Holzminden (18.08.07. Es ist eines der Wahrzeichen Holzmindens - trotzdem wissen viele nicht, was es mit dem für kleinstädtische Verhältnisse riesigen rotbraunen Gebäude in der Wallstraße, direkt am Weserufer, auf sich hat. Dabei steht der Koloss keineswegs leer und ungenutzt: Schon seit Jahrzehnten dient er der Lagerhaus und Speditionsgesellschaft RLR Logistik als Getreidespeicher. Im Inneren des imposanten Bauwerks verbergen sich auf 14 Stockwerken unzählige Rohrleitungen, 45 Silozellen zur Lagerung der Körner, modernste Geräte zu deren Reinigung und Trocknung sowie ein kleines Labor. Erbaut wurde das Silo als Keimzelle des Familienunternehmens vom Namensgeber Rudolph Leopold Rieke zwischen 1939 und 1941. Mit Zuschüssen und einer staatlichen Garantie für das „Tausendjährige Reich“ hatte das nationalsozialistische Regime den Kaufmann gelockt, um an einem Ort seiner Wahl ein „Reichsnährstandsilo“ zu errichten. In Anbetracht des Krieges entschied man damals, dem Gebäude zum Schutz vor Angriffen den Anschein eines Wohnhauses zu geben, daher wurden eigentlich völlig unzweckmäßige Fenster oder Giebel an den Seiten des Silos eingelassen, wurde das Dach mit Sollingdachplatten gedeckt.
Das bringt heute allerdings einige Probleme mit sich: „Die Dachplatten auf einer Holzkonstruktion sind absolut anachronistisch, zudem rosten die Nägel, so dass sich die Steine häufig lösen. Wir müssen regelmäßig viel Geld in die Dachsanierung stecken“, erklärt der Geschäftsführer Dr. Rolf-Jürgen Foellmer, Enkel des Firmengründers. Eine Folge des Krieges ist auch der rostbraune Tarnanstrich des über 50 Meter hohen Gebäudes.
Aus den „1000 Jahren Garantie“ der Nationalsozialisten auf die Auslastung des Getreidesilos wurde zwar bekanntlich nichts, doch im Speicher, bis heute die größte Halle des Unternehmens RLR Logistik, wurde weiterhin das Getreide der Landwirte, des Landhandels und der Genossenschaften aus einem Umkreis von rund 30 Kilometern eingelagert.
Seit damals hat sich jedoch Einiges verändert: „In den Vierzigern kamen die Bauern noch mit kleinen Lieferwägelchen, heute wird das Getreide von Kipp-LKWs mit einer Kapazität von mindestens 25 Tonnen gebracht“, erinnert sich Dr. Rolf-Jürgen Foellmer. Mittlerweile können im Getreidesilo pro Stunde rund 300 Tonnen Hafer, Weizen, Gerste oder andere Sorten angenommen und auf die 45 Silozellen verteilt werden. Der gesamte Speicher, der heute unter Denkmalschutz steht, wurde modernisiert und technisch überholt. Die sogenannten Siloböden, auf denen früher die Ware in Säcken gelagert wurde, ist ebenfalls zu Zellen umgebaut worden. „Das Getreidesilo sieht aus, als wäre da nur tote Hose, dabei ist es ein hochmodernes Monster“, weiß der Geschäftsführer. Für den Betrieb sind in der Regel nur noch ein Silo-Meister und zwei Assistenten nötig. Bringt ein Lastwagen frisches Getreide, wird die Lieferung zunächst über Schüttgossen ins Innere des Speichers geleitet, wo es, falls nötig, maschinell gereinigt, gesiebt und getrocknet wird. Anschließend wird eine Probe für das Labor entnommen, um die „inneren und äußeren Werte“ des Getreides zu überprüfen. „Wir entscheiden danach, wohin damit, also in welche Zelle. Wichtig ist neben Getreidesorte und Qualität vor allem der Feuchtigkeitsgrad“, erklärt Dr. Rolf-Jürgen Foellmer. Nach dem elektronischen Wiegen wird die Ware dann über ein kompliziertes Rohrsystem in die 35 Meter tiefen Schächte der Silozellen geleitet, um dort bei für Getreide angenehmen 14 bis 16 Grad Celsius auf die Abholung durch einen anderen LKW oder ein Schiff zu warten. Manchmal bleiben Weizen, Gerste und Co. dabei sogar bis zu sieben Jahre im Silo. Aufgrund des starken Exports verlassen sie den Lagerplatz zurzeit allerdings meist bereits nach ein bis zwei Jahren.
Entgegen dem ersten Eindruck entpuppt sich das Wahrzeichen Holzmindens also längst nicht als ein großer, leer stehender Kasten, sondern beherbergt hinter der rotbraunen Tarnfassade modernste Technik. Und zumindest das Gebäude wird vermutlich noch lange so bleiben, ist Dr. Rolf-Jürgen Foellmer überzeugt: „Das Silo hält locker noch weit mehr als hundert Jahre!“ (Katharina Emde).







