
Reileifzen (04.12.2010). „Ich würde am liebsten gleich wieder hinfliegen“, schwärmt Friedrich Hoffmeister und klappt das kleine rote Tagebuch auf, in dem er für sich und seine drei Mitreisenden die Tage in Japan ganz akribisch festgehalten hat. In weiser Voraussicht. Denn bei der Fülle an Erlebnissen und Eindrücken könnte sonst ganz schnell etwas vergessen werden. Was die japanischen Freunde der vierköpfigen Delegation des Heimat- und Kulturvereins Reileifzen in nur einer Woche geboten haben, ist weit mehr, als es das Wort „Gastfreundschaft“ ausdrücken kann. Das Quartett mit dem Vereinsvorsitzenden Reinhold Müller an der Spitze wurde umsorgt wie Familienmitglieder, bestaunt wie Exoten und manchmal hofiert wie Staatsgäste. Reinhold Müller, Friedrich Hoffmeister, Heinz-Erich Knischewski und Witali Altergott hatten sich gut vorbereitet auf ihr Japan-Abenteuer. Sie hatten sich über Land und Leute informiert, „Verhaltensregeln“ studiert, reichlich Gastgeschenke eingepackt und reisten voller Neugier ins Land der aufgehenden Sonne. Aber erst vor Ort wurde ihnen so richtig bewusst, welche Mühen und auch Kosten die japanischen Freunde tatsächlich auf sich nahmen. Vor allem die Entfernungen, die die Mitglieder der japanisch-deutschen Gesellschaft für die gemeinsamen Treffen mit den Reileifzern zurücklegten, waren enorm.
So gab es gleich am zweiten Tag nach der Ankunft in Tokio mittags ein großes Wiedersehen mit der Reisegruppe, die 2008 unvergessliche Stunden in Reileifzen verlebte und damit den Grundstein für die seitdem kontinuierlich ausgebauten Kontakte legte. Im „Top of Tower“-Restaurant im 40. Stockwerk eines Hochhauses erschien fast die komplette Gesellschaft von damals, darunter auch der inzwischen 81-jährige ehemalige Botschafter Kimura. Aus allen Teilen Japans waren sie angereist – nur um einige Stunden mit den Reileifzern zu verbringen. Hier packte Reinhold Müller die große Reileifzen-Fahne aus, überreichte Bierkrüge, CDs und Landkreis-Teller aus Fürstenberger Porzellan. Mitgenommen haben sie unter anderem das Versprechen der Japaner, spätestens 2014 wieder nach Deutschland zu kommen – und zwar mindestens für zwei Tage auch nach Reileifzen.
Nach drei Stunden, so lange war das „Top of Tower“ gebucht, endete das Treffen abrupt – eine Sitte, an die sich die Reileifzer erst noch gewöhnen mussten. Allein gelassen wurden sie jedoch nicht: Ryoicho Tsu-shima, Vizepräsident der japanisch-deutschen Gesellschaft und eingefleischter Schalke-Fan, zeigte den Besuchern aus Deutschland ein kleines bisschen Tokio.
Die meiste Zeit allerdings war Professor Hashimoto ihr persönlicher Reiseführer – und, wie sich bald herausstellte, auch Türöffner. Am nächsten Tag nämlich erwartete er das Quartett in Toshigi. In der 80.000-Einwohner-Stadt wurde das traditionelle Herbstfest gefeiert. Die vier Reileifzer wurden vom Cheforganisator des Festes höchstpersönlich im traditionellen Kimono empfangen – und sogar zu sich nach Hause zu einer Teezeremonie eingeladen. Den Höhepunkt des Festes, eine farbenfrohe Show in alten Gewändern, durften sie sich von einem Logenplatz aus ansehen. Für Reinhold Müller allerdings war die Kahnfahrt mit „japanischem singenden Gondoliere“ fast noch beeindruckender: Der Teich war voller Karpfen – und die ließen sich sogar streicheln.
Als tolle Überraschung gab es dann auch noch ein Wiedersehen mit Chiemi und Haruka, die vor einem Jahr für mehrere Wochen als Praktikantinnen in Reileifzen weilten.
Am Abend ging es gleich weiter nach Utsonomiya, 180.000-Einwohner-Stadt und Wohnort von Professor Hashimoto. Hier wurden die Deutschen noch einmal von der japanisch-deutschen Gesellschaft empfangen. Diesmal von Konditormeister Eiji Ono. Nach einem kleinen Stadtrundgang führte er sie – welche Überraschung! – ins Hofbräuhaus! Da gab es nicht nur pausenlos Bilder aus Bayern auf einer Leinwand, sondern tatsächlich Bratwurst und Sauerkraut zu essen. Übrigens: Mit dem japanischen Bier konnten sich die Reileifzer ganz schnell anfreunden – es wird nämlich nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut.
Nach einem reichhaltigen Frühstück mit Rührei, Speck, Suppe und Sushi im Hotel am nächsten Morgen wurden die Gäste von ihrem neuen „Fan“ Ono samt Gefolge abgeholt: Mit drei Autos (für vier Gäste) ging es auf der Autobahn nach Nikko. Die „Sonnenschein-Stadt“ zählt mit ihrer gigantischen Tempelanlage zum Weltkulturerbe. Was es dort zu sehen gab, füllt gleich mehrere Seiten in Hoffmeisters Tagebuch. Zum Beispiel die berühmten drei Affen im „Stall der heiligen Pferde“, die von einem einarmigen Bildhauer geschaffene schlafende Katze, das Grabmal des ersten Shogun (zu dem 300 hohe Stufen führen) – oder die 700 Jahre alten Rotzedern auf dem Gelände. Alles dort ist „unvollkommen“, haben die Reileifzer behalten – denn Vollkommenes können nur die Götter erschaffen.
Und noch etwas haben sie sich selbstverständlich gemerkt: Wer einmal in Nikko war, darf sich „Herrlichkeit“ nennen! Diese vier Herrlichkeiten haben in der uralten Stadt aber sicher besonderen Eindruck hinterlassen: Mittags im Gasthaus stimmten sie gut gelaunt das Weserlied an!
Danach ging es weiter in die Berge zum Drachenwasserfall und zu den Schwefelquellen, wo man sich mit den Füßen im Wasser bei Tee und Kuchen etwas ausruhen konnte. Dennoch waren alle ziemlich „platt“ bei der Rückkehr. Der Tag war jedoch noch nicht zu Ende. Abends gab es noch einen Empfang der japanisch-deutschen Gesellschaft. Konditormeister Ono hatte sogar einen Baumkuchen gebacken. Die Reileifzer zeigten gute Kondition und sangen die bei ihren japanischen Freunden so beliebten deutschen Volkslieder. Noch einmal wurden Geschenke ausgetauscht, waren die Deutschen von der Herzlichkeit ihrer Gastgeber überwältigt und gerührt.
Am nächsten Tag folgte die Rückfahrt nach Tokio, wo die Vier schon wieder erwartet wurden: Diesmal von der jungem Truppe mit Kirschblüten-Prinzessin Rumi, die im Frühjahr 2010 in Reileifzen war. Die Studenten luden die „ehrwürdigen“ Herren in ein Kellerlokal im Vergnügungsviertel zum „Flat-rate-Essen“ ein: Zwei Stunden essen und drei Stunden trinken hatten sie für die Reileifzer „gebucht“.
Anschließend zog man gemeinsam noch ein wenig durch die Straßen. Wobei eines den Deutschen besonders auffiel: 90-jährige Greise an der Playstation in den zahllosen Spielotheken... Ein ebenso ungewohnter Anblick wie die Verbeugungen der Verkäuferinnen, die „vielen hübsch angezogenen Frauen“ (Originalton Reinhold Müller) auf Tokios Straßen oder die riesige Auswahl schwarzer Anzüge im Kaufhaus. „Japaner tragen schwarze Anzüge und leben unter der Erde“ hat Friedrich Hoffmeister – mit Blick auf Tokios U-Bahn – ironisch in seinem Tagebuch notiert.
Die letzte Nacht verbrachten die Vier in einem Hotel nahe am Flughafen – wie schon einige Abende zuvor in geselliger Runde beim Dosenbier (im Restaurant kostete ein Glas Bier stolze neun bis zehn Euro!). Noch einmal aßen sie mit Stäbchen, dann – nach mehrstündiger Verspätung – hob der Airbus 380 ab Richtung Heimat. Wehmütig blickten die vier „Herrlichkeiten“ zurück. Nur eines wird Reinhold Müller vorerst wohl nicht vermissen: Reis... (rei)

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