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Donnerstag, 17. Mai 2012




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„Ich bin hier, um zu leben“

Neuhaus/Schönhagen (30.10.10). Komplette Stille. Man hört keinen Verkehr, keine Musik. Das Handy liegt ebenfalls zu Hause. Diese Form der Ruhe haben die 20 Pilgerfreunde, die an diesem Morgen in Neuhaus aufbrechen, ganz bewusst gewählt. Schweigend machen sie sich auf den zwölf Kilometer langen Weg Richtung Schönhagen, um die Natur auf sich wirken zu lassen, die Hektik des Alltags einmal wegzuschieben. Das ist es, was die besondere Pilgererfahrung ausmacht.
Pilgern kommt in Mode, auch durch den Landkreis Holzminden führt die Pilgerstrecke Loccum-Volkenroda. Wer hier nicht auf eigene Faust pilgern möchte, kann sich in kleinen Gruppen auf den Weg machen, angeführt von sogenannten Pilgerbegleitern. Helga Thon und Ulrich Rhöder, die an diesem Morgen voranschreiten, sind zwei ehrenamtliche Pilgerbegleiter, zumindest möchten sie es werden. Dass heute ihr Prüfungstag ist, sie während des Zwölf-Kilometer-Marsches von den wachsamen Augen einer Prüferin beobachtet werden, lassen sich die beiden nicht anmerken.
Nach kurzer Vorstellungsrunde und einem kleinen Gebet geht es los, wird direkt der erste Anstieg auf der bergigen Strecke in Angriff genommen – und zwar schweigend. Keiner unterhält sich mit seinem Nebenmann. So hört man die Vögel singen, merkt, wie weit der Herbst schon in die Natur eingegriffen hat, und erfasst Dinge, die einem sonst nicht auffallen würden. Eine gute Gelegenheit, in sich zu gehen, wie es schon die Zisterzienser-Mönche vor 850 Jahren taten, als sie 1163 den 280 Kilometer langen Weg von Volkenroda nach Loccum beschritten und dort ein neues Kloster gründeten. Die jahrhundertealte Tradition des Pilgerns wurde hier 2005 wiederbelebt, als die beiden ehemaligen Zisterzienserklöster durch den offiziellen Pilgerweg wieder miteinander verbunden wurden. Seitdem wächst die Zahl der Pilgerfreunde auf diesem Weg beständig – auch die Nachfrage nach fachlicher Begleitung steigt.
Das Haus kirchlicher Dienste der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover reagiert auf die hohe Nachfrage und bildet nun Ehrenamtliche zu zertifizierten Pilgerbegleitern aus. Diese gehen mit den Pilgergruppen mit, setzen geistliche Impulse und helfen auch denjenigen, die noch keine Pilgertour hinter sich haben oder sich einfach unsicher fühlen.
Helga Thon und Ulrich Rhöder beobachten ihre Gruppe, die schweigend den ersten Anstieg meistert. Nach etwa 100 Höhenmetern dürfen sich die Pilger wieder unterhalten. Man lernt sich kennen, erzählt Lebensweisheiten und redet über das Pilgern.
Pilgern unterscheidet sich in mehrerer Hinsicht vom Wandern. Ursprünglich stand das Geistliche im Vordergrund. Gläubige suchten heilige Orte auf, um dort zum Beispiel für eine Sünde um Vergebung zu bitten oder für die Heilung bei einer Krankheit zu beten.
Heutzutage steht eher das Individuum im Vordergrund. Man kann seinen eigenen Gedanken nachgehen. Oder beten. Oder durch kleine Weisheiten, welche die Pilgerbegleiter vortragen, auf neue Gedanken kommen. „Warum bin ich hier? Was mache ich hier? Ich bin hier, um zu leben“, sagt Ulrich Rhöder bei der Rast am Lunaborn. Und er erklärt, dass beim Pilgern der Weg das Ziel ist.
Der weitere Weg führt die Pilgergruppe zum „Weltatelier“ am Rande des Erlebniswaldes im Solling. Hier unterhält man sich bei Tee, stärkt sich mit Suppe, zubereitet von einer ehrenamtlichen Pilgerbegleiterin. Nach dieser Stärkung ist die Gruppe entschlossen, den 40 Meter hohen Klimaturm im Erlebniswald zu besteigen. Sichtlich genießen alle Teilnehmer den Blick auf die Naturlandschaft des Sollings. Gerne lassen sie sich von den Sehenswürdigkeiten des Erlebniswaldes – ein  Expo-Projekt des Jahres 2000 – beeindrucken.
So ist es kein Wunder, dass diese Eindrücke auf dem weiteren Weg das Gesprächsthema Nummer eins sind. Munter plaudernd, rückt das  Ziel der Pilgertour in Sichtweite. Die Gruppe nähert sich Schönhagen. Kurz vor Schulss motivierten die beiden Pilgerbegleiter ihre Gruppe noch einmal zu einem weiteren Abschnitt in vollkommener Ruhe. Alle Pilger sollen ihre Erfahrungen dieser Pilgerwanderung in aller Stille Revue passieren lassen. Alles, was bis zur Dorfkirche in Schönhagen zu hören ist, sind die Fußschritte der Pilger.
Und kaum jemand registriert, dass man – durch den Abstecher zum Erlebniswald – sogar 19 statt der geplanten zwölf Kilometer gepilgert ist. In den Gesichtern ist keine Erschöpfung zu erkennen. Im Gegenteil: Beim feierlichen Abschied sehen die Pilgerfreunde glücklich aus. Zufrieden, die Strecke von Neuhaus nach Schönhagen bewältigt und so viele neue Eindrücke gewonnen zu haben.
Glücklich sind auch Helga Thon und Ulrich Rhöder. Sie freuen sich nicht nur über die vielen positiven Rückmeldungen ihrer Schützlinge, sondern auch über das abschließende
Urteil der Prüferin: Sie haben ihre Prüfung zum zertifizierten Pilgerbegleiter bestanden. (Roman Daudrich)

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