
Eschershausen (11.12.2010). „Gasthof zum Stadtberge, Besitzer: Friedrich Breier – Empfehlenswertes Haus für bürgerliche Ansprüche“. Vor rund hundert Jahren begann die „Wirtshausgeschichte“ des Hauses Stadtbergstraße 2 mit der Assekuranznummer 84. Die tatsächliche Geschichte des Gebäudes jedoch ist gut 200 Jahre länger, sie begann laut Chronik im Jahre 1690.
Ein gewisser Hans Hilmer Jünken wird in den Aufzeichnungen als erster genannt, er dürfte auch der Bauherr gewesen sein. Die Liste der nachfolgenden Besitzer zeigt, dass in den folgenden Jahren Handwerksbetriebe hier ansässig waren, Hans Heinrich Jünken, sicherlich ein Sohn des „Häuslebauers“, ab 1718. Hilmer Jünke war der nächste, von ihm ist zu lesen, dass er eine Bäckerei betrieb und zwar ab 1760, 15 weitere Jahre war es Johann Friedrich Jünke. Der nächste Hausherr war ab 1776 ein Daniel Wollenweber, gefolgt ab 1843 von dem Kaufmann August Knoche. 1861 übernahm wiederum ein Wollenweber das Anwesen, er betrieb bis 1876 eine Schlachterei, die offensichtlich nicht sehr lange Bestand hatte, denn bereits 1876 taucht wieder ein Bäcker auf, nämlich Wilhelm Schünemann. Alte Eschershäuser, sogar direkte Nachkommen der Familie, können sich noch erinnern, dass es diesen Laden gab.
Die nunmehr folgenden Besitzer machten nach einer größeren Umbaumaßnahme 1788 aus dem ansehnlichen Gebäude einen Gasthof, aus dem später das „Hotel zum Stadtberg“ wurde. Ein altes Foto zeigt als ersten Gastwirt einen Otto Keese und ab 1912 Friedrich Breier. Mit ihm begann eigentlich die Blütezeit des Hauses, es wurde eine gastliche Stätte für Einheimische und für Gäste aus aller Welt. Für größere Veranstaltungen gab es einen Saal mit Nebenraum und Aussschank-einrichtung, und auch eine Kegelbahn war zunächst vorhanden. Die „neue Zeit“ begann für Eschershausen im September 1929: Fritz Breier eröffnete nach wiederum erfolgtem Umbau einen großzügigen Kinosaal mit 300 Sitzplätzen. Die „Central-Lichtspiele“ wurden zur viel besuchten Unterhaltungs- und Informationsquelle. Wunderbare Heimat- und Liebesfilme wurden gezeigt und natürlich auch die, meist nicht ganz neue, Wochenschau. Letztere artete, ebenso wie Kriegs- und Heldenfilme, häufig zu Propagandastreifen der Nazizeit aus.
Nach 1945/46 änderte sich die Programmvielfalt ganz gewaltig, neben Cowboy- und anderen meist amerikanischen Filmen eroberten bald deutsche Produktionen auch in Eschershausen die Kinoleinwand, Hildegard Knef, Romy Schneider und viele andere lockten zum Kinobesuch. Als meist unsichtbarer Filmvorführer wirkte von Anfang an Elektromeister Karl Hasenbein.
Der Gasthaus- und Hotelbetrieb lief natürlich ununterbrochen weiter. Fritz Breiers Tochter Irmgard übernahm später gemeinsam mit ihrem Ehemann Hans Vogel das Geschäft. Es begann nun die Zeit, an die sich viele Eschershäuser noch bestens erinnern. Das Haus wurde für etliche Vereine zum Vereinslokal, es wurde zum Treffpunkt geselliger Runden, die auch schon mal die Polizeistunde überschritten, für Familienfeste waren Vogels beliebte Gastgeber. Die obligatorische Musikbox sorgte gelegentlich für spontane Tanzeinlagen und manchmal auch überschäumende Stimmung. „Hans, bring‘ uns noch ‘ne Runde!“, „Das heißt Lieber Hans!“ erhielt man zur Antwort (die Runde kam aber trotzdem).
Zunehmendes Alter und Krankheit veranlassten das Ehepaar Vogel zur Aufgabe, das Haus ging in neue Hände über, wurde aber weiterhin, auch im Saalbereich, als Gasthaus betrieben. Aus den Gasträumen wurde ein Speiserestaurant im griechischen Stil, das auch recht gut angenommen wurde. Etwa zeitgleich bauten die neuen Besitzer den Kinosaal um, eine Nachtbar mit Sauna und Schwimmbad wurde eingerichtet, über deren Lukrativität verständlicherweise nicht viel bekannt ist.
Es mögen wohl an die zwanzig Jahre vergangen sein, seit das nach wie vor „Hotel zum Stadtberg“ heißende Haus endgültig die Pforten schloss. Außer einigen Weiterverwendungsversuchen passierte noch kaum etwas im Gebäude, es wirkte immer trostloser, ein neuer Käufer oder Investor war weit und breit nicht in Sicht. Bekanntlich hat die Stadt das Anwesen erworben mit dem Ziel, es frei zu legen, ehe es noch mehr zum innerstädtischen „Schandfleck“ wurde. „Nostalgische Erinnerungen dürften sich in Grenzen halten“, hieß es kürzlich im TAH, das Haus ist mittlerweile so gut wie verschwunden und damit ein weiteres Stück Alt-Eschershausen. Von Jahr zu Jahr kleiner wird auch die Zahl derjenigen, die sich an Kinobesuche, an fröhliche Stunden bei Fritze Breier oder Hans Vogel erinnern. (oa)

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