Mexiko/Holzminden (29.04.06). Sie wurden auf Händen getragen in Mexiko, Abend für Abend mit Standing Ovations gefeiert und von der Presse bejubelt. „Jetzt geht es ganz normal weiter“. Alexander Käberich bremst - zunächst. Doch dann ist auch er wieder in Mexiko, in Cancun und Playa del Carmen, auf der Isla Mujeres und in Chetumal, wo die Big Band Holzminden zusammenwuchs zu einer musikalischen Einheit - und zu einer tollen Truppe, die bei 30 Grad im Schatten neun Konzerte gab, und damit den Kultusminister des mexikanischen Bundesstaates Quintana Roo zum größten Fan der Holzmindener werden ließ.
Gespielt wurde, bis die Lippen schmerzten, erinnert sich der Musikschulleiter und Big Band-Dirigent. Eineinhalb Stunden lang, ohne Pause - „Pause kennen die Mexikaner nicht“. Auch Swing und Big Band-Sound ist den Südamerikanern eigentlich fremd. Zu den Konzerten, bis auf eines alle Open Air und sämtlich kostenlos, kamen die Zuhörer zunächst vor allem aus Höflichkeit. Weil die Big Band so weit gereist war. „Anfangs war das Publikum schon ziemlich skeptisch, doch dann machte sich eine so fröhliche Stimmung breit“, schwärmt Marlies Grebe. „Jeden Abend gab es Standing Ovations. Das hat die Band getragen, das haben sie sich wirklich erspielt“.
Eine Pflichtveranstaltung war der Band-Auftritt auch für Octavio Chávez Gabaldón, Generaldirektor des Instituto Quintanarrvense de la Cultura, also Kultusminister des Bundesstaates Quintana Roo. Das erste Konzert eines Gastes aus Deutschland war für ihn ein dienstlicher Termin. Zunächst. „Es war deutlich zu spüren, dass für ihn aus der Pflichtveranstaltung Spaß wurde“, erinnert sich Marlies Grebe. So viel Spaß, das er bei fünf von neun Konzerten dabei war und sich für die Truppe aus Holzminden verantwortlich fühlte: Auf der Tournee, die von Cancun bis Chetumal über 400 Kilometer führte, organisierte er kurzentschlossen Hotelzimmer für die 28 Reisenden in Sachen Musik. Geplant war eigentlich, dass die Holzmindener privat untergebracht wurden.
Privat waren auch die mexikanischen Gäste in Holzminden untergebracht, die zum „Tag der Niedersachsen“ und auf Einladung der Musikschule nach Deutschland gekommen waren. Die Schülergruppe aus Chetumal unter der Leitung von Manuel Reyes Morales, Lehrer an einer allgemeinbildenden Schule, hatte damals begeistert - und den Holzmindenern das Versprechen abgenommen, nach Mexiko zu kommen. Entstanden war diese musikalische Völkerfreundschaft übrigens bereits 1993, als Alexander Käberich noch beim Jugendsinphonieorchester in Hannover tätig war und das Auswärtige Amt dort nachfragte, ob Interesse an einem Kontakt mit einer mexikanischen Folklore-Gruppe bestehe. „Gern organisiert“ hat Alexander Käberich die Treffen 1993, 1995 und 2001. „Und immer wieder kam die Frage, wann kommt ihr rüber?“
Das „Rüberkommen“ hat die Big Band Holzminden ab Januar 2005 generalstabsmäßig geplant, bekam dabei Unterstützung vom Goethe-Institut und dem Auswärtigen Amt. 28 Reisende waren es schließlich, darunter 19 Band-Mitglieder, die gleich nach der Landung in Cancun mexikanisches Laissez-faire kennenlernen sollten. Nicht alles klappte, vieles musste improvisiert werden, nur wenig aber war nervend. Die Sound-Checks zum Beispiel. „Die Tontechniker waren überrascht, dass Swing von so einer großen Band gespielt wird“. Die hatten mit vier, fünf Musikern gerechnet.
Doch auch diese Erfahrungen haben die Band zusammengeschmiedet, die, ganz nebenbei, noch ein reichhaltiges kulturelles Programm absolvierte, auch abseits der ausgetretenen Tourismuspfade. „Wenn man täglich zusammenspielt, entsteht eine große Verlässlichkeit“, schwärmt schließlich auch der sonst so kritische Bandleader. Eine Verlässlichkeit, die bei der „Knochenarbeit“ auf der Bühne auch notwendig war. „Es gab schon Anfälle von Montezumas Rache“ schmunzelt Käberich, der vorn gar nicht so richtig mitbekommen hat, „wenn der ein oder andere mal schnell hinter die Bühne verschwinden musste“. Aber: die Einsätze stimmten, die Soli waren perfekt. „Einige“, sagt Marlies Grebe, „haben schon ein bisschen gelitten, aber jetzt ist nur noch das Positive im Kopf“.
Dazu zählt auch die „wahnsinnige Resonanz“ der Presse. Die hat die musikalischen Botschafter aus Deutschland gefeiert. Käberich, der fließend spanisch spricht und vier Radiointerviews geben musste, nennt es eine „unfassbare Resonanz“. „Das ist in Mexiko ein absolutes Phänomen, dass Musiker von so weit her kommen“. Und dann noch nicht einmal eine Verkaufs-CD im Gepäck haben…
Doch auch das ist Vergangenheit. Die Big Band Holzminden wurde nämlich grandios beschenkt, durch den Kultusminister. Ein Fernsehteam schnitt ein Konzert mit. Drei Kameras richteten sich auf die Holzmindener. „Auch der Sound ist gut“, freut sich Alexander Käberich. Zusätzlich wurde eine CD mitgeschnitten, die jetzt in Chetumal verkauft werden soll, um den Gegenbesuch der mexikanischen Folkloregruppe - wahrscheinlich im Sommer 2007 in Buxtehude und Holzminden - mitzufinanzieren. Der Buxtehuder Chor und die Holzmindener Big Band-Mitglieder haben schließlich ihren mexikanischen Gastgebern ein Geschenk gemacht, dass ihnen den Atem nahm: Eine große Marimba (ähnlich einem Xylophon), drei Meter lang und für drei Musiker, haben sie finanziert und in Chetumal überreicht (bs).