Das erste Mal war es 1764, als die Braunschweigischen Generallandesvermessung die Rühler Schweiz in ihren Ausmaßen erfasste und eine Karte erstellte. 243 Jahre später wird wieder gemessen, diesmal aber mit modernster Technologie. Anlass der aufwändigen Aktion ist das Flurbereinigungsverfahren zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Infrastruktur in Rühle. Höhenunterschiede von bis zu 300 Metern zwischen der Weser und den Ausläufern des Voglers prägen diese einmalige Landschaft der Rühler Schweiz, die von der in Richtung Golmbach serpentinenartig verlaufenden Landesstraße bewundert werden kann. Andererseits bedeutet das bewegte Gelände aber auch erschwerte Bedingungen für die Landwirtschaft. So betreiben hier die Rühler Landwirte überwiegend Weidewirtschaft auf kleineren Parzellen.
Mit dem Flurbereinigungsverfahren, das im vergangenen Jahr vom Amt für Landentwicklung der Behörde für Geoinformation, Landentwicklung und Liegenschaften (GLL) Hannover eingeleitet wurde, sollen nicht nur die Situationen der Landwirtschaft verbessert, sondern auch Nutzungskonflikte mit Naturschutz und Wasserschutz entzerrt werden. Dabei wird auch das Liegenschaftskataster von Grund auf erneuert.
Bei der im Jahr 1764 durchgeführten Braunschweigischen Generallandesvermessung wurden die damals üblichen Verfahren eingesetzt. So kamen beispielsweise Messketten zum Einsatz, bei denen Entfernungen an aneinander gereihten Eisenstäben und -ringen abgelesen wurden. Die ermittelten Vermessungsergebnisse wurden in Karten im Maßstab 1:4000 dargestellt.
Die besonderen topographischen Geländeformen sind ein Grund dafür, dass eine Neuvermessung der Gemarkung Rühle bisher nicht statt fand. So hat es in Rühle nie Separationsvermessungen zur Neustrukturierung der landwirtschaftlichen Flächen gegeben, wie sie in anderen Bereichen des ehemaligen Herzogtums Braunschweig in den Jahren von 1845 bis 1962 durchgeführt wurden. Zudem wurden im Laufe der fast zweieinhalb Jahrhunderte neue Feldwege angelegt und Flächen getauscht, ohne diese Veränderungen vermessungstechnisch oder eigentumsrechtlich nachzuführen.
Jetzt wird das Flurbereinigungsgebiet vom Katasteramt Holzminden der GLL Hameln neu vermessen. Dazu werden Vermessungsingenieur Hermann Kumlehn zusammen mit seinem Mitarbeiter Jürgen Balke die gesamte Gebietsgrenze neu feststellen und das komplette Wege- und Gewässernetz sowie Hecken und weitere aus Naturschutzsicht bedeutsame Topografie erfassen. Dazu werden zunächst so genannte Anschlusspunkte mit dem Satelliten-Positionierungsdienst SAPOS bestimmt. Mit einem hochpräzisen GPS-Empfänger werden die Daten von mindestens fünf Satelliten ausgewertet, die die Erde in einem Abstand von 20.200 Kilometern umkreisen. Gleichzeitig werden per Handy Korrekturdaten der benachbarten GPS-Permanentstationen in Alfeld, Hameln und Boffzen von der SAPOS-Zentrale aus Hannover übermittelt, um im Felde sofort Koordinaten mit einer Genauigkeit von zehn bis 20 Millimetern zu erhalten.
Aber wie in den vergangenen Jahrhunderten, verlangt die Rühler Schweiz den Vermessungsspezialisten von heute ein hohes Maß an Geschicklichkeit ab. In einigen Gebieten steht kein Handy-Netzempfang zur Verfügung, in anderen tief eingeschnittenen Tälern mit hohem Baumbestand reicht die Anzahl der Satelliten nicht aus, um die GPS-Signale störungsfrei verarbeiten zu können.
„Wo das GPS-Verfahren nicht einsatzfähig ist, wird mit modernen elektronischen Tachymetern gemessen. Die Kombination aus beiden Messmethoden ist heute das ideale Vermessungsverfahren“, betont Bernd Hotopp, der als Teamleiter beim Katasteramt Holzminden für die Koordination der Vermessungsarbeiten verantwortlich ist. Mit einem Tachymeter können in Sekundenschnelle Strecken und Winkel über einige hundert Meter mit einer Genauigkeit von wenigen Millimetern gemessen werden. Allerdings müssen die zu erfassenden Objekte erst aufgesucht werden und das wird vor allen Dingen bei schwer zugänglichem Gelände oder nassem Wetter nur zu Fuß möglich sein.
„Das Flurbereinigungsverfahren Rühle ist in zwei Gebiete aufgeteilt. Der nördliche Teil erstreckt sich vom Rühler Campingplatz bis zum Ortsrand von Bodenwerder und umfasst 175 Hektar. Südlich der Rühler Ortslage ist eine Fläche von 520 Hektar einbezogen“, betont Projektleiter Edgar Bäkermann vom Amt für Landentwicklung.
Parallel zu den Vermessungsarbeiten werden im Frühjahr die Bodenverhältnisse der landwirtschaftlichen Nutzflächen neu bewertet, denn die letzte Bodenschätzung liegt bereits 60 Jahre zurück. Der amtliche landwirtschaftliche Sachverständige Burkhard Schütte vom Finanzamt Holzminden wird zusammen mit Schätzungstechniker Wilfried Budde die Angaben zur Bodenqualität überprüfen und gegebenenfalls neue Ergebnisse der amtlichen Bodenschätzung festlegen.
Im Zuge des Verfahrens sollen vorhandene Wege zur Erhöhung der Tragfähigkeit erneuert und einige Wege neu gebaut werden, um die abgelegenen Parzellen besser erreichen zu können. Die Wegebaumaßnahmen werden rund die Hälfte des Budgets der Flurbereinigung ausmachen. Auf knapp 1,5 Millionen Euro sind die Gesamtkosten geschätzt, die auch durch EU-Mittel gefördert werden. Nach der Vermessung des Wege- und Gewässernetzes sollen die Verhandlungen mit den Eigentümern zur Neueinteilung der Grundstücke geführt werden. „Bis die neuen Eigentumsverhältnisse festgeschrieben sind, werden mindestens noch zehn Jahre vergehen“, so die Projektbetreuerin Astrid Heinrich (hot).







