgebung”, erklärt Andreas Busche, der als Sprecher der Gruppe fungiert. „Unsere Weitesten leben in Hannover und Magdeburg, sie nehmen lange Wege auf sich, um bei unseren Aktivi-täten dabei zu sein”.
Und so ist heute nur der „harte Kern” auf die Stammburg der Eversteiner, die Burgruine Polle gekommen, um über die Ziele und Pläne der Gruppe zu berichten. Dieser „harte Kern” gibt sich stilecht: In mittelalterlichen Gewändern treten sie auf und stellen die Figuren vor, die sie verkörpern. Aus Andreas Busche wird der Graf Otto VIII. von Everstein, Marschall von Westfalen, der Kopf des Herrschergeschlechts Ende des 13. Jahrhunderts. Er stellt die Mitglieder der Reihe nach vor: „An meiner Seite, meine Holde”. Carola Busche verkörpert die Gräfin Lutgard von Schladen, die spätere Ehefrau des Herrschers Otto. Sie trägt ein samtenes Kleid und im Haar einen schwarzen Jungfernkranz.
Zum Schutze der Eversteiner stehen Ritter Lambert von Brach, dargestellt von Kolja Behrens, und Ritter Dietrich Keerto alias Christian Zehmke bereit. Sie verteidigen den Grafen, kämpfen für dessen Leben und das seiner „Edlen”. Oliver Kiene tritt als Handwerker in Erscheinung. Als Mann der Tat, der mit am Gürtel befestigten Werkzeugen und einfacher Kleidung, den normalen Bürger des Mittelalters darstellt. „Es ist uns wichtig, nicht nur Edelherren und Adlige zu zeigen, sondern auch die Arbeiter, Bauern und Handwerker”, erklärt Oliver Kiene seine Wahl Handwerker statt Ritter zu werden. „Auch diese Berufe und das einfache Volk gab es, warum sollte man das verschweigen?” Ein Großteil der Menschen lebten damals in armen Verhältnissen, ohne Annehmlichkeiten. Für die Gruppe „Castrum Everstein”, die sich der lebendigen Geschichte verschrieben hat, ist es daher von großer Bedeutung auch diese Seite des Mittelalters zu zeigen. Busche: „Wir möchten einen Querschnitt durch alle Schichten machen, deshalb gehören Handwerker und Tagelöhner bei uns selbstverständlich in das Bild, das wir darstellen.” In eine exotische Schönheit aus dem fernen Orient verwandelt sich Sonja Lüders. „Surana, die Bauchtänzerin” nennt sie sich und sorgt mit ihren Tänzen und Feuerspielen für sehenswerte Unterhaltung - nicht nur am mittelalterlichen Hof.
„Die Existenz von Bäuchtänzerinnen aus fernen Ländern und allen anderen Figuren, die wir darstellen, ist historisch belegt”, weiß Sonja Lüders und klimpert mit den bunten Ketten, die sie um den Hals trägt. Alle Gewänder sind von den Mitgliedern selbst gefertigt, sie haben Hemden und Kleider genäht, Schmuck und Accessoires gebastelt. Die Anregungen und Vorlagen dafür stammen meist aus alten Büchern und von Bildern, die das Leben im Mittelalter zeigen. Liebevoll sind die Gewänder mit Stickereien verziert, mit kleinen Details die die „Kostüme” echt wirken lassen. Dazu haben sich die Rittersleute Wappenschilde und Topf- oder Nasalhelme gebaut, sich ihr Essgeschirr, Messer und Löffel aus Holz geschnitzt. Einige Mitglieder sorgten für Trinkhörner, die alle am Gürtel tragen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Gesamtbildes. Jedermann trug es damals bei sich, um daraus zu trinken und Feuersteine zu transportieren. „Unser Hobby ist zeitaufwendig und wird von uns komplett aus eigener Tasche bezahlt”, erklärt Andreas Busche, „aber es macht uns Spaß und wir möchten so authentisch wie möglich sein”.
Und das sind sie: Treten die Mitglieder des „Castrum Everstein” in Rüstung und Gewand in der Öffentlichkeit auf, ist das Interesse stets groß, denn das Bild das sie darstellen ist ein Eindrucksvolles: Da bestaunen die Menschen die Kleider, Schwerter und Schmuckstücke und zücken begeistert ihre Fotokameras. So war es beim Fest zum 175-jährigen Bestehen des Landkreises, das im September im Schloß Bevern gefeiert wurde. Die Gruppe erregte Aufsehen und lockte die Besucher an ihren Stand. Dort boten die Mitglieder Kindern die Möglichkeit, mittelalterliche, selbst erdachte Spiele auszuprobieren und stellten sich so einer interessierten Öffentlichkeit vor. „Die Resonanz war mehr als positiv, die Besucher kamen auf uns zu und wollten wissen, wen wir darstellen”, erinnert sich der Graf Otto VIII. alias Andreas Busche. Sonja Lüders hat die Spiele ersonnen, um Kindern das Mittelalter spielerisch nahe zu bringen. Mit Erfolg: Mit großer Konzentration und der richtigen Schusstechnik versenkt der achtjährige Eric Behrens kleine Filzbälle in dem Turm aus Pappmaché und sammelt Punkte im Spiel „Stürmet die Burg”. „Das Hufeisenwerfen ist auch bei großen Kindern beliebt”, lacht Sonja Lüders. Was die Mitglieder der Gruppe eint ist die Liebe zum Mittelalter, eingehend haben sie sich mit der Zeit des 12. bis 14. Jahrhunderts beschäftigt, haben Bücher gelesen, im Internet recherchiert. Sie begeistern sich für das Wissen, über das die Menschen damals bereits verfügten, über ihren Erkenntnisstand auf dem Gebiet der Medizin und Biologie, und die Wirkung und Heilkraft von Kräutern. „Das Mittelalter hat viel zu unserer heutigen Kultur beigetragen”, wissen die Mitglieder. „Es fasziniert uns, dass damals Gegenstände erfunden und Riten entwickelt wurden, die bis heute genutzt werden und Bestand haben”. Die Gruppe „Castrum Everstein” möchte sich „umfang-reich aufstellen”, plant ein möglichst breites Spektrum des mittelalterlichen Lebens darzubieten. Dazu gehört auch Musik und die Präsentation alter Handwerke. So zeigt die Gruppe bei ihren Auftritten neben der Arbeit in Schmiede und Seilerei, auch Gaukelei und Feuerspiele. Neue Mitglieder sind jederzeit willkommen: „Wir freuen uns, wenn mehr Interessierte unsere Leidenschaft teilen und „Castrum Everstein” weitere Darsteller gewinnt.” (peu)

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