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Donnerstag, 17. Mai 2012




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In der alten Möbelfabrik hält die Digitaltechnik Einzug

In die alten Hallen zieht neues Leben ein.

Holzminden (23.06.07). Auf der Spurensuche nach den historischen Wurzeln ihres Betriebes sind polnische Unternehmer auf die Holzmindener Firma Laabs gestoßen. Sie erhielten dabei wertvolle Informationen - und inzwischen beraten Herbert und Marcus Laabs Europas drittgrößten DVD-Hersteller bei der detailgetreuen Rekonstruktion ihrer einstigen Werksanlagen. Wilago - das war bis 1945 eine weltbekannte Marke. Sie stand für Willi Laabs Gollnow, jenen Unternehmer, der als erster in Deutschland die Fließbandproduktion in der Möbelfertigung einführte. Angefangen hatte Willi Laabs 1913 in der pommerschen Hansestadt Gollnow mit zwei Mitarbeitern. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges beschäftigte Willi Laabs fast 1.000 Menschen. Sein Produktionskonzept setzte sich durch und der „deutsche Möbelford”, der seit 1929 auch ein Rittergut mit 4.000 Hektar und einem eigenem Gleisanschluss besaß, vergrößerte kontinuierlich sein Unternehmen. Neue Produktionshallen wurden stabil und „für die Ewigkeit” gebaut - ihre Wände waren teilweise 80 Zentimeter stark. Stabil, qualitativ hochwertig und zugleich preiswert waren auch die Möbel von „Wilago”. Der Einmarsch der sowjetischen Roten Armee 1945 in Deutschland zerstörte die Erfolgsgeschichte. Willi Laabs überlebte nicht das Ende seiner Firma. Seine Frau Paula wurde im August 1946 von Polen mittellos mit ihren sieben Kindern aus der angestammten pommerschen Heimat innerhalb weniger Stunden vertrieben.
Bernd und Herbert Laabs, die beiden ältesten Söhne von Willi Laabs, hatten sich den unternehmerischen Erfolg ihres Vaters zum Vorbild genommen und waren schon fünf Jahre nach der Ankunft in Holzminden in seine Fußstapfen getreten. Sie gründeten mit der Mutter Paula Laabs ein Unternehmen, das inzwischen ebenfalls auf eine Erfolgsgeschichte blicken kann. Stolz wurde die Tradition von „Wilago” in Erinnerung gehalten. Auch Sohn Marcus, der im väterlichen Unternehmen am Lüchtringer Weg in Holzminden tätig ist, pflegt das Traditionsband: „Es ist mehr als bemerkenswert, was damals geleistet wurde.”
Und plötzlich war ihre Tradition, das unbekannte Wissen von damals gefragt: Anfang Juni 2006 erreichte eine E-Mail aus Goleniow - wie Gollnow heute polnisch heißt - Familie Laabs. Das deutsche Unternehmen Optical Disk Service (ODS) aus Dassow bei Neumünster stellt sich vor als neuer Eigentümer von „Wilago”. Man plane dort ein Unternehmen zur Herstellung von DVDs und suche den Kontakt zu den früheren Besitzern. Herbert und Marcus Laabs antworteten auf die freundliche Post aus Polen. ODS will das komplette Firmengelände mit mehr als 197.000 Quadratmetern sanieren und von den Bauten der kommunistischen Zeit befreien. „Nun haben wir ein Abrissprojekt; zum Beispiel das alte Heizungssystem, Gebäude aus der Kommunistenära, hässliche Installationen - all das wird bald der Vergangenheit angehören”, schrieb Andrej Mackiewicz an Vater und Sohn Laabs. Und er lud die Altbesitzer ein. „Ich hoffe, Sie besuchen uns bald, um zu sehen, wie die neue digitale Technologie Einzug in eine alte Möbelfabrik hält.”
Herbert Laabs (72) war auf dem alten Wilago-Gelände in Goleniow und staunte über das, was dort passiert. Die neuen Besitzer reißen nicht nur die Bauten aus der kommunistischen Zeit ab, sie erhalten den Kern von „Wilago” - die „für eine Ewigkeit” gebauten Gebäude. Die alten Produktionshallen werden aufwändig restauriert und mit neuen modernen Bauten stilvoll verbunden. Ein Hochregallager von 5.000 Quadratmetern steht kurz vor der Fertigstellung. Dort wo einst über die Fließbänder von Willi Laabs modernste Möbel rollten, stehen heute teure High-Tech-Anlagen.
Allein zwölf Millionen Euro wurden nur in eine Halle investiert - insgesamt sollen 75 Millionen Euro in das alte, neue Werk fließen und 3.500 Arbeitsplätze geschaffen werden. ODS stellt Rohlinge her und beschichtet die DVDs, ehe die Filme in den Handel gelangen. Europas Nummer drei arbeitet mit allen großen Film-Firmen der Welt, darunter Universal Studios, Warner Bros. und MGM, zusammen.
Ob man denn den Neuaufbau unterstützen könne, wurden Herbert und Marcus Laabs gefragt. Selbstverständlich wolle man helfen, sagten die beiden zu und sahen sich plötzlich in einem deutsch-polnischen Gemeinschaftsprojekt. Der Altbesitzer, der vertrieben wurde, hilft dem neuen Eigentümer, das Gelände wieder aufzubauen. Herbert Laabs kann den Vertretern von ODS vor Ort viele Hinweise geben. „Hier verlaufen die Heizungssysteme, dort befinden sich andere Installationen.” Hinweise, die den neuen Eigentümern eine wertvolle Hilfe sind.
„Früher arbeiteten hier fast 1.000 Menschen, als mein Vater das Unternehmen führte. Jetzt wird hier wieder produziert und verschafft Menschen Lohn und Brot. Das ist gut”, sagt Herbert Laabs. Und gut ist es auch, dass die neuen Besitzer bewusst das Andenken von „Wilago” wachhalten.
Herbert und Marcus Laabs waren inzwischen mehrfach in Gollnow und haben ODS beim Aufbau unterstützt. Auch die polnischen Medien nehmen von diesem ungewöhnlichen Ereignis Notiz. So gab Herbert Laabs bereits mehrere Interviews für das polnische Fernsehen. „Es ist schön, dass die Leistung meines Vaters und die Arbeit der Menschen damals jetzt eine späte Würdigung findet”, sagte er. Deshalb werde das heutige Laabs-Unternehmen in Holzminden dem Alt-Unternehmen in Gollnow weiterhin zur Seite stehen - eine deutsch-polnische Kooperation der ganz besonderen Art und das nicht nur bei der Rekonstruktion alter Gebäude, sondern auch später in der Verwertung und Aufbereitung von Kunststoffproduktionsrückständen aus Gollnow (fhm).

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