Holzminden (08.08.09). Sie hat den Täglichen Anzeiger Holzminden durch schwere Zeiten geführt, dem Landkreis Holzminden eine wichtige, eine bedeutsame Stimme gegeben. Sie hat immer den Menschen im Mitarbeiter gesehen und Emanzipation gelebt, als dieser Begriff noch gar nicht geprägt war. Erna Hüpke, die Frau an der Spitze des TAH, wäre am 5. August 100 Jahre alt geworden.
„Ein Kapitel Zeitungsgeschichte schließt sich,“ hatte der TAH im Oktober 1996 getitelt. 87-jährig war Erna Hüpke in der Nacht zum 21. Oktober gestorben. Es war ein gewichtiges Zeitungskapitel, das die aktive Unternehmerin Erna Hüpke geschrieben hat: Die Unterdrückung der freien Presse im Nazi-Regime spiegelte sich darin ebenso wider wie der zielstrebige Wiederaufbau des Familien-Unternehmens nach dem Zweiten Weltkrieg und der Schritt in die von der modernen Technologie geprägte Zeitungs-Zukunft, für den die Verlegerin 1986 in der Bülte in Holzminden einen wichtigen Grundstein legen konnte.
Neun Millionen Euro für ein neues Druck- und Verlagszentrum
Für neun Millionen Euro entstand damals im Gewerbegebiet ein modernes Druck- und Verlagszentrum, in dem auch heute noch Täglicher Anzeiger, Schaufenster, Weg & Fähre und der Weserbote am Samstag gedruckt werden, in dem mehr als 40 Mitarbeiter und 230 Zusteller einen sicheren Arbeitsplatz finden und in den die Familie Hüpke-Mahnkopf weiterhin zukunftsgerichtet investiert: Für 2,2 Millionen Euro wird im Verlagsgebäude gerade eine neue Druckmaschine installiert.
Erna Hüpke hätte diese Entscheidung, den Druckstandort und damit den Verlag zu stärken, sehr gefreut. Ebenso wie es sie damals gefreut hat, dass nach ihrem Schwiegersohn Kuno Mahnkopf mit Constanze Mahnkopf, ihrer Enkeltochter, wieder eine Frau an der Spitze des Täglichen Anzeigers steht, die sich ebenso wie ihre „Oma“ den Menschen in der Region verbunden und verpflichtet fühlt.
„Erna Hüpke ließ die Zeitung zu ihrem Lebensinhalt werden“, schrieb der Tägliche Anzeiger vor 20 Jahren, zum 80. Geburtstag der engagierten Verlegerin, die für sich selbst eigentlich einen ganz anderen Weg gewählt hatte. Die Tochter eines Höxteraner Studienrates hat als junge Frau bereits gelebt, was später mit der Emanzipation einen Namen finden sollte: Als einzige Protestantin besuchte Erna Hüpke die katholische Klosterschule Brede in Brakel. Für die junge Frau war es damals die einzige Möglichkeit, das Abitur zu erlangen. Erna Hüpke wollte, wie ihr Vater, ins Lehramt. Deshalb studierte sie Germanistik und Romanistik in Göttingen und Heidelberg. Ihren Traumberuf aber übte Erna Hüpke nur kurze Zeit aus.
1935 heiratete sie den Holzmindener Zeitungsverleger Hansjoachim Hüpke. Sie gab ihm das Ja-Wort in einer schweren Zeit. Denn der Holzmindener Zeitungsverleger wollte sich nicht auf die Linie der neuen Machthaber einschwören lassen. Das hatte Folgen für die Verlegerfamilie. Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ist dem TAH die Amtsblatt-Eigenschaft aberkannt worden. Doch damit nicht genug: Hansjoachim Hüpke wurde – in seinem eigenen Haus – die Schriftleiterqualifikation entzogen. Der Tägliche Anzeiger Holzminden, der zu dieser Zeit erschien, trug nicht seine Handschrift.
Als zu Kriegsbeginn nicht nur Hansjoachim Hüpke, sondern fast alle maßgeblichen Mitarbeiter von Verlag und Redaktion an die Front geschickt wurden, übernahm Erna Hüpke die schwere Verantwortung, für Zeitung und Mitarbeiter einzustehen. Verhindern konnte aber auch sie nicht, dass der TAH 1943 endgültig beschlagnahmt und mit der damaligen Niedersächsischen Tageszeitung verschmolzen wurde.
Die Zeitung, die bis zum Kriegsende auf der Rotation der Verlegerfamilie Hüpke gedruckt wurde, trug zwar noch den Namen Täglicher Anzeiger Holzminden, doch von Selbstständigkeit und Unabhängigkeit konnte in den Jahren des Dritten Reiches keine Rede sein. Die Direktiven kamen von oben. Damit war, nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes, der TAH eine belastete Zeitung. Von 1945 bis 1949 mussten die Rotationsmaschinen des Druck- und Verlagshauses Hüpke & Sohn pausieren, wenn nicht der Landvolkbote gedruckt oder norwegische und britische Soldatenzeitungen produziert wurden.
Erna Hüpke aber biss sich durch. Um den Mitarbeitern Lohn und Brot zu sichern, den Verlag zu stabilisieren, konzentrierte sie sich auf die Herausgabe von Büchern. Werke von Dr. Konrad Beste, Wilhelm Raabe, Heinrich Sohnrey und anderen Heimatschriftstellern erschienen in dem kleinen Holzmindener Weserland-Verlag, für den Erna Hüpke die Lizenz besaß.
Vier Jahre lang musste der TAH schweigen, eine Zeit, in der nur erscheinen durfte, wer eine Lizenz der Besatzungsmächte besaß. Am 1. November 1949 wurde diese Reglementierung aufgehoben – und der TAH lebte, wie andere Lokalzeitungen auch, wieder auf. Mit der unerschrockenen Verlegerin Erna Hüpke an der Spitze. Denn ihr Mann Hansjoachim Hüpke war schwer verwundet aus dem Krieg zurückgekehrt. Den Weg zurück in die Verlagsleitung schaffte der gebrochene Mann nicht mehr. Er starb 1960. Erna Hüpke meisterte auch diesen Schicksalsschlag, ja, sie reifte daran, bewies unternehmerische Weitsicht und den Mut zu Entscheidungen. Unter ihrer umsichtigen Leitung wurde die Zeitungsproduktion modernisiert, die Druckerei ausgebaut. Und als sie sich endlich aus dem täglichen Zeitungsgeschäft zurückziehen und die Leitung des gesunden mittelständischen Unternehmens in die Hände ihres Schwiegersohnes, Kuno Mahnkopf, legen konnte, blieb ihr Interesse am Geschehen in Zeitung und Verlag wach. Ganz selbstverständlich suchte Erna Hüpke, so lange es ihre Gesundheit zuließ, den Kontakt zu den Mitarbeitern, gratulierte persönlich zu Jubiläen, verabschiedete selbst langjährige Betriebsangehörige. Und ganz selbstverständlich verfolgte sie, die Verfechterin der freien Rede, die Nachrichten über ihren Landkreis in ihrer Zeitung, die nach ihrem Wunsch auch heute noch umfassend informiert und beherzt kommentiert. (bs)

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