(11.01.03). Zu den landschaftlich schönsten und botanisch interessantesten Landschaften in Europa gehört das Gebiet um die großen Seen in den Südalpen, so ist auch der in Liedern besungene Lago Maggiore ein gern gewähltes Reiseziel. Er erstreckt sich vom Schweizer Tessin etwa 60 Kilometer nach Süden bis in die italienische Lombardei. Im Norden durch die Alpen abgeschirmt, nach dem warmen Süden hin geöffnet, herrscht dort um den See eine Zone subtropischen Klimas. Zahlreiche Pflanzen aus ähnlichen Klimazonen rund um den Globus wurden nach und nach dort angesiedelt.
Für die Autostraße von Ascona nach Palanza entlang des Westufers ist die Bezeichnung „Traumstraße“ gewiss zutreffend.
Reizvoller Fußmarsch
Besonders reizvoll für einen Fußmarsch ist ein Weg, der etwa 200 Meter oberhalb der Autostraße von Ascona nach Ronco führt. Man verlässt die Autostraße von Moscia südwestlich Ascona, fährt oder läuft aufwärts vorbei am Hotel „Arancia“ und trifft bald auf einen steil ansteigenden Fußweg, den Sentiero Romano beziehungsweise den Römerweg, der einmal im Altertum schon angelegt wurde. Er trifft oben beim Hotel „Casa Berno“ auf eine schmale, kurvenreiche, jedoch wenig befahrene Straße, die einigermaßen eben nach Ronco führt.
Die Wanderung auf dieser Straße bietet herrliche Ausblicke herab auf den See, seine Inseln, das in den See sich hinausschiebende Mündungsdelta der Maggia, auf dessen Schwemmland Locarno und Ascona liegen. Im Süden sieht man den Kurpark von Brissago und die Kirche von Ronco mit der markanten großen Kastanie als weithin erkennbares Wahrzeichen dieses Ortes. Tief unten auf der Autostraße bewegen sich die Autos als kleine Pünktchen. Der See, umrahmt von den umliegenden Bergen, bietet dem Auge ein wundervolles Panorama.
Darüber hinaus hält der Sentiero Romano aber auch für die Nase ein interessantes Sortiment an Düften bereit. Auch wer sich sonst nicht näher mit Düften zu beschäftigen pflegt, kann sich ihrer Wahrnehmung hier nicht entziehen, denn an manchen Stellen des Weges strömen zur Blütezeit geradezu Duftwellen über den Wanderer her.
Narkotisch-schwüle Düfte
Dicht beim Hotel „Casa Berno“ stehen mehrere hohe Götterbäume, Ailanthus altissima. Die gelbgrünen Blüten sind zwar sehr klein, doch zahlreich in 20 Zentimeter langen endständigen Rispen. Die Masse der Blüten verbreitet einen starken narkotisch-sahnig-schwülen Duft, der dominierend an den der Berberitze erinnert. Die sehr großen paarig gefiederten Blätter riechen bei leichtem Reiben sehr stark und röstartig-nussartig-kulinarisch nach Erdnuss-Cashewnuss. Dies ist ein gutes Bestimmungsmerkmal für die Unterscheidung des Götterbaumes von anderen Bäumen mit ähnlich großen gefiederten Blättern, die nicht so riechen. Beiderseits des Römerweges stehen in großer Zahl Esskastanienbäume, Castanea sative. Die kleinen männlichen Blüten sitzen in acht bis 20 Zentimeter langen aufrechten Ähren in den Blattachseln. Ihr narkotisch-sahnig-schwüler Duft ähnelt sehr dem der Götterbaumblüte. Er erfüllt an warmen Tagen weithin die umliegende Landschaft.
Angenehme Düfte
Eine sehr angenehme Duftwolke passiert man, wenn man an Stellen vorbeiwandert, wo das japanische Geißblatt, Lonicera japonica,bis zehn Meter hoch an Bäumen oder Felswänden emporrankt. Es ist, von Japan und China kommend, hier wie auch rund um das Mittelmeer und auf den Kanaren eingebürgert und verwildert. Es hat kleine weiße Blüten, die paarig an einem kurzen Stiel in den Blattachseln der Zweige sitzen und später gelb werden. Leicht unterscheidbar hiervon ist Lonicera periclymenum, unser heimisches Waldgeißblatt, dessen Blüten zu sechs bis zwölf in acht Zentimeter großen quirligen Blütenständen endständig sitzen.
Der Geruch der jungen weißen Einzelblüte des japanischen Geißblatts ist stark und sehr angenehm. Im Geruchstyp erkennt man am deutlichsten eine fruchtig-süß-blumige Komponente nach Erdbeerfrucht, Orangenschale, Pfeifenstrauchblüte.
Daneben registriert man noch einigermaßen deutlich eine fruchtig-sahnig-schwüle Note nach Pfirsichfrucht und Kokosnuss.
Schwach noch beteiligt ist eine narkotisch-exotische Nuance, die an Orangenblüte erinnert.
Die ältere gelbe Blüte riecht mittelstark, angenehm, doch dominiert hier die fruchtig-sahnig-schwüle Pfirsichkomponente.
Erreicht man bei der Wanderung schließlich den hochgelegenen Kirchplatz von Ronco, so trifft man auf dessen üppige subtropische Vegetation mit Palmen, den sehr schmalen, säulenartigen Zypressen, Oleanderbüschen und der immergrünen prächtigen Magnolia grandiflora mit ihren großen duftenden Blüten.
Tief unten sieht man, wie von Porto Ronco aus die Boote ablegen, die hinüberfahren zur Isole di Brissago mit ihrem botanischen Garten, einer paradiesischen Anlage.Dr. Exner