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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Nazis bereiten Machtergreifung mit organisierter Propaganda vor

1932 stellte sich der 85-jährige Paul von Hindenburg zur Wiederwahl als Reichspräsident. Gegenkandidat war Hitler.

Kreis Holzmidnen (09.02.2008). Vor 75 Jahren hatten es die Nazis geschafft. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum neuen Reichskanzler. Mit dem Tag der Machtergreifung begann die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland, die schließlich zum Weltkrieg und zu über 55 Millionen Toten führte. Doch bevor die NSDAP in Deutschland die Macht übernahm, bedienten sich die Braunhemden konzentrierter Propaganda- und Wahlkampfaktionen, um die Menschen für sich zu gewinnen. Diese Aktionen nutzen die NSDAPler auch, um ihre Gegner einzuschüchtern und zu bekämpfen. Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale, Freidenker, Bürgerliche, Juden und Christen bekamen von Anfang an den Hass und die tödliche Verfolgung der braunen Verbrecher zu spüren. (fhm) Neben Thüringen war der Freistaat Braunschweig als zweiter deutscher Staat schon vor der Machtergreifung in der Hand der NSDAP. Ministerpräsident Werner Küchenthal (DNVP) bildete 1930 zusammen mit den Abgeordneten der NSDAP eine Koalition. Anton Franzen (NSDAP) wurde als Finanzminister in das Landeskabinett berufen. Von Anfang an nutzten die Nazis als Regierungspartei die staatlichen Mittel, um Andersdenkende, Gegner und ihre Feinde zu verfolgen. Immer wieder wurden Zeitungen verboten, Menschen verhaftet und das Recht missachtet. Die bürgerlichen Parteien spielten schon 1931 und 1932 keine Rolle mehr.
Am 25. Februar 1932 ebnete die DNVP/NSDAP-Landesregierung Braunschweigs dem bis dahin staatenlosen Adolf Hitler den Weg nach Berlin. Er wurde zum Regierungsrat bei der Braunschweiger Gesandtschaft in Berlin ernannt und dadurch automatisch zum deutschen Staatsbürger. Auch im Landkreis Holzminden betrieben die Nationalsozialisten ab 1930 planmäßig Propaganda und nutzen alle Mittel, um ihre Gegner mit legalen und illegalen Möglichkeiten zu bekämpfen. Der Historiker und Holzmindener Stadtarchivar Dr. Matthias Seeliger hat in der neuen Ausgabe des Jahrbuches des Heimat- und Geschichtsvereins unter dem Titel „Deutscher Tag und „Deutscher Tanz - Nationalsozialistische Propaganda im Kreis Holzminden 1930 bis 1932“ die Wahlkämpfe und das Auftreten der Nazis untersucht.
Allein zwischen September 1930 und November 1932 wurden die Wähler im Landkreis Holzminden acht Mal an die Urnen gerufen. Zehn Wahlen gab es zu entscheiden, darunter drei Reichstagswahlen, zwei Wahlgänge zur Bestimmung des Reichspräsidenten, Landtags- und Stadtverordnetenwahlen sowie Volksbegehren und -entscheid zur Auflösung des Landtags. Die einzelnen Parteien und Gruppierungen betrieben ihre Wahlkämpfe mit unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Aufwand. Allein für die beiden Wahlgänge für den Reichspräsidenten im März und April 1932 zählte man nur in der Kreisstadt Holzminden zehn Veranstaltungen der NSDAP, sieben kommunistische Wahltermine, vier Wahlveranstaltungen der Eisernen Front und jeweils einen Auftritt des Stahlhelms und des Jungdeutschen Ordens. Auffallend sei, so analysiert Dr. Seeliger in seinem sachkundigen und lesenswerten Artikel, dass die politische Mitte sich kaum auf diesem Wege zu Wort melde und den Wahlkampf komplett den Extremisten überließ. Im Kreisgebiet waren die Nazis in dieser Zeit sogar mit 44 Veranstaltungen präsent.
Allein aus dem Archiv des Täglichen Anzeigers konnte der Autor für die Zeit von März 1930 bis Januar 1933 247 öffentliche Veranstaltungen der NSDAP oder ihrer Gliederungen registrieren. „Alle anderen am Ende, Hitler am Anfang, die Vernichtung des Systems ist das Ziel“ lauteten die Schlagwörter und Parolen, die Funktionäre und Abgeordnete der Nazi-Partei auf den Veranstaltungen brüllten. Das größte Feindbild für die braunen Redner im Landkreis Holzminden waren die Sozialdemokraten. Besonders die Finanz- und Schulpolitik der SPD vor 1930 wurde zum Hauptthema. „Gegen marxistische Gemeinheit, gegen marxistischen Volksbetrug“ lautete beispielsweise das Thema einer Veranstaltung der NSDAP.
Die Sozialdemokraten als eine der letzten demokratischen Parteien in der untergehenden Weimarer Republik mussten nicht nur die Angriffe der NSDAP ertragen. Die KPD hatte sich ebenfalls die SPD als Feindbild Nummer eins erkoren und störte den Wahlkampf der Sozialdemokraten bei jeder Gelegenheit. Als etwa 1930 und 1932 vor Landtags- und Reichstagswahlen Großveranstaltungen der SPD auf dem Holzmindener Marktplatz stattfanden, verhinderten Brüllkommandos der KPD die Durchführung.
Den Konflikt zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten nutzen die Nazis geschickt für ihre Propaganda. So traten im Landkreis Holzminden mehrere Redner der NSDAP auf, die als „frühere Marxisten“ vorgestellt wurden. Werbewirksam wurden solche Auftritte verbunden mit Erklärungen ehemaliger ortsbekannter Kommunisten oder Sozialdemokraten, die ihren „spontanen“ Übertritt zur NSDAP während der Veranstaltung bekanntgaben. Dabei handelte es sich natürlich um vorbereitete Aktionen. Diese Propagandaveranstaltungen der Nazis hatten nichts mit klassischen Wahlterminen zu tun. Wenig Aufklärung, aber viel Polemik, Gewalt und Hetze prägte diese Auftritte.
Schon vor 1933 hatten die Juden im Landkreis Holzminden unter den Attacken der braunen Horden zu leiden. Schon im März 1930 konnte man vor einer Wahlveranstaltung der NSDAP die Aufschrift „Kein Zutritt für Juden lesen“. Bei einer Wahlveranstaltung in Ottenstein wurde 1932 beispielsweise die „restlose Beseitigung der Juden aus Wirtschaft, Verwaltung und Kultur“ gefordert.
Eine wichtige Rolle in der Propaganda der Nazis spielten „Deutscher Tag“ und „Deutscher Tanz“. Erstmals wurde im Mai 1931 von der Ortsgruppe Stadtoldendorf der NSDAP ein „Deutscher Tag“ veranstaltet. Ein Parteiredner berichtete über die Ziele der NS-Bewegung, lokale Größen sprachen über grundsätzliche Fragen der NS-Politik, dazu wurde gesungen, Gedichte wurden vorgetragen und die SA stellte „lebende Bilder“ als szenische Darstellungen. Bei manchen „Deutschen Tagen“ wurden Theaterstücke von NS-Dichtern aufgeführt; dazu kamen auch Tanzveranstaltungen („Deutscher Tanz“). Vier weitere „Deutsche Tage“ werden 1931 in Holzminden, Eschershausen und Bevern gezählt, für 1932 sind mehrere „Deutsche Tage“ festgehalten worden - in Holenberg, Linnenkamp, Holzminden, Stadtoldendorf, Vorwohle, Mainzholzen, Deensen, Neuhaus, Boffzen, Derental, Heinade, Hellental und Bisperode.
Undenkbar wäre der Aufstieg der Nazis mit der „Eroberung der Macht“ ohne die Braunhemden der SA. Diese Männer waren der verkörperte Wille der NSDAP, mit allen Mitteln an die Macht zu kommen und Terror auszuüben. Bis in den kleinsten Ort waren diese Truppen präsent. Erstmals tauchten sie im Kreisgebiet im Sommer 1930 in Stadtoldendorf auf, Anfang 1931 wurde der „Sturm 3/164 Holzminden“ der SA aufgestellt, im Herbst 1931 wurde erstmals der „Sturm 6/164 Stadtoldendorf“ erwähnt. Ende 1931 wurden SA-Gruppen in Halle, Ottenstein und Grave gegründet. Weitere Gründungen folgten 1932, so in Eschershausen, Boffzen, Neuhaus, Lauenförde und anderen Orten. Schon August 1932 konnte der Holzmindener Sturmbann der SA eine Stärke von 1.000 Mann melden, dazu wurden Sonderformationen wie Reitertrupps und Kraftfahrerkolonnen gegründet.
Die SA zeichnete sich bei zahlreichen Wahlkämpfen durch Schlägereien, Saalschlachten und Überfalle aus. Zwischenrufe und Störmanöver waren am Anfang die „harmlosen“ Mittel, später wurden die Nazis handgreiflich. So wurden schon beim ersten öffentlichen Auftreten der SA in Holzminden am 24. Januar 1931 Schlägereien mit dem politischen Gegner gemeldet. Auch aus Hehlen, Braak, Bodenwerder, Lüerdissen, Bisperode und Bevern liegen Nachrichten über Saalschlachten und Handgreiflichkeiten vor. Allerdings waren diese Zwischenfälle im Vergleich mit den Vorgängen in den damaligen Großstädten relativ geringfügig, wo damals teilweise bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Aber diese Berichte sind ein deutliches Zeichen für die typische Vorgehensweise der Nationalsozialisten, ob in Berlin oder im Landkreis Holzminden (fhm).

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