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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Ein Rauch-Verbot löst die Probleme nicht

Das Rauchen vor dem Haupteingang der Berufsbildenden Schulen in Holzminden wird verboten.

Kreis Holzminden (29.01.05). Bernd Busemann hat die Keule geschwungen: „In niedersächsischen Schulen ist das Rauchen künftig ausnahmslos untersagt”. So steht es in seinem Erlass, der zum 1. April gültig werden soll. Nicht nur Schüler sollen vom Glimmstängel lassen, auch Lehrer, Schulmitarbeiter und selbst Eltern dürfen auf dem Schulgelände nicht rauchen. Wie das durchgesetzt werden soll? In den Schulen herrscht Ratlosigkeit. Eigentlich will niemand der lange Arm von Busemann sein. „Als Beamte werden wir dienend den Erlass durchsetzen - aber mit Bauchschmerzen”, signalisiert Udo Bornschier, Personalratsvorsitzender an den Berufsbildenden Schulen Holzminden.

Ob im Campe-Gymnasium Holzminden, im Schulzentrum Liebigstraße oder eben an der Georg-von-Langen-Schule auf dem Holzmindener Kiesberg, überall sieht man dem Erlass mit gemischten Gefühlen entgegen. Unstreitig ist, dass Rauchen schädlich ist, dass schon Zwölf- und 13-Jährige abhängig sind, das durchschnittliche Einstiegsalter inzwischen bei elf Jahren liegt und dass Lehrer Vorbildcharakter haben. „Ein Rauchverbot löst die Probleme nicht”, weiß Karl-Heinz Szymanski, Leiter der Hauptschule am Schulzentrum Holzminden, „es verlagert es nur” - auf die Straße. „Und was bieten wir gerade Jugendlichen, die süchtig sind?”
Auf die Straße gehen müssen zukünftig wohl auch die Raucher unter den rund 2.200 Schülern der Berufsbildenden Schulen Holzminden. Friedhelm Korsen, Schulleiter der Georg-von-Langen-Schule, graust es davor. Wenn das Rauchen auf dem Schulgelände verboten ist, wird es wohl nach dem Pausenklingeln regelmäßig zu einer Völkerwanderung kommen. Gequalmt wird dann nicht mehr auf der Schultreppe, sondern vor den gegenüber liegenden Garagen (und was ist mit dem Müll?). Verbieten kann das Korsen seinen Schülern nicht. Höchstens fünf Prozent der BBS-Absolventen sind unter 16, viele bereits volljährig. Und: Anders als in der Sekundarstufe I dürfen die Schüler der Sekundarstufe II in den Pausen das Schulgelände verlassen.
Weil aber auch das Lehrerteam um Schulleiter Korsen weiß, wie wichtig Gesundheitserziehung ist, haben die Berufsbildenden Schulen in Holzminden schon einige Schritte auf dem Weg zur „Rauchfreien Schule” hinter sich gebracht. Doch durch den Verbotserlass wird jetzt Zwang, was bislang Kür war. Was bleibt, ist die Frage: „Wie kriegt man das Suchtproblem in den Griff, wenn es grenzüberschreitend in der Gesellschaft nicht glückt”.
„Mit Pädagogik hat das nichts zu tun, das ist Ordnungsvollzug”, stellt dann auch Udo Bornschier klar, was die Lehrer erwartet, die massiv Einfluss nehmen müssen, um den Schülern ab 16, denen per Gesetz (eigentlich) das Rauchen erlaubt ist, die Zigarette auf dem Schulhof zu verbieten. Und sie selbst müssen sich dem Drang zur Kippe auch verschließen. „Tabak ist ein Suchtmittel”, sagt Bornschier. Und „die Raucher trifft dieses Verbot nach dem Grad der Abhängigkeit. Die Frage ist, wie jemand, der abhängig ist, von 8 Uhr bis nach 17 Uhr ohne Kippe auskommen soll. Wenn es so einfach wäre, sich das Rauchen abzugewöhnen, hätten wir keine Raucher mehr”, wirft er ein.
Diese Abhängigkeit hat auch die angehenden Abiturienten des Campe-Gymnasiums auf die Barrikaden gebracht. „Der 13. Jahrgang hat schon gesagt, die Raucher könnten im Abitur nicht die volle Leistung bringen, weil sie während der Prüfung das Schulgelände nicht verlassen dürfen”, erzählt Schulleiter Herbert Keese. Er befürwortet das Verbot, ist sich aber mit Friedrich Eckebrecht, Schulleiter der Realschule am Schulzentrum Liebigstraße einig: „Das Problem wird nur verlagert”. Die Umsetzung des Erlasses bereitet Keese Probleme. „Schon der Bürgersteig ist städtischer Grund und Boden”. Und: „Wer von den Schülern rauchen will, findet einen Weg, verschwindet in den Teichanlagen”.
Früh ansetzen, das ist Keese wichtig, damit erst gar keine Raucherkarriere beginnen kann. „Die Kleinen werden hier ganz genau beobachtet, da haben wir eine geringe Schmerzgrenze”.
Die Kleinen sind - im Schulzentrum Liebigstraße wird das deutlich - im Rauchen schon ganz groß. „In” ist das, und „cool”, so Fabian Sagebiel von der Schülervertretung der Hauptschule. Deshalb rauchen schon in der siebten Klasse der Hauptschule mehr als die Hälfte der Schüler. Und in den neunten und zehnten Klassen der Realschule hängen ebenfalls mehr als 50 Prozent der Jugendlichen an der Kippe.
Dabei bringt der Erlass für die Sekundarstufe I „nichts wesentlich Neues”, so Friedrich Eckebrecht. Das Rauchen ist hier seit jeher verboten. „Aber es war auch schon immer so, dass die Schüler diese Verbote übertreten haben”. Irgendeine Ecke - hinter der Schulturnhalle oder in den Schülertoiletten - hat sich immer gefunden. Und immer hat auch die Schule darauf reagiert: die Eltern informiert, im Wiederholungsfall Sozialstunden verordnet, Klassenkonferenzen einberufen - und wenn es besonders extrem wurde, „preußische Wochen” mit verschärften Kontrollen auf dem Schulgelände durchgeführt. Nach Busemann kommt jetzt die Drohgebärde des Schulverweises hinzu.
Doch was ist mit dem Elternhaus und der Vorbildfunktion dort? „Neu”, merkt Eckebrecht sarkastisch an, „ist es nicht, dass uns die Eltern nicht dabei unterstützt haben. Und neu ist es auch nicht, dass die Eltern mit negativem Beispiel voran gehen”. „Wenn der Erlass erscheint, werden wir darauf reagieren”, und wie von Busemann gefordert ein Präventionskonzept erarbeiten - obwohl auch das Schulzentrum Liebigstraße präventiv aktiv war.
Restriktiv wird die Schule zukünftig auch bei Schulveranstaltungen vorgehen müssen. Ob auf Klassenfahrten oder Schulveranstaltungen, das Rauchverbot lässt sich nicht wegdiskutieren, das Alkoholverbot kann nur im Ausnahmefall umgangen werden. „Ich weiß noch nicht, wie wir bei Abschlussfeiern mit mehr als 100 Schülern und mehr als 150 Eltern das Rauchverbot durchsetzen werden”, räumt Eckebrecht ein. Szymanski ergänzt: „Es gibt Eltern, die bei der zweistündigen Veranstaltung raus mussten, um ihr Nikotinbedürfnis zu befriedigen. Es wird schwer, Verständnis herzustellen. Das Glas Sekt zum Anstoßen auf den gelungenen Abschluss, die gemeinsame Zigarette sind Symbole in der Gesellschaft”.
Umso wichtiger ist es, dass die Lehrer ihrer Vorbildfunktion gerecht werden, wenn das Rauchen verboten wird in der Schule. „Was ich von den Schülern erwarte, muss ich auch für mich gelten lassen”, erklärt Hans-Joachim Burbenker von der Hauptschule, der selber raucht und sich in Zukunft einschränken wird. Ob das allen Rauchern im Kollegium gelingt? Rund ein Drittel der 40 Hauptschullehrer konsumiert die Nikotinstängel zurzeit noch im eigenen Lehrerzimmer. Im Bereich der Realschule dagegen sind unter den 40 Lehrkräften nur noch drei Raucher.
„Ich bin froh, dass der Erlass da ist, aber ich finde es nicht gut, dass das Rauchverbot per Verordnung durchgesetzt wird”, formuliert es Annegret Rohloff für wohl viele ihrer Kollegen. Und sie weiß auch, „dass so mancher Schüler mindestens so abhängig ist wie die Lehrer”.
Bei den Schülern, so Elisa Michaelis (Realschule), wird sich wohl nicht viel ändern. Wegen der Debatte um das Rauchverbot in der Schule sei jedenfalls noch kein Minderjähriger auf die Idee gekommen, mit dem Rauchen aufzuhören. Überzeugungsarbeit müsse geleistet werden, „aber ganz in den Griff kriegen werden wir das Problem wohl nicht”.
In der Sekundarstufe II nach Meinung von Magdalena König und Torsten Marienfeld von der Schülervertretung der Berufsbildenden Schulen schon gar nicht. „In der Sekundarstufe I sind Restriktionen sinnvoll, da können Schüler ihr Verhalten noch ändern. Aber an den Berufsbildenden Schulen ist das doch völlig sinnlos” - will sagen, die Sucht nach Nikotin ist schon weit fortgeschritten. „In der Schule hat es immer gesonderte Bereiche gegeben, wo geraucht wurde”, meint Madgalena König. „Das war nie so das Riesenproblem”.
Das aber wird es für die Berufsschüler ab Dienstag. Dem Wunsch des Kultusministers entsprechend, „das Rauchverbot bereits ab sofort umzusetzen”, hat das Schulleitungsteam der BBS beschlossen, Rauchverbotstafeln aufzustellen und vom 1. Februar bis zum Inkrafttreten des Erlasses das Rauchen im Hauptgebäude nur noch im Innenhof und im Erweiterungsbau ausschließlich im vorderen Bereich des Pausenhofes zu erlauben. Die Aschenbecher sollen auf dem Schulgelände bald entfernt werden und die Lehrer das Rauchen sowohl im Unterricht als auch auf dem Schulhof zum Thema machen. Mal sehen, wie die „überredende Sanktionierung”, wie Korsen sie nennt, greift…(bs).

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