Israel (08.04.06). Von Tel Aviv, über Nazareth, Jericho nach Jerusalem sind es 280 Kilometer, dazwischen liegen aber 1.000 Welten. Eine Rundreise durch Israel mit Eindrücken, die nachdenklich stimmen. Andreas Pasewark, Pastor der Gemeinden Kirchbrak, Rühle, Dölme und Hunzen, war mit einer Reisegruppe zu Besuch im Heiligen Land. Er schildert im TAH seine Eindrücke:
Wir suchen uns ein kleines Café in der arabischen Altstadt Jerusalems, nahe der Via Dolorosa. Es ist Mittagszeit. In der Luft hängt der Geruch von Falafel, Humus, Kebab, gerösteten Kaffeebohnen und Anisgebäck. Eine kleine Pause einzulegen kann nicht schaden nach all den vielen Eindrücken im Garten Gethsemane, dem Ort, wo Jesus im Kreise seiner schlafenden Jünger und in Todesangst betend die letzte Nacht vor der Gefangennahme verbrachte, in der St.-Anna-Kirche mit dem Teich Bethesda, der Grabes- und Erlöserkirche. Mir gegenüber sitzt Judith, unsere Reiseleiterin. Eine freundliche Israelin. In ihrem früheren Leben war sie Röntgenassistentin im Jerusalemer Krankenhaus. Mit dem Rentenalter begann ihr Unruhestand. Sie ging auf die Universität, studierte und wurde staatlich geprüfte Reiseleiterin. Eine bemerkenswerte Frau. Man spürt förmlich, wie sehr sie ihr Land und die Menschen liebt, egal ob Jude, Christ oder Moslem, Israeli oder Palästinenser. Auf Nachfragen erzählt sie aus ihrem Leben, wie sie und ihre Schwester 1947 von Ungarn nach Israel auswanderten. „Ich habe im Zweiten Weltkrieg meine ganze Familie durch den Holocaust verloren“, sagt sie leise, „selbst heute fällt es mir manchmal noch schwer, Deutsch zu sprechen“.
Als Touristen sind wir, Sabine Bächler, Heike Kitter, Axel Semper und ich, nach Israel gekommen, wollten Land und Leute kennen lernen, auf den Spuren Abrahams, Jesu und Mohammeds wandeln, uns bezaubern lassen von der Schönheit Palästinas, eintauchen in die Geschichte Israels, eines Landes, das kleiner ist als Hessen, wo aber biblische Vergangenheit und Gegenwart die Weltpolitik in Atem halten. Dabei muss man nicht mal religiös sein, um die Besonderheit dieses Heiligen Landes zu spüren, wo jeder Quadratmeter beladen ist mit Geschichte wie mit Blut. Aber man muss jederzeit darauf gefasst sein, ganz unvermittelt aus der Rolle des unbeteiligten Touristen herausgerissen zu werden, durch Gespräche, eine Wahrnehmung oder Begegnungen, die einen freudig oder schmerzhaft berühren.
Ein paar Tage später, in der Nähe von Bethlehem, kehrt die Gänsehaut auf meinen Armen zurück. Wir sind zu Besuch bei Faten Murkarker, einer christlichen Palästinenserin, die mit ihrem Buch „!Zeit Zeugen“ viel Aufsehen erregt hat. Sie empfängt uns in ihrem Wohnzimmer. Ihr Mann reicht Tee und Gebäck. Eigentlich wollten wir über ihr Buch sprechen, doch plötzlich ersticken ihre Tränen unser Gespräch. Heute morgen, so erzählt sie, seien israelische Soldaten auf ihrer Plantage aufgetaucht und hätten ihr mitgeteilt, dass sie enteignet sei. Mitten durch ihre Ländereien wird nun die acht Meter hohe Grenzmauer gezogen, die fortan Ost- und Westjerusalem, israelisches und palästinensisches Gebiet voneinander trennt. Jahre hätte es gedauert, bis aus dem Stück Wüste fruchtbares Land geworden war. Und nun sei alles verloren. Nicht mal eine Entschädigung gäbe es. Wie es nun weitergehen sollte, wüsste sie nicht. Diese Mauer ist ein Unglück für ganz Israel, denke ich. Sie frisst sich in die Seelen der Menschen und macht sie krank. Wir Deutschen können ein Lied davon singen. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst in der Evangelischen Reformationsgemeinde in Beit Jala zeigt uns Pfarrer Shihadeh ein Modell, das einige seiner Waisenkinder gebastelt haben. Maria und Joseph sitzen mit dem Jesuskind vor ihrem Stall in Bethlehem, eingesperrt hinter einer grauen, bedrohlichen Mauer. An einem Mauerdurchlass stehen Spielzeugpanzer und Soldaten. Sie verwehren den drei Heiligen Königen den Zutritt.
Sieben Tage hat uns dieses Land in Atem gehalten. Auf dem See Gennesaret nahm uns ein plötzlich auftretendes Unwetter hinein in die biblische Szene von der Stillung des Sturmes. Als wir endlich am anderen Ufer ankamen, Blitze zuckten und brauner Regen vom Himmel fiel, um nach gut einer halben Stunde genauso unerwartet wieder zu verschwinden, da erinnerte ich mich dieser Worte „Was bist du so ängstlich? Hast du noch immer keinen Glauben?“.Und es hallte nach, als ein freundlicher, aber schwer bewaffneter junger Soldat ein paar Tage später meinen Ausweis kontrollieren wollte. Nazareth, Jericho, Totes Meer, Qumran, die Festung Massada, Bethlehem und nicht zuletzt Jerusalem, eine Reise, auf der Vergangenheit und Gegenwart, Politik und Religion wie ein Gordischer Knoten daherkommen, mit dem bekanntlich ja schon Alexander der Große so seine Mühe hatte. Ja, berührt hat uns dieses Land, aber nicht vereinnahmt, weder für die palästinensische noch für die israelische Seite. Denn nur so kann man dieses Land lieben, in dem man die Widersprüche als Urausdruck menschlichen Strebens nach Sinn und Wahrheit versteht.
Vom 7. bis 14. November werden wir mit einer Gemeindefahrt zurückkehren in dieses verheißungsvolle Land, damit auch andere die Möglichkeit bekommen, etwas von dem Geheimnis zu erleben, das jene heiligen Orte umgibt, von denen seit Jahrhunderten berichtet wird.