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Fähre

Bevern (171009). Schmuckkästchen, Nähtischchen, Biedermeierkommode, Renaissanceschrank, Sekretär, Schachspiel, Truhe – der 86-Jährige hat im Laufe seines Lebens eine Vielzahl an einzigartigen Möbelstücken angefertigt. Einige Kostbarkeiten schmücken heute das Häuschen von Gerda und Karl Reinecker in der Sollingbreite in Bevern. Fein säuberlich dokumentiert und bildlich festgehalten führt Reinecker Buch über seine Schätze; Ordner um Ordner reihen sich in Reineckers 2,12 Meter hohem Renaissanceschrank im Wohnzimmer. es Arbeitsunfalls an den Rollstuhl gebunden. Es schmerzt ihn, seiner Leidenschaft, der Intarsienarbeit, heute nicht mehr nachgehen zu können. Aber wenn er von seiner aktiven Schaffensperiode berichtet, dann breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
Die Liebe zu seinem Beruf zieht sich wie ein roter Faden durch Karl Reineckers Leben. Die Tischlerarbeit bot ihm Halt in der Fremde, mit Leidenschaft und Hingabe widmete er sich neben der Tischlertätigkeit in der Möbelfabrik Richard Koschel in Holzminden dem kunstvollen Handwerk auch in seiner Freizeit. Reinecker fertigte kleine Schmuckschatullen für seine Ehefrau Gerda oder Uhren für die Nachbarn und Freunde. Im Jahre 1963 erhielt Karl Reinecker seinen Meistertitel, ein Meister in seinem Fach war er jedoch schon vorher.
Karl Reinecker wurde am 2. November 1923 in Gumbinnen, Ostpreußen, geboren. In den Kriegsjahren diente der gelernte Tischler als Funker in Russland, Rumänien, Ungarn und Österreich. Ein Zurück gab es für Karl Reinecker nicht; Ostpreußen war verloren und seine Eltern auch – Gott weiß wo!
„Bekannt war mir nur, dass meine Tante Alwine Melang im Pfarramt in Bevern wohnte“, erklärt Reinecker. Und so gab er sich als Beveraner Landwirt aus. Dank dieser Lüge gewährten ihm die Amerikaner die Heimreise nach Bevern. Der Zufall führte ihn zurück zu seiner Mutter, die in der Bäckerei Schütte tätig war.
„Mit der Reichsmarkumstellung im Jahr 1948 verlor ich meine Arbeit“, berichtet Reinecker. „Das öffnete mir jedoch völlig neue Türen“, so Reinecker weiter. Glückliche Umstände führten den jungen Tischler in die Firma Dragoco. Leidenschaft traf Leidenschaft! Carl Wilhelm Gerberding war bekennender Antiqutätenliebhaber und unterstützte die Fähigkeiten von Karl Reinecker. Tischlerarbeiten von der Stange waren nicht mehr – Reinecker schuf Unikate! Die alte Eichentür der Gerberdingschen Villa ist nur eines seiner Kunstwerke. Der Maestro wuchs mit seinen Aufgaben, die ausgefallenen Wünsche und anspruchsvollen Herausforderungen motivierten ihn nur noch mehr. In stundenlanger, konzentrierter Arbeit entwarf, schnitzte und drechselte Reinecker seine Möbel. Der Kirschbaum aus dem Garten oder der Nussbaum aus dem Wald dienten ihm als farbliche Nuancen, die auffälligen Muster oder Szenen zu gestalten. „An dem Sekretär, der die Flucht meiner Ahnen aus Ostpreußen widerspiegelt, habe ich etwa ein halbes Jahr gearbeitet“, sagt der Tischler stolz. „Von der Idee bis zum Drechseln der Sekretärsbeine, ich habe alles selbst gemacht.“ Neben Essig-, Kirsch- und Nussbaumholz verarbeitete er auch Mahagoni und Elfenbein. Der Wert der Stücke liegt zum einen im verwendeten Material, vielmehr jedoch in der mühevollen Kleinarbeit, die Reinecker verwendete, um in filigraner Millimeterarbeit Holzstückchen für Holzstückchen zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzusetzen.
Heute ist der Frührentner nicht mehr im Stande, seiner außergewöhnlichen Gabe nachzugehen, was ihm sichtlich schwer fällt. Statt dessen betreibt er jetzt Ahnenforschung und malt mit ebenso großer Hingabe detailgetreue Karten nach. „Denn mit unseren Gedanken und Taten formen wir unser Leben“, erkennt Karl Reinecker. (dp)

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