Golmbach (24.09.05). Ein kleines Loch im Bergmassiv, eine Zufahrtsstraße, daneben drei Wohn-Container. Völlig unscheinbar sieht er aus, der Eingang zur „Grube Breitestein” zwischen Golmbach und Rühle. Ruhig ist es hier zwischen den bewaldeten Berghängen, Menschen sind keine zu sehen, nur ein Lkw verschwindet drei bis vier Mal am Tag in dem Loch, um kurz darauf - beladen mit weißem Gestein - wieder an die Oberfläche zu kommen.
„Es ist Bergbau in seiner kleinst möglichen Form, den wir hier betreiben”, erklärt Christian Waldeck, Grubenbetriebsleiter beim Knauf-Gipswerk Stadtoldendorf, während er sich eine Grubenlampe auf seinen weißen Helm schnallt. Gelegentlich fährt der Berg-Ingenieur hinunter zu seinen Kollegen in den Stollen, um nach dem Rechten zu sehen.
Von dem Muschelkalkgips, der in der Grube Breitestein abgebaut wird, benötigt das Stadtoldendorfer Gipswerk nicht viel, der Rohstoff wird bei der Produktion mit anderen Gips-Sorten vermischt. So erklärt sich, dass mit Helmut Baulecke und Karsten Engelke nur zwei Menschen gleichzeitig in den weitläufigen Stollen arbeiten, in zwei Schichten wechseln sie sich mit Erhard Forster und Wilhelm Lages ab.
Mit einem ganz normalen VW Passat geht es hinein in den Berg, 80 Meter „unter Tage”. Das Sonnenlicht ist schon nach wenigen Metern verschwunden, es ist absolut dunkel. Die Grubenlampen geben nur spärliches Licht, zusätzlich leuchten die Bagger und Bohrgeräte, die abwechselnd bedient werden, das Areal aus. Vom Klima draußen bekommt man hier drinnen nichts mit. „Wir haben immer 14 Grad, Sommer wie Winter”, sagt Christian Waldeck.
Wer sich in dem Bergwerk nicht auskennt, könnte sich in dem weitläufigen Gitternetz aus Gängen schnell verirren. Für den Berg-Ingenieur und seine Männer ist das natürlich kein Problem. Der Ingenieur hat einen aktuellen Lageplan der Grube maßstabsgetreu in seinem Büro hängen, und natürlich auch im Kopf.
Derzeit arbeiten sich seine Bergleute durch die „Strecke Louise” in Richtung Weser vor. Dort soll eine zweite Öffnung in den Hang gebohrt werden. Zur Sicherheit, damit es eine zweite Flucht-Möglichkeit gibt. Jeden Tag kommen die Männer fünf bis zehn Meter voran. In horizontaler Richtung folgt man dem natürlichen Verlauf der zwei bis drei Meter starken Gips-Schicht, die mit bloßem Auge von dem anderen Berg-Gestein zu unterscheiden ist. Zusätzliche Stützen sind nicht nötig, die sieben Meter breiten Gänge tragen sich selbst.
Jeden Tag muss gesprengt werden. Für Helmut Baulecke und Karsten Engelke reine Routine. Zuerst treiben sie mit einem Spezialbohrer dünne Löcher vier Meter tief in das Bergmassiv. Wichtig: In der Mitte wird zusätzlich ein größerer Kern von zwanzig Zentimetern herausgebohrt.
„Damit sich der Druck ausbreiten kann”, weiß der Experte. Als Sprengstoff kommt Amoniumnitrat zum Einsatz, das aussieht wie Blumendünger - und sogar aus ähnlichen Stoffen besteht. Das wird mit einem Schlauch in die Bohrlöcher gepumpt, mit Zünddrähten verkabelt, schon ist die explosive Mischung fertig.
Gezündet wird aber erst in sicherer Entfernung, ein paar Stollengänge weiter. Auch die Baufahrzeuge werden in Nebenstollen in Sicherheit gebracht. Ein letzter Rat des Sprengmeisters - Ohren zu, Mund auf, wegen des Drucks - schon dreht Baulecke kurz an der Kurbel und drückt den Knopf. Die Lautstärke der Explosion ist enorm, richtig furchteinflößend aber ist die Erschütterung, die das ganze Bergmassiv erzittern lässt und noch ziemlich lange spürbar ist. Der Berg hält das aus, versichern die Fachleute. Lose Steine werden später mit einem speziellen Bagger regelrecht von der Decke „gekratzt”.
Zurück zur Explosionsstelle können die Arbeiter aber nicht sofort. Mindestens eine Stunde müssen sie abwarten, bis die entstandenen giftigen NOx-Gase Dämpfe von der Lüftungsanlage abgesaugt werden. Der Gestank erinnert ein bisschen an faule Eier.
Das gesprengte Gestein, meist zehn bis 15 Kubikmeter, wird später auf einen Lkw verladen und nach Stadtoldendorf gefahren, wo es am Gipswerk weiterverarbeitet wird. Und wenn der Stollen freigeräumt ist, kann die nächste Sprengung vorbereitet werden. 1,5 „Orte” schaffen die Männer im Schnitt pro Schicht.
So dürfte es in der Grube Breitestein nach den Plänen von Knauf noch mindestens die nächsten zehn Jahre weiter gehen. So lange reicht das „Muschelkalkgips”-Vorkommen noch, das sich vor 215 Millionen Jahren im Weserbergland gebildet hat, noch aus (nig).