Holzminden (31.07.2010). „Ist es nicht schön, in einem 250 Jahre alten Stadtplan spazieren zu gehen?“ fragt Manfred Blume rhetorisch. Er ist Stadtführer in Holzminden und hat sich auf Fachwerkführungen spezialisiert. An jedem ersten Freitag im Monat führt er, veranstaltet vom Stadtmarketing Holzminden, an der Holzmindener Stadtgeschichte Interessierte durch die historische Altstadt – quasi durch den Stadtplan aus dem Jahr 1764, den Georg Christian Geitel gezeichnet hat. Viele der Bauern- und Bürgerhäuser, die dort schon eingezeichnet sind, stehen noch heute, rund 20 tragen seit wenigen Wochen ein Emailleschild und sind so als „Holzmindener Baudenkmal“ markiert. Sie alle sind Ziele der Fachwerkführung, haben eine gemeinsame und eine ganz individuelle Geschichte. Manfred Blume weiß sie zu erwecken und die Geschichte Alt Holzmindens lebendig werden zu lassen. Zu entdecken gibt es da eine ganze Menge.
Zum Beispiel Bauern-, Handwerker-, Tagelöhner- und großbürgerliche Fachwerkhäuser. Viele sind über die Jahrhunderte erhalten geblieben und von ihren Eigentümern liebevoll saniert worden. Es ist schon ein Erlebnis, diese bereits auf dem Stadtplan von 1764 verzeichneten Häuser im Stadtbild wiederzufinden. Von den 320 von Geitel verzeichneten Häusern stehen heute noch 160. 19 ausgewählte „Fachwerkjuwelen“ (plus Reichspräsidentenhaus, Torhaus am Katzensprung, Lutherkirche und Jugendherbergs-turm) finden sich in der von Kathleen Blume nachgezeichneten Altstadtkarte und auf der neu erschienenen Panoramakarte „Holzminden – vertraute Stadt am Fluss“, die ebenfalls Manfred Blume konzipiert hat.
1935 hatte ein Heimatforscher 35 Balkeninschriften an Fachwerkhäusern in Holzminden gesammelt und dokumentiert. Wer mit offenen Augen durch die Altstadt geht, wird feststellen, dass es noch viel mehr Häuser mit geschnitzten Inschriften an Toren und Balken gibt. Der Widerspruch ist schnell aufgelöst: 1935 waren viel mehr Häuser verhängt, zum Schutz vor Verwitterung und weil Fachwerk als „zu ackerbürgerlich“ aus der Mode gekommen war.
„Ich will originäre und möglichst unverfälschte Architektur zeigen“, erklärt Manfred Blume, Häuser mit originalem Gesicht. Funktionelle Struktur, Größe und Verwendungszweck dieser Gebäude folgten jahrhundertelangen, erprobten Regeln. Es gab Bauernhäuser mit vielen Nebengelassen, Werkstätten in Bürgerhäusern oder auf angrenzenden Innenhöfen. Wohnen und Arbeiten bildeten hier eine funktionelle Einheit. Das typische Holzmindener Ackerbürgerhaus ist ein niederdeutsches Hallenhaus, meist in Vierständer-Bauweise gebaut. „Dieser Haustyp in seiner schnörkellosen, funktionellen Bauweise entwickelte sich nahezu unverändert aus dem germanischen Hallenhaus“, so Blume. „Viele Jahrhunderte, bis in die 1950er Jahre, hatte Holzminden sein traditionelles Gesicht bewahren können.“ Auch die Querdielenhäuser in der Grabenstraße seien stadthistorisch sehr interessant, obgleich sie weder ein Emailleschild tragen, noch in der neuen Karte auftauchen.
Noch heute kann man deutlich den Bereich der Kernstadt erkennen, der sich wie ein Nest an den Fluss schmiegt. Eine Stadtmauer hat es in Holzminden im übrigen nie gegeben, stattdessen einen Wall mit Graben und Palisadenzaun und mit Niederem Tor, Oberen Tor und Neuem Tor drei Stadttore.
Manfred Blume erzählt auf seinen Fachwerkführungen anekdotenreich (und auch auf Plattdeutsch) von der Architektur und Bauweise der Bauern- und Bürgerhäuser, vom Leben der Ackerbürger, von Handwerk und Kultur in der Weserstadt. „Das waren noch Zeiten, als Kühe und Ochsen noch Namen hatten und keine Ohrmarken, als die Leute aufs Plumpsklo hinters Haus gingen – wenn sie denn eines hatten… Nein, es gab sie nicht, die guten alten Zeiten“, weiß der Stadtführer und ist doch gleichsam fasziniert von ihnen. Diese Faszination gibt Manfred Blume gern weiter – zum Beispiel bei seiner nächsten Fachwerkführung am Freitag, 6. August. Treffpunkt ist um 17 Uhr am Marktbrunnen. Anmeldungen nimmt das Stadtmarketing unter der Telefonnummer 05531/992960 entgegen, auch für Gruppen-Sonderführungen. (spe)

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