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In 88 Tagen um die Welt – per Containerschiff

Sonniger Liegeplatz: Als zahlender Passagier kann der Stadtoldendorfer Weltenbummler die Reise an Deck einfach genießen.

Stadtoldendorf (20.02.2010). „Ich habe schon lange davon geträumt, mit einem großen Schiff über den Ozean zu fahren“, sagt Bruno Kraaz. Und eines Tages hat er seinen Traum Wirklichkeit werden lassen. Der Stadtoldendorfer ging auf Weltreise, 88 Tage lang, an Bord eines Containerschiffes. Von seinen Eindrücken berichtet er gelegentlich in Dia-Vorträgen. Der nächste ist am Montag, 22. Februar, um 14 Uhr. Die Landfrauen Lenne laden dazu ins Haus am Eberbach in Stadtoldendorf ein.
New York, Singapur, Melbourne – praktisch alle Metropolen dieser Welt, die per Schiff erreichbar sind, hat der Stadtoldendorfer während seiner Reise gesehen. Als Kontrast dazu hat er Naturparadiese entdeckt, die endlosen Weiten der Weltmeere erlebt und die gewaltige Kraft von Stürmen auf hoher See gespürt. Das alles innerhalb von drei Monaten. „Ich wollte richtig eintauchen in die Faszination der Seefahrt“, sagt Bruno Kraaz zufrieden. „Und das ist mir gelungen.“
Dass es ihn auf ein Containerschiff verschlug, statt mit einem Kreuzfahrtschiff zu fahren, ergab sich eher zufällig. Über eine Zeitungsanzeige wurde er auf die Möglichkeit aufmerksam, als zahlender Passagier an Bord eines Frachtschiffes zu gehen. Die Neugier war geweckt, schließlich vermittelte ihm eine Agentur einen Platz auf dem „Contship Rome“, einem gewaltigen Containerschiff, das von einem deutschen Kapitän gesteuert wird. Hier quartierte sich Bruno Kraaz in die hoch gelegene Eignerkabine ein, direkt unter der Kommandobrücke, unter sich die gestapelten Container. „Wenn ich schon drei Monate auf See bin, dann möchte ich es auch gemütlich haben“, sagte sich der Ruheständler. Nach allen Vorbereitungen mit Visa-Anträgen und Impfungen hieß es in Rotterdam „Leinen los“.
Das erste große Abenteuer war die Atlantik-Überquerung, bei der sich das Schiff durch ein großflächiges Sturmtief kämpfen musste. Windstärke 11, acht Meter hohe Wellen, da bekam Bruno Kraaz die Naturgewalten hautnah zu spüren. „Gut, dass die Möbel in der Kabine verankert sind und nicht verrutschen können“. Tage später erreichte das Containerschiff die erste Station – New York. Der kurze Aufenthalt in der Weltstadt ließ ihm zumindest genügend Zeit für eine Stadtrundfahrt mit Ausblick von den Wolkenkratzern.
Nach den nächsten Hafenstädten Norfolk („hässlich“) und Savannah („tolle Südstaaten-Stadt“) ging es durch den Panama-Kanal. „Diese Durchfahrt ist ein echtes Erlebnis“, schwärmt der Stadtoldendorfer, „die würde ich gerne wiederholen.“ Vor allem die wunderbare Urwaldlandschaft direkt an den Ufern hat ihn beeindruckt. Den absoluten Gegensatz dazu bildet übrigens der Suez-Kanal, den das Schiff später noch durchfahren hat, wo der Blick nur über öde Sandwüsten wandert.
Vorher aber ging es durch den Pazifik, mit einem ganz persönlichen Höhepunkt für den Stadtoldendorfer: Seine Äquator-Taufe. Für dieses kuriose Seemanns-Ritual, das jedem blüht, der zum ersten Mal den Äquator überquert, hatte sich die Crew einiges einfallen lassen: Während an Deck eine Lufttemperatur von 28 Grad herrschte, musste Bruno Kraaz mit den Beinen in zwei Eimer eiskaltes Wasser steigen, sich mit einem Gebräu aus Fischresten und anderen ekligen Zutaten übergießen lassen und schließlich noch einen „Täuflingstrunk“ hinunterwürgen. „Darauf folgte die erste Fete von ganz vielen an Bord“, erinnert sich Bruno Kraaz gerne zurück. Die Stimmung an Bord war prächtig, denn inzwischen waren die 18-köpfige Besatzung und die Passagiere – außer Bruno Kraaz war noch eine Dame aus Darmstadt mitgereist – zu einer Art Familie zusammengewachsen.
Nach 18 Tagen ununterbrochen auf See war Thaiti das erste Land, das die Seeleute wieder zu Gesicht bekamen. „Eine sehr schöne Insel“, berichtet Kraaz, erzählt von faszinierenden Blumenlandschaften, herrlichen Palmen und einer gewaltigen Vegetation. Auf der Route lagen auch mehrere Hafenstädte von Australien, natürlich auch Sydney mit der weltberühmten Oper. Dass an Bord zwischenzeitlich Weihnachten bei 30 Grad Lufttemperatur gefeiert wurde, ist nur eine von den vielen Besonderheiten, die Kraaz während seiner dreimonatigen Reise erlebt hat. Zurück Richtung Europa ging es durch das Rote Meer und schließlich durch das Mittelmeer. Auch hier konnte der Stadtoldendorfer noch einige schöne Hafenstädte bewundern.
Beeindruckt hat ihn auch immer wieder das rege Treiben in den Häfen der Welt, wenn Container ein- und ausgeladen wurden. Insbesondere in den großen Häfen stürzen sich die gewaltigen Hafenkräne regelrecht auf das Schiff, um es in möglichst kurzer Zeit zu entladen. In kleineren Häfen geht es dagegen oft gemächlicher zu, vor allem, wenn Container mit dem bordeigenen Kran an Land gehievt werden müssen. „Es gab nicht einen Tag, an dem es langweilig war“, bilanziert der rüstige Rentner. Er durfte sich auf dem Schiff völlig frei bewegen, den Maschinenraum und die Brücke besichtigen, einmal sogar das Ruder übernehmen. „Und es war wunderbar, einfach die Seele baumeln zu lassen und zu sich zu kommen“, findet Kraaz.
Nach 88 Tagen auf See, zurück in Rotterdam, hieß es schließlich Abschied nehmen von der Crew und dem Leben an Bord. Ein schwerer Abschied für den Stadtoldendorfer: „Ich habe danach Wochen gebraucht, um wieder meinen gewohnten Rhythmus zu finden.“ (nig)

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Täglicher Anzeiger Holzminden

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