Dohnsen (26.04.03). Es sind die Farben. Die dunklen, fast aggressiven der Traumbilder, die frischen, dominierenden des Apfelzyklusses und jetzt die lebendigen, Frühling versprühenden Flächen, mit denen Anne Holefleisch sich selbst - und den Betrachter - gefangen nimmt. Sie drängen sich auf, verlangen Beachtung, überall in der alten Schuhcremefabrik in Dohnsen, in der die Künstlerin aus der Großstadt ihr zweites Zuhause gefunden hat. Ein Zuhause, das ganz der Kunst, der Malerei gewidmet ist. Hier gibt sich Anne Holefleisch auf, taucht ein in den Dialog mit dem Bild - tagelang. „Manchmal“, sagt sie, „habe ich dann das Gefühl, ich hab das Reden verlernt“.
Dabei bestimmt das Wort ihr anderes Leben, ihr Leben als Kostümbildnerin. In Frankfurt zum Beispiel, oder in Wien hat sie die Schauspieler verkleidet, die Kulissen gebaut und ihnen damit - wie des Königs neue Kleider - die Vision gegeben fürs überzeugende Spiel vor dem Publikum.
Über das Kostüm ist Anne Holefleisch auch zur Malerei gekommen. Hat schon als Kind aus Waschlappen Puppenkleider genäht. Und durch Baselitz. Den hat sie in Italien getroffen. „Irgendwann“, sagt sie jetzt und füttert ihren „Bullerjan“ mit Holzscheiten, „habe ich gemerkt, dass das Kostüm nur eine bedienende Form, die Kreativität damit sehr eingeschränkt ist“. Sie suchte nach neuen Ausdrucksformen. Die Begegnung mit Georg Baselitz, diesem anarchischen Künstler, der so viele Wege für sich ausgelotet hat, wurde zum Impuls: „Jetzt malst Du, um dich auszudrücken“.
Dafür braucht Anne Holefleisch viel Leinwand - und viel Farbe. Die meisten Arbeiten sind großformatig. Und ihr Pinselstrich ist raumgreifend. Doch selbst in ihrer düstersten, ihrer dunklen Phase, in der ihre „Traumbilder“ entstanden, spricht sie nicht von Wut und Angst, die sie zum Bild führte, sondern von Dynamik und Kraft. Dass sie zersetzend und erdrückend wirken kann, dessen ist sich Anne Holefleisch bewusst. Deshalb werden nicht alle ihre „Traumbilder“, die von Schmerz und Last sprechen, auch in Ausstellungen zu sehen sein.
„Die Leute meinen immer, dass es Alpträume sind und machen sich Sorgen um mich“, sagt Anne Holefleisch und greift sich den „Spinnenmann“, der gleich das Atelier beherrscht. „Dabei sind es energetische Träume“. Träume, in denen ihr die Bilder eingegeben werden, in denen sie durch eine Galerie oder ein Museum geht, die Bilder sieht, die sie nur noch malen muss. Anstrengende Träume, ebenso anstrengend, wie das Malen selbst, „das leider nicht so schnell geht wie das Träumen“.
Schon lange hat Anne Holefleisch nicht mehr träumen müssen, um zu malen. Die Zeit der Schreckensbilder hat sie - erst einmal - hinter sich gelassen. Gefolgt ist der Fischzyklus, dann das Apfelthema. Und eine neue Zeit ist hinzugekommen, die Zeit in Dohnsen, ihr zweites Leben, das sie mit ihrem Leben in Köln - ihrem Geburtsort - teilt. In Köln hat sie ein kleines Zimmer. In Dohnsen eine ganze Schuhcremefabrik, die heute noch davon spricht, was sich vor Jahrzehnten hier tat.
Die Farbspritzer an der Wand - sie sind für Anne Holefleisch Inspiration, vielleicht auch der Grund, warum sie den Weg beschritten hat, hin zur Auflösung der Form, hin zu starken Farben. Die alten Werktische und Bottiche - sie bieten die Bodenständigkeit, die die Kölnerin für sich entdeckt hat, weit entfernt von dieser anderen Welt, dieser Großstadthektik. Hier in Dohnsen findet sie die Ruhe, hier schöpft sie Kraft für ihre Kreativität, die sich in einer lebendigen, mitreißenden Farbigkeit ausdrückt.
Vor fünf Jahren hat Anne Holefleisch die Schuhcremefabrik für sich entdeckt. „Durch liebe, alte Freunde, die in Dohnsen vor 18 Jahren ein Fachwerkhaus gekauft haben“. Die Schuhcremefabrik - das war Liebe auf den ersten Blick. Eine Liebe, der sich die Künstlerin Schritt für Schritt näherte - und die auch heute noch wächst, sich entwickeln muss. Das Haus, in dem heute Kunst gemacht wird, in dem Anne Holefleisch noch viele Ideen verwirklichen möchte, ist noch lange nicht fertig.
Und auch für sich selbst weiß Anne Holefleisch, dass sie nicht fertig ist, im „permanenten Risiko lebt“, weil sie immer wieder neue Wege geht. Dem Dialog mit dem Bild stellt sie das Gespräch mit den Menschen gegenüber. Ihre neue Phase - neben der Auflösung der Form, dem Drang zu starken Farben - beinhaltet auch eine neue berufliche Ausrichtung: Sie absolviert zurzeit eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und Osteopathin in Neuss, schwärmt von der Verbindung Malerei und Körperarbeit. „Es ist eine wunderschöne Art, Menschen zu helfen, Blockaden im Körper zu lösen“, und für Anne Holefleisch eine weitere Herausforderung, der sie bestimmt auch künstlerisch begegnen wird. (bs)