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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Mit Biss ins Ziel

Neuhaus (17.01.11) Was einer Mountainbikerin während eines Rennens im Hochsolling durch den Kopf geht!
Schon seit Tagen kreisen meine Gedanken: Habe ich genug Kohlenhydrate gegessen, genug getrunken? Ausreichend Schlaf gehabt, genug trainiert? Ist das Fahrrad in Ordnung? Wie wird das Wetter, was ziehe ich an?
Sonntagmorgen 6 Uhr - aufstehen; gut frühstücken, aber nicht zu viel, sonst wird mir übel. Alles parat: Riegel für unterwegs, Camel Bag voll? Ich bin nervös, gleich geht's los. Es hat die Nacht geregnet; dann ist die Route schwerer zu fahren. Warum ist nicht mal schönes Wetter?

Schnell ins Pedal klicken, und los geht's die Eichenallee hinauf. Der Puls steigt; Aufregung und immer noch rauf. Endlich - geschafft, und gleich die rasante Abfahrt auf Schotter. Nicht in der Kurve am Ende wegrutschen. Wieder eine Steigung und gleich der erste Single-Trail: Viel Schlamm, Steine und Äste unterm Gras, die man nicht sieht. Bloß aufpassen. Mist, Regentropfen auf der Brille, und beschlagen ist sie, weil ich schwitze. Ich seh nicht deutlich, also Brille lieber abnehmen. Fast unmöglich, in der Passage die Hände vom Lenker zu nehmen. Ich häng die Brille ins Trikot. Ganz schön glitschig dieser Weg.
Geschafft - und Brille verloren. Verdammt, hab sie erst vor drei Wochen gekauft. Jetzt geht's geradeaus, ich kann erst mal in die Pedale treten. Vom Vordermann spritzen mir Dreck und Steinchen ins Gesicht - und das ohne Brille!
Ich muss dran vorbei, Blinker links und ab. Achtung Kräfte einteilen, du hast noch das Schlimmste vor dir!
Und schon der nächste Single-Trail: sehr schlammig, wieder äußerste Vorsicht. Einmal unachtsam und ich rutsch' weg, fliege hin. Das kostet Zeit, ich gefährde die Anderen und kann mir selbst den Hals brechen. (Wie letztes Jahr, da war's das Sprunggelenk.) Puh, ich bin durch, und wieder geht's rauf. Dieses Stück kostet Kraft, schwerer Boden, Schlamm, dann Gras, sehr glitschig, ausgefahrene Treckerspuren und nasse Baumwurzeln. Die hasse ich. Bloß nicht wegrutschen, am Berg kommst du nicht wieder in Gang.
Blick auf den Tacho: Erst acht Kilometer, also noch 45 vor mir. Die Luft ist ziemlich schwül, ich keuche. Fahre schon 'ne gute halbe Stunde, eigentlich hab' ich mich nun eingefahren. Heute fällt's mir so schwer. Warum? Hab ich vielleicht doch ein bisschen wenig Luft auf dem Hinterrad? Kriege ich einen Platten? Oh Gott, das wäre fatal. Ich und den Schlauch wechseln, da kann ich gleich schieben.
Es geht wieder bergab, aufpassen, keine Zeit mehr, auf den Reifen zu achten. Kurze Abfahrt und wieder rauf, kurzer Single-Trail, nun raus aus dem Wald. Gleich kommt der steile Aufstieg in der Wiese. Ist es eigentlich gut, dass ich die Strecke kenne? Ich weiß genau, was mir noch bevorsteht. Oder wäre es besser, ich fahre, wie es kommt? Noch 38 Kilometer...
Das nasse Gras, verdammt schwer, kleinen Gang rein und treten, treten, treten. Gut, dass ich mich so motivieren kann. Noch 10, 9 , 8... Geschafft. Und gleich steil runter, und die Wiese ist immer noch nass. Mist, zu scharf gebremst. Ich rutsche weg und hau mit dem Knie unter den Lenker. Schnell wieder drauf aufs Rad. Das Knie schmerzt. Egal, jetzt kommt eine meiner Lieblingsstrecken. Schöne Steigung, erst Teer, dann ein Grasweg. Jetzt aufpassen: Rolf hat uns gestern abend noch gewarnt. Ein Landwirt hat Tonscherben in die Fahrrinnen gekippt.
Bin durch. Jetzt ein langer Anstieg, die mag ich, obwohl's mir heute merklich schwerer fällt. Muss doch an der schwülen Luft liegen. Ich kann den ein und anderen überholen. Das Feld hat sich ganz schön auseinander gezogen. Blick auf den Tacho: Gut 30 Kilometer hinter mir, die Zeit ist okay. Gleich kommt eine lange Abfahrt, ein bisschen Zeit zum Verschnaufen. Großes Blatt drauf, und ab die Post. Es fängt stärker an zu regnen. Ohne Brille, alles in die Augen! Kein Fahrer weit und breit. Ich könnte noch schön im Bett liegen und schlafen. Warum quäle ich mich hier?
Donnershagen, wunderschöner Anstieg. Kommt mir immer vor wie in Bayern. Und nun der lange Grasweg, vor zwei Wochen noch trocken, gut zu fahren. Jetzt schon 100 Fahrspuren vor mir im Matsch, kostet Kraft.
Noch gut 15 Kilometer... Die letzte lange Steigung, ziemlich lang, nimmt kein Ende. Ich denke mal wieder ans Spinning. Motivieren: "Ihr schafft es, Du schaffst es!" Morgen habe ich Kurs, hoffentlich bin ich da nicht so schlapp. Ich bin oben. Jetzt geht's mir besser. Ich spüre Kraftreserven, wirkt jetzt das Power-Gel? Ich überhole. Den nächsten schaffe ich auch und noch einen. Geil! Jetzt fahr ich richtig gut, mache Kette. Ich will unter drei Stunden fahren, könnte klappen. Da vorn ist Jürgen, er hat mich schon eher erwartet, sagt er. Ich fahr vorbei.
Nun nur noch Silberborn, der ätzend steile Aufstieg auf den letzten fünf Kilometern. Es klappt gut. Was ist das? Verdammt, ein Krampf, linker Oberschenkel. Oh Mann, ich muss vom Rad. Ich will weiter, das Ziel ist so nahe. Zähne zusammen und Berg hoch schieben mit steifem Bein. Bisschen massieren, ich versuch's, wieder drauf auf den Bock. Gott sei Dank, es geht einigermaßen.
Jürgen überholt mich wieder. Jetzt noch zwei Schlammpassagen, noch mal die letzten Kraftreserven. Himmel, schon wieder ein Krampf, jetzt rechter Oberschenkel. Was ist das? Habe ich noch nie gehabt. Zu wenig getrunken, zuviel geschwitzt, es war heiß die letzten Tage.
Egal, ich will ins Ziel! Nochmal schieben, massieren, fahren, schieben. Jürgen stürzt da vorn, steht wieder auf, fährt weiter. Endlich raus aus dem Matsch. Nur noch bergab, Neuhaus in Sicht. Mist, ich kann einfach nicht mehr treten, krieg das Bein nicht mehr hoch. Muss laufen lassen. Verdammt, nun schaff ich meine Zeit nicht.
Zielgerade. Jetzt kommt der Kick. Bin da. Drei Stunden, vier Minuten. Gute Zeit, bin zufrieden. Die vier Minuten, na ja. Nächstes Jahr schaff ich's garantiert...(Ch. Peinecke).

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