Ein leises Rascheln, eine Bewegung im Augenwinkel. Ich erstarre. Behutsam wende ich den Kopf. Eine Bergeidechse im fahlen Wintergras der besonnten Böschung äugt mit schiefem Köpfchen in ein Mauseloch. Breit gespreizte Rippen, fast so flach wie ein Blatt, jeden lebenswichtigen Strahl der morgenfrühen Märzsonne in das kalte, noch träge Körperchen aufsaugend, um schneller sein zu können als die Beute. Der Grund ihrer Spannung: Brummelnd taucht aus dem Loch eine Hummelkönigin auf, Meisterin der Morgenkälte: Als „Warmblüter“ unter Kaltblütern kann sie ihre Muskeln durch Stoffwechselwärme auf 37 Grad Celsius halten - und das schon bei wenig über null Grad Außentemperatur. Diese für ihr winziges Körperchen fast unglaubliche Fähigkeit hat sie dem kleinen Drachen voraus - und einen Giftstachel. Von der Eidechse verschmäht, summt sie vor mir her. Die kräftige Märzsonne wärmt schon, aber den Boden hat die Winterkälte hier oben auf der Hochfläche zwischen Emmerborn und Holzbergklippen noch voll im Griff.
ühen Blumen, und da blinkt es mir schon aus der graugelben Graswüste der lehmigen Südböschung entgegen, neben einer rostzerfressenen Motorradfelge erstes strahlendes Goldgelb, das mich jeden Frühling neu überrascht: Huflattich (Tussilago farfara), kleine Sonnen auf spargelartig beschuppten Stielen. Sein Köpfchen mit unzähligen dicht stehenden Einzelblütchen enthält wie die Blätter Schleimstoffe und Bitterstoffe, die schon im Altertum Atemwegserkrankungen linderten. Etwas herb, aber schmackhafter ist Huflattich als Frühlingssalat, Gemüse oder in Kräutersuppe.
Kurz verweilt die Hummel, dann führt sie mich zum Hangwald, Richtung Tal. An kalkiger Kante leuchten mir vor braunem Buchenlaub rosafarbene Blüten entgegen, die dicht an dicht die spärlichen noch blattlosen Zweigenden eines kniehohen Strauchs bedecken. Der zarte Honigduft des Giftmischers - es ist der Seidelbast (Daphne mezereum, geschützt) - lockt vor allem Nachtfalter zu Tisch. Die kurze Blütenröhre bewirtet aber auch Wildbienen, Hummeln und langrüsslige Schwebfliegen.
Wo dem Kalkboden die Laubauflage fehlt, öffnen sich über fast leberlappenförmigen wintergrünen „Kleeblättern“ die strahlendblauen Blütensterne einer exotisch anmutenden, im Landkreis Holzminden seltenen Anemone: des geschützten Leberblümchens (Hepatica nobilis). Einst, als man noch hinter der Form eine tiefere Bedeutung sah (Signaturlehre), meinte man, Leberleiden mit ihm heilen zu können.
Hinter der nächsten Kurve scheint Neuschnee gefallen, ein Meer weißer Buschwindröschen (Anemone nemorosa) bedeckt den Waldboden, soweit das Auge reicht, stellenweise durchbrochen von dottergelben Blütensternen des Gelben Windröschens (Anemone ranunculoides). Eilig haben sie es: Vor wenigen Wochen noch unsichtbar, wird ihr prachtvoller weißer Teppich in wenigen Tagen schon dahin sein, im Juni vergilben die letzten Blätter! Warum? Sie offenbaren das Geheimnis vieler Frühblüher unserer Laubwälder. In Steppe und Mittelmeergebiet leben ihre Verwandten, in monatelanger Sommerdürre. Wenn Regen fällt, heißt es dort eilen: Schnell blühen, reifen und säen, schnell Sonnenkraft tanken, solange die Wurzeln den Blättern noch zu trinken geben - und dann wieder schlafen, viele Monate.
Was hat das mit unserem Wald zu tun? Nichts und viel! Wasser gibt’s hier genug, aber das Licht! Sind die Buchen erst grün, wird der Waldboden zur finsteren Lichtwüste, mörderisch, für wenige Spezialisten nur heimelig. Unsere Anemonen machen es dann wie ihre Verwandten in der Steppe: Als „Erdpflanzen“ (Geophyten) speichern sie die Kraft ihres Lichtfrühlings in „Kellergewölben“: in dicken Erdsprossen, Knollen oder Zwiebeln. Das sind die „Treibstofftanks“ für ihr explosives Frühjahrswachstum, ihre Garanten für Erfolg in lebensfeindlicher Umgebung. So sind - lange vor unserer Zeit - Pflanzen ganz anderer Herkunft dank ihrer besonderen Fähigkeiten zu Spezialisten für die extremen Bedingungen des sommergrünen Laubwaldes geworden.
Fast im Tal wird der Hang etwas feuchter. Von weitem begeisterte Kinderstimmen: „Mama, ganz viele Orchideen!“ Und wirklich, wie Orchideen sehen sie aus, dichte, purpurfarbene, zuweilen weiße Blütentrauben des Hohlen Lerchensporns (Corydalis cava) - auch er ein Geophyt, mit hohler Knolle. Aber eher mit Mohn ist er verwandt als mit Orchideen. Einen betäubend honigduftenden Purpurmantel, ein parfümiertes Festkleid für den Frühling hat der Waldboden da angelegt, und hier treffe ich meine Hummel wieder.
Meine? Der Wald ist erfüllt vom sonoren Gebrummel dieser dicken pelzigen Wildbienen, fast vor jedem Blütenstand schwebt eine. Sie angelt mühelos den Nektar aus der Tiefe des „Sporns“, eines langen fingerförmigen Blütenblattsäckchens, wie gemacht für den langen Rüssel der kälteunempfindlichen Hummel, der Freundin der Frühblüher. - Schon lange vor dem Menschen hat übrigens der Lerchensporn das Taxi erfunden: Die Samen lassen sich - mangels Wind im Wald - von Ameisen verbreiten. Die kriegen dafür ein nährstoffreiches Samenanhängsel, das „Ameisenbrötchen“ (Elaiosom). Als Spediteurslohn ein Festschmaus!
Unten im Tal wird es hier und dort quellig oder sumpfig. Sträuße eleganter „Riesenschneeglöckchen“ schmücken den Boden. Die geschützten Märzenbecher (Leucojum vernum) sind es mit ihren weiten weißen Blütenglöckchen, im Holzmindener Umland nicht häufig - weithin berühmt hierfür ist aber der Schweineberg bei Hameln. Jedes der sechs Blütenblätter ist wie aus Stuck oder feinstem Porzellan kunstvoll geformt und vor der zierlichen Spitze mit einem gelbgrünen Mal betupft. Wie könnte es anders sein: Auch sie sind Erdpflanzen (Geophyten), sie haben eine Zwiebel und gehören zu den Amaryllisgewächsen wie Schneeglöckchen und Narzissen.
Ich trete aus dem Wald ins Freie. Die volle Kraft der Mittagssonne scheint auf die noch winterlich kahlen Wiesen, Felder und Bäume, ihre Wärme durchströmt jede Pore meiner Haut, und ich verstehe plötzlich, warum der Märzenbecher mancherorts „Sommertürchen“ genannt wird!
So schnell, dass mein Blick kaum folgen kann, schnappt vor meinen Füßen eine smaragdgrün flankierte Zauneidechse eine Fliege…