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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Luftdicht, lichtdicht, säurefest: Ahrens leitet Kreisarchiv Holzminden

Holzminden (29.07.00). Fakten, Fakten, Fakten in Akten, Akten, Akten - 50 laufende Meter. Dazu so manches greifbar gewordene Stück Lokalgeschichte, jedes fein säuberlich registriert und kartiert, luftdicht, lichtdicht und säurefest archiviert in den Annalen des Landkreises Holzminden. Hier hat nur einer den Durchblick: Hermann Ahrens (46), seit 1993 Kreisarchivar, sieht an manchen Tagen kaum das Sonnenlicht. Ein Archivar arbeitet abgedunkelt, denn "das Licht zerfrisst alles"! Wenn er in den Katakomben des Kreishauses verschwindet, wird Lokalgeschichte haltbar gemacht für die Ewigkeit.

Er ist zu Haus in der Welt der Gesetze, Gemeindeordnungen, Fundstellennachweise. Schüler suchen seine Hilfe für Aufsätze und Arbeiten, Geschichtsschreiber und Heimatforscher, Namen wie Leiber, Kieckbusch und Creydt, Ernesti, Lilge und Hölscher, greifen auf Material des Kreisarchivs zurück. Und Hermann Ahrens kann ihnen ebenso helfen, wie den Kollegen aus den Ämtern im eigenen Haus, die immer wieder auf Recherche gehen müssen. Denn: "Ich weiß, was Logistik bedeutet", sagt Ahrens, 1985 von der Bundeswehr zum Landkreis gekommen.
Hermann Ahrens ist der Herr über Akten und Unterlagen mit einem Gesamtumfang von 50 Metern. Er verwahrt, behütet und beschützt kostbare Kirchenbücher, etwa eine Abschrift des "Corpus Bonorum" in Latein aus dem Jahre 1694, die "Gesetzessammlung königlich preussischer Staaten 1867 bis 1944" und die gültigen Bundesgesetzblätter, das Niedersächsische Gesetz- und Verordnungsblatt zum Beispiel, die Ministerialblätter und das Amtblatt des Regierungsbezirks Hannover - "höchster Specialbefehl" für die täglichen Verwaltungsgeschäfte. Ahrens ist der einzige, der hier wirklich den Durchblick hat.
Schließlich sammelt das Kreisarchiv alles, was gesellschaftlichspolitisch aussagekräftig ist, typisch für die jeweilige Zeit oder irgendwann einmal interessant sein könnte: Aktenvorgänge der Verwaltung, Bücher, Fotos, Wahl- und Veranstaltungsplakate, Parteiprogramme, Chroniken, Festschriften zu Vereins- oder Feuerwehrjubiläen, persönliche Schreiben und umfangreich es Kartenmaterial. Manches Exponat, das da aus dem staubigen Dunkel auftaucht, zwingt Jahrzehnte später fast zu einer humorvollen Betrachtung zu: Der Band "Überwachung der anarchistischen Bewegung" aus dem Jahr 1918 etwa. An der alten Kaiserfahne haben die Motten genagt, das Schild mit der Aufschrift "Herzogliches Standes-Amt", irgendwann um 1860, muss dringend restauriert werden.
"Schmuckstück" der Sammlung ist ein unscheinbarer Reisekoffer älteren Baujahres. Er enthält die 40.100 Unterschriften von Bürgern, die sich für den Erhalt des Landkreises Holzminden stark gemacht hatten. Die "Bürgerinitiative für den Erhalt des Landkreises Holzminden" überreichte ihn am 8. April 1975, also vor 25 Jahren, mit den Worten "Jetzt haben die Politiker das Wort" in Hannover ñ mit Erfolg, wie sich herausstellen sollte. Der so geschichts- wie symbolträchtige Koffer wurde 1994 im Tresor der Nord/LB entdeckt und wanderte ins Kreisarchiv.
Besondere Schätze birgt auch das 1999 übernommene Senator-Meyer-Archiv: Literatur, Fotos, OWD-Plakate, Geschirr von den Weserschiffen und die einst gebräuchlichen Stempel historischer OWD-Dampfer wie "Stör", "Stint", "Lachs", "Kaiser Wilhelm" und "Kronprinz Wilhelm". Weiterhin finden sich Dokumente seit Gründung des Landkreises 1833, Ort für Ort getrennt in dunklen, säurefesten Kartons aufbewahrt und griffbereit. Auf Karteikarten nach "Hauptgruppe", "Untergruppe" und "Sachgebiet" geordnet, ist das Gesuchte schnell gefunden. Selbst der OKD soll sich wundern, wie schnell das geht.
"Wir sind immer auf der Suche," sagt Ahrens, der bei seinem Arbeitgeber 1987 zunächst für die Registratur und Zentralregistratur abgestellt wurde. "Es hat mir damals schon sehr weh getan, dass sich niemand für die Archivierung zuständig gefühlt hat. Jedes Amt hat für sich archiviert oder die Akten vernichtet." Nach Inkrafttreten des Niedersächsischen Archivgesetzes bekam Ahrens die Leitung des Kreisarchives übertragen. Er besuchte einen Lehrgang zum "Führer eines Archivs", nimmt regelmäßig an der Tagung der Kreisarchivare teil und ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der Niedersächsischen Kommalarchive. Als Quereinsteiger arbeite er "nach archivarischen Grundsätzen" und sei "mit Leib und Seele dabei". Das Aufstöbern von Quellen, ihre Erforschung und Auswertung und schließlich Veröffentlichung sei nicht seine Aufgabe.
1991 zog das Archiv in die ehemaligen Katastrophenschutzräume im Keller des Kreishauses ein. Die meiste Zeit jedoch arbeitet Ahrens in seinem Büro im Erdgeschoss. 35 Meter Aktenbestand sind noch 1983 ins Staatsarchiv Wolfenbüttel abgegeben, viele Unterlagen bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg und nach einem Hochwasserschaden vernichtet worden. Noch immer kommt dem Leiter das Kreisarchiv wie ein "Stiefkind in der Verwaltung" vor. Es genieße auch in der Politik nicht den Stellenwert, der ihm gebühre.
Eine aktuelle und gleichsam beispielhafte Aufgabe ist die Sichtung von für die Region aussagefähigen Sozialhilfeakten von 1939 an, damit einen gläsernen Querschnitt der Bevölkerung zu ziehen. 3.000 Stück sind in den zurückliegenden Monaten ausgesondert worden. Auswählen und Abwägen ist demnach die hohe Kunst des Archivierens: "Nur zehn von 1.000 Akten werden archiviert", erklärt Hermann Ahrens. "Oberstes Gebot der Archivierung heißt, die Akten zu vernichten." Generalakten erlöschen 30 Jahre nach dem letzten Eintrag, Personalakten 100 Jahre nach der Geburt - natürlich gibt es Ausnahmen, wenn besonderes öffentliches Interesse an einem Erhalt vorliegt, oder nach Rücksprache mit OKD und Rechtsamt.
Ahrens möchte "nicht immer die selben Leute hier haben", vielmehr das gut sortierte Kreisarchiv auch Menschen zugänglich machen, die sich bislang nicht in seine Amtsstube verirrt haben. Ganz Dienstleister, sieht er seine Aufgabe darin, "das Archiv in seinem Dasein zu stärken, um andere Bereiche zu entlasten." Über das Internet für Nachfragen erreichbar zu sein, wird dabei künftig Standard sein. "Papier wird immer überflüssiger", weiß der Kreisarchivar, der die elektronische Archivierung in der Kreisverwaltung voran treibt. Und neumodernem Recyclingpapier - "Was sind schon 100 Jahre" - ist er gar nicht grün, macht sich Sorgen um dessen Haltbarkeit.
Schon bald, so die Hoffnung, könnten die Archive in Holzminden, Boffzen, Delligsen, Eschershausen, Bodenwerder und Stadtoldendorf untereinander vernetzt sein. Säurefeste, luftdichte Internet-Recherche wird dann das Blättern in vergilbtem Papier ersetzen. Wird dann der Staub der Jahrzehnte und Jahrhunderte endgültig aus den Archiven geblasen oder bleibt die Asservatenkammer der Geschichte dann für immer ungefegt? Unvorstellbar! Bis dahin gilt AhrensÕ Maxime: "Nummer - Karton - Akte - ist überhaupt kein Problem." (spe)

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Täglicher Anzeiger Holzminden

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