Kreis Holzminden (14.06.03). Das Holzmindener Schützenfest, die alte Windmühle in Fürstenberg, die Vereinigung von Holzminden und Altendorf und Zitate von Wilhelm Raabe. Sie alle haben etwas gemeinsam, was einmal die Not der Menschen lindern sollte und heute begehrtes Sammlerobjekt ist: das Notgeld im Landkreis Holzminden aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gehörten zu den schlimmsten in Deutschland. Hunger, Elend und Not bestimmten die Zeit vor 80 Jahren. Die Menschen hatten keine Arbeit und litten unter den Folgen des Krieges. Das Geld war nichts mehr wert und wurde zur echten Mangelware.
Um wenigstens den Menschen Zahlungsmittel an die Hand zu geben, wurde nach dem Ersten Weltkrieg so genanntes Notgeld herausgegeben. „Kriegsplatzanweisungen“ nannte man dieses Ersatzgeld im damaligen Amtsdeutsch. Schon ein Jahr später zogen die Verwaltungen das Ersatzgeld wieder ein. In Holzminden hatte das Notgeld einen Nennwert von 140.000 Mark, das dann nach Einzug der Scheine für 400 Mark an einen Generalkonsul Rottmann in Bremen verkauft wurde. Auch in den anderen Gemeinden des Landkreises gaben die Verwaltungen zunächst Scheine mit einfachen Motiven heraus. In Bodenwerder beschränkte man sich beispielsweise auf einen offiziellen Stempel plus Schriftzug und auch in den anderen Gemeinden beschränkte man sich auf funktionsorientierte Scheine mit einfachen Grafiken.
Als zwei Jahre später die Wirtschaft in Deutschland weiter erlahmte und durch die Kriegsentschädigungen noch weiter gedrückt wurde, wurde zum zweiten Mal in der noch jungen Weimarer Republik Notgeld herausgegeben. Dabei machte Holzminden weit über die Grenzen des Weserberglands hinaus von sich reden. Im Oktober 1921 war eigentlich die Braunschweigische Staatsbank für die Herausgabe des Notgeldes zuständig, was man in Holzminden jedoch wegen der Motivwahl kritisch beäugte. Zwar spiegelten sich auf den Scheinen Ansichten aus Braunschweig, Blankenburg und Bad Harzburg wieder, doch das Weserbergland mit Holzminden fand keine Beachtung. Denn das Notgeld wurde damals nicht nur als Ersatzzahlungsmittel, sondern auch als Reklameträger gesehen.
Der damalige Holzmindener Bürgermeister Albert Jeep beschloss mit seinen Ratskollegen, dass Holzminden einfach eigenes Notgeld herausgibt. Diese Scheine, die von dem Holzmindener Kunstlehrer Curt Sauermilch entworfen wurden, trugen heimatnahe und leicht ironische Bilder. In einer vierteiligen Serie wird etwa frei nach Goethes „Erlkönig“ die Vereinigung zwischen Altendorf und Holzminden thematisiert: „Und bist Du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt.“ Auch die Holzmindener Schützen oder Stadtansichten finden sich auf den Scheinen wieder. Zunächst blieb das „eigene“ Holzmindener Geld von der Staatsregierung in Braunschweig unbeachtet, bis ein Holzmindener Bürgermeister Jeep wegen seines münzpolitischen Alleingangs anzeigte. Glücklicherweise fiel in diese Zeit eine allgemeine Amnestie, so dass es das braunschweigische Innenministerium bei einer Ermahnung des Bürgermeisters beließ. Dass die Holzmindener Notgeld-Scheine ein wirksamer Werbeträger für Holzminden waren, zeigte sich Jahre später daran, dass sie als Souvenirs auf den Schiffen der OWD verkauft wurden.
In Eschershausen wählte man natürlich Motive, die an den großen Sohn der Stadt erinnern sollten. Deswegen wurde der damalige Vorsitzende der Raabegesellschaft, Oberschulrat Professor Wilhelm Brandes, gebeten, passende Zitate von Wilhelm Raabe zusammenzustellen, die auf dem Notgeld verewigt werden sollten. Allerdings erwies sich Professor Brandes als nicht ganz „sattelfest“ in Sachen Raabe, denn als die Produktion der Eschershäuser Schein schon begonnen hatte, fiel auf, dass er sich sich bei den Raabeweisheiten geirrt hatte. Deshalb mussten die Maler Schultz und Jüttner ein zweites Mal mit der Zeichnung der Raabe-Schein beginnen. Die Stadt Eschershausen hatte im Januar 1992 für 100 Millionen Mark Notgeldscheine drucken lassen. Im Juli 1922 wurde es schon wieder für ungültig erklärt und danach wie viele andere Notgeldscheine zu beliebten Sammlerobjekten.
Im Archiv des Landkreises Holzminden sorgt sich Hermann Ahrens darum, dass diese bunte Hinterlassenschaft der 20er Jahre nicht in Vergessenheit gerät. Er hat in den vergangenen Jahren aus allen Gemeinden des Landkreises Notgeld zusammengetragen und ihre Entstehung recherchiert. Zurzeit bereitet der Kreisarchivar eine Broschüre vor, in der die Geschichte des Notgeldes dokumentiert werden soll. Für ihn sind diese Scheine „schöne Schätze“ aus einer harten Zeit. (fhm)