(28.04.07) Eine Trockensteinmauer ist viel mehr als nur ein echter Hingucker oder eine schnöde Grundstücksbegrenzung. Sie ist ein lebendiges Kunstwerk, das mit den Jahren immer schöner wird, ein wertvoller Lebensraum für Tiere und Pflanzen und ein ortsbildprägendes Kulturgut, das es verdient, erhalten zu werden. In Lüerdissen hat Frank Byram, ein in Nienover lebender Engländer, der in seiner Heimat das Setzen von Trockensteinmauern von der Pike auf gelernt hat, eine eingestürzte Trockensteinmauer in wochenlanger Handarbeit wieder aufgebaut. Und die Eigentümer sind glücklich. Frank Byram stammt aus der Nähe von Leeds in West York-shire. Schon als Sechsjähriger begleitete er seinen Vater, einen Dry Stone Waller, wenn der Stein auf Stein setzte. In England ist das Trockensteinmauern ein alter Traditionsberuf, der aus Zeiten stammt, als man Mauern zum Schutz gegen Tiere errichtete. Viele Mauern hat Frank Byram in seiner Heimat gebaut. Er ist Mitglied der West Yorkshire Dry Stone Walling Association, einer Trockensteinmaurergesellschaft. Sein Hobby zum Beruf gemacht hat der 45-Jährige erst vor wenigen Jahren in Deutschland. 1987 zog er nach Deutschland, heirate ein Jahr später seine deutsche Frau und arbeitete 14 Jahre lang als Altenpfleger. Als er merkte, dass Pflege im Minutentakt nicht sein Ding war, zog das Ehepaar nach England. „Doch ich bekam Heimweh nach Nienover”, sagt Byram, und so ging es retour in den Solling.
Von der Trockensteinmauergestaltung kann der Brite nicht leben. Da passt es gut, dass seine Frau als Lehrerin ein sicheres Einkommen nach Hause bringt. Frank Byram genießt es, draußen zu sein, Steine zu sortieren, zu bearbeiten, sie wie ein großes Puzzle zu einem großen Ganzen zusammenzufügen, wie in den letzten vier Wochen in Lüerdissen. Hier hatte sich eine Trockensteinmauer, vermutlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts errichtet, sie begrenzt das Grundstück eines Resthofes auf einer Seite, zunächst auf mehreren Metern geneigt. Beim Entfernen eines Baumes und diversen Wurzelwerks stürzte sie ein.
Die Eigentümer, Dr. Marion Schole und Werner Richter, wollten die Mauer wieder „trocken”, also ohne Vermörtelung, wieder aufbauen lassen - und stießen auf Unverständnis. Die Empfehlungen reichten von „Abriss” über „halb so hoch bauen mit großen Steinen” bis zu „Vermörteln mit Betongründung.” Doch Schole und Richter wollten „keine tote Mauer, sondern eine lebende mit ästhetischem und ökologischem Wert”. Die Suche nach einer Handwerkerfirma gestaltete sich schwierig. „Wir haben gezielt angefragt, keine bot Vergleichbares an. Zwei Firmen besichtigten die Mauer vor Ort, von keiner erhielten wir Rückmeldung oder einen Kostenvoranschlag.” Auch die Untere Naturschutzbehörde konnte keine Hilfestellung geben, das steinerne Kulturgut zu erhalten oder auch nur Kontakte zu knüpfen. Das fanden die Anfragenden enttäuschend. In einem Bioladen schließlich stießen die Lüerdisser zufällig auf einen Aushang von Frank Byrams Trockensteinmauerfirma „stonesense”. Und nach der ersten Kontaktaufnahme stand fest: Hier hatten sich zwei Parteien gefunden!
Beim Betrachten der Mauermeter möchte man meinen: Es gibt Dinge, die dauern unendlich lange… Doch hinter diesem Puzzle steckt Liebe zum Handwerk und zum Detail: Byram arbeitet mit bloßen Händen, ohne Handschuhe, um die Steine zu „erfühlen”. So „begreift” er die genaue Position eines jeden Steines millimetergenau, weiß, wie groß die Fugen und Hohlräume sind - späterer Lebensraum für Kleintiere wie Insekten und Eidechsen und Pflanzen, die mit wenig Wasser auskommen. Die Mauer, die hier entsteht, sind eigentlich drei Mauern in einer. Sie besteht aus den sichtbaren zwei Seiten, die Byram „bunt”, also im eleganten Wechsel zwischen großen und kleinen Steinen setzt, und der Halt gebenden Mittelschicht, die kein Kies und keine Erde enthält, sondern kleinere Steine, oft Bruchstücke. Die dicken Decksteinplatten liegen einfach oben auf.
Mörtel oder Zement sind verpönt, ein Betonfundament ist unnötig. Er erklärt: „Trockensteinmauern sind auch so stabil, solide, massiv und praktisch wartungsfrei. Sie werden mit der Zeit immer fester, sind wasserdurchlässig, speichern also kein Wasser. Frostschäden sind deshalb nicht zu befürchten. Ich gebe eine lebenslange Garantie - länger kann ich leider nicht. Aber meine Mauern halten garantiert 150 Jahre und länger.” Seine Lüerdisser Mauer aus rotem Sandstein entsteht zum Großteil aus den Steinen der alten Mauer, „neue” alte schließen die Lücken. Am liebsten arbeitet der 45-Jährige mit Steinen, „die 100 Jahre gelegen haben”. Zum Einsatz kommen auch eine Flex und englisches Spezialwerkzeug wie der gigantische Gummihammer, den Byram liebvoll „dicke Bertha” nennt. „Damit kann man auch zärtlich sein”, sagt er und lächelt. Ein kräftiger Schlag mit diesem „Mottek” rückt jedenfalls auch die dicksten aus der Kehr geratenen Mauersteine in Reih‘ und Glied zurück.
Anfangs verlacht, finden es nun plötzlich doch alle gut, dass die 40 Meter lange Grundstücksmauer als Trockenmauer und damit als regionaltypisches Kulturgut erhalten blieb. Frank Byram, der Dry Stone Waller, hatte oft Besuch bei seiner Arbeit, erntete anerkennende Blicke und Kommentare. Und Schole/Richter sind nun nicht mehr pauschal die „grünen Spinner”, die eine Abfindung in vierstelliger Höhe aus einem beruflichen Auslandsaufenthalt in eine Mauer investieren, die keine Rendite abwirft… (spe).







